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Alphabetisierung
Helfen ohne zu stigmatisieren

In den vergangenen Jahren haben Bundesbildungsministerium und die Kultusminister der Länder Millionen in Programme zur Förderung von funktionalen Analphabeten gesteckt. Nicht genug, meint Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und will die Anstrengungen gemeinsam mit den Ländern noch einmal verstärken.

Von Christine Habermalz | 08.09.2015

    Das Wort "Alphabet", zusammengesetzt aus Buchstaben-Nudeln
    Das Wort "Alphabet", zusammengesetzt aus Buchstaben-Nudeln (picture alliance / Universität Jena)
    Als vor vier Jahren erstmals eine Studie die Zahl der tatsächlichen Analphabeten in Deutschland aus der Grauzone holte, war das Ergebnis erschreckend. Im Bildungsland Deutschland können 7,5 Millionen Menschen so schlecht lesen und schreiben, dass sie Wörter nicht zu Sätzen und Texten zusammenfügen können. Damit sind 14 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland sogenannte "funktionale Analphabeten". Als Reaktion hatten Bundesbildungsministerium und die Kultusminister der Länder bereits 2012 eine Nationale Strategie gegen Analphabetismus verkündet. In den letzten vier Jahren sind allein vom Bund über 50 Millionen Euro geflossen in eine Öffentlichkeitskampagne mit TV- und Radiospots und in knapp 60 Projekte bundesweit. Doch das sei noch nicht genug, räumte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka ein. Das Thema gewinne aus vielerlei Hinsicht an Brisanz. Die Komplexität der Arbeitswelt nehme immer mehr zu, aber auch der aktuelle Flüchtlingsstrom werde das Problem noch verschärfen.
    "Von den Menschen, die zu uns kommen, die bei uns bleiben werden, haben wir auch nicht nur die Menschen, die gut ausgebildet sind. Sondern auch einen nicht unerheblichen Anteil von Analphabeten in ihrem eigenen Land."
    Bund und Länder wollen daher ihre Anstrengungen in den nächsten zehn Jahren noch einmal vervielfachen. Gemeinsam mit der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth, rief sie heute eine "Dekade der Alphabetisierung" aus.
    "Das ist von unserer Seite ein politisches Versprechen, vonseiten des Bundes und der Länder, in diesem Bereich dem Thema besonderes Gewicht zu geben, und wir werden vonseiten des Bundes diese Dekade mit mindestens 180 Millionen Euro, in unterschiedlichster Formen angelegt, für Kurskonzepte, für Öffentlichkeitsarbeit, für Selbstlernmöglichkeiten, einsetzen."
    Menschen am Arbeitsplatz erreichen
    Analphabetismus ist ein komplexes Problem. Das Thema ist mit viel Scham besetzt, viele Betroffene leben ein aufwendiges Doppelleben, führen schlechte Augen oder andere Ausflüchte ins Feld, um ihre Schwäche vor allem am Arbeitsplatz geheim zu halten. Besonders erfolgreich seien daher leicht zugängliche Angebote wie die vom Bund geförderte Internet-Plattform "Ich will lernen.de" - darüber seien in den vergangenen Jahren fast 500.000 Menschen erreicht worden - gegenüber gerade einmal 20.000, die sich pro Jahr zu einem Volkshochschulkurs anmelden. Weil nicht jeder einen PC mit Internetzugang besitze, soll die Plattform bald auch auf Smartphones funktionieren, kündigte Wanka an. Damit sollen auch Flüchtlinge erreicht werden. In den Aufnahmeeinrichtungen sollen Kinder künftig schon früh ans Lesen und an die deutsche Sprache herangeführt werden - etwa durch Lesepaten und Bücherboxen. Doch das Problem trifft beileibe nicht nur Migranten.
    "60 Prozent der 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig. Was heißt das? Wie gehen diese Menschen damit um, wenn es darum geht, eine Anweisung für die Arbeitssicherheit zu lesen? Wie gelingt es, ein Pflegeprotokoll korrekt zu erstellen, wie beantragen diesen Menschen Kindergeld?"
    Fragt die sächsische Kultusministerin Kurth. Es sei daher wichtig, die Menschen am Arbeitsplatz zu erreichen, ohne sie zu stigmatisieren. Hier seien auch die Arbeitgeber gefragt. Viele Betroffene haben eine nur geringe Schulbildung, aber auch Menschen mit Schulabschluss und sogar höherer Bildung sind darunter. Das wirft auch Fragen auf. Wie kann es sein, dass diese Menschen durch die Schulen kommen, immer wieder durchs Raster fallen? Man wisse noch längst nicht alles über das Thema, räumte Wanka ein. Mehr Geld solle daher künftig auch in die verbesserte Diagnose fließen - und in die Forschung.