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StartseiteCampus & KarrierePädagoge Schrader: Was wir bisher getan haben, genügt nicht01.03.2021

Alphabetisierung und GrundbildungPädagoge Schrader: Was wir bisher getan haben, genügt nicht

Etwa 6,2 Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen oder schreiben. Das von der Politik im Projekt "Alphadekade" formulierte Ziel, diese Zahl bis 2026 deutlich zu senken, sei nicht zu erreichen, sagte der Pädagogik-Professor Josef Schrader im Dlf. Trotzdem sieht er auch Erfolg.

Josef Schrader im Gespräch mit Thekla Jahn

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Die Finger eines älteren Mannes gleiten über die Zeilen eines Buchs für Leseanfänger. (picture alliance / dpa Themendienst | Kai Remmers)
„Das Thema Analphabetismus wurde über Öffentlichkeitsarbeit enttabuisiert“, sagt Josef Schrader (picture alliance / dpa Themendienst | Kai Remmers)
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Im Jahr 2016 haben Bund und Länder das Projekt "Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung" ("Alphadekade") gestartet. Innerhalb von zehn Jahren sollen möglichst viele Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten erreicht und zum Lernen motiviert werden. In einer Bevölkerungsumfrage wurde nun Zwischenbilanz gezogen. 

Die Umfrage zeige unter anderem, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Lesen als eine fundamentale Kompetenz betrachte, erklärte Josef Schrader, wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in Bonn. Zugleich werde deutlich, dass Menschen mit geringer Lesekompetenz besondere Schwierigkeiten dabei haben, sich unter den aktuellen Bedingungen relevante Informationen zu verschaffen. 

Die Schwierigkeit, Betroffene zu erreichen

Unter denjenigen, die lesen anstrengend finden, wiesen 58 Prozent darauf hin, dass sie offizielle Corona-Verordnungen von Ämtern oder Behörden kaum verstehen könnten und Schwierigkeiten dabei hätten, Informationen über aktuelle Regelungen aus Nachrichtensendungen oder von Nachrichtenseiten im Internet zu verstehen.

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Mit den klassischen Ansprachestrategien von Weiterbildungseinrichtungen würden Menschen, die im höheren Alter das Lesen lernen möchten, oftmals nicht erreicht, so Schrader. "Man macht Angebote und wartet dann auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer".

Aufsuchende Bildungsarbeit soll Zugang erleichtern

Glücklicherweise werde die sogenannte aufsuchende Bildungsarbeit verstärkt. Dabei wird Zugang zu den Adressaten der Angebote direkt über deren Lebenswelt gesucht, wie die Arbeit, Kollegen und Vorgesetzte.

"Das Thema Analphabetismus wurde über Öffentlichkeitsarbeit enttabuisiert", sagte Schrader. "Das ist ja die Voraussetzung dafür, dass auch im privaten Kreis, in den Vereinen, in der Nachbarschaft solche Personen identifiziert werden können, sodass sie dann – sensibel und rücksichtsvoll – angesprochen werden können."


Das Interview in voller Länge:

Jahn: 6,2 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht richtig lesen und schreiben können, das ist eine hohe Zahl, und sie stimmt nachdenklich, denn wer nicht ausreichend lesen kann, ist von vielen Informationen ja abgeschnitten, gerade jetzt in Corona-Zeiten. Zu welchen Ergebnissen kommt die aktuelle Bevölkerungsbefragung, die heute zur Halbzeitbilanz veröffentlicht wird?

Schrader: Die zeigt unter anderem zum einen, dass eine weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Lesen als eine fundamentale Kompetenz betrachtet. Wichtiger genommen wird erstaunlicherweise nur der Umgang mit Geld – oder möglicherweise ist das auch nicht überraschend –, es steht sozusagen in der Wertschätzung der Bevölkerung ganz, ganz oben. Zugleich zeigt die Bevölkerungsumfrage aber auch, dass diejenigen, von denen wir sagen, sie verfügen über geringe Lesekompetenzen, sie sind gering literarisiert, besondere Schwierigkeiten haben, unter den aktuellen Bedingungen, den Corona-Bedingungen, sich die Informationen zu verschaffen, die sie benötigen.

So sind es etwa bei denjenigen, die Lesen anstrengend finden, 58 Prozent, die darauf hinweisen, dass sie zum Beispiel offizielle Corona-Verordnungen von Ämtern oder Behörden kaum verstehen können, dass sie Schwierigkeiten haben, Informationen über aktuelle Corona-Regelungen aus Nachrichtensendungen oder Nachrichtenseiten im Internet zu verstehen. Das sind natürlich sehr, sehr große Zahlen, die zur Verunsicherung führen und in Teilen möglicherweise auch verständlich machen, wie groß derzeit die Anspannung, die Krisenstimmung in der Bevölkerung ist bezogen auf ein Ende der Pandemie.

Klassische Ansprachestrategien erreichen Betroffene oft nicht

Jahn: Wenn Lesen der Schlüssel zu Informationen ist, zu Wissen ist, dann ist natürlich die Frage, wie lassen sich die Betroffenen erreichen, welche Ansprache, welche Lernangebote erweisen sich als wirkungsvoll und motivierend, um Lesen und Schreiben auch noch in höherem Alter zu lernen?

Schrader: Das ist natürlich eine der Kernfragen. Da muss man zunächst ganz nüchtern feststellen, dass wenn man diese 6,2 Millionen zum Ausgangspunkt nimmt, es eine große Diskrepanz gibt zwischen denjenigen, die grundlegenden Qualifizierungsbedarf im Umgang mit der Schriftsprache haben, und einige Zehntausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Alphabetisierungskursen oder an arbeitsplatznahen Qualifizierungsmaßnahmen auf der anderen Seite. Eine der großen Herausforderungen wird darin bestehen, diese Lücke in den kommenden Jahren zu schließen. Grundlegend muss man in Rechnung stellen, dass diejenigen, die man erreichen möchte mit den klassischen Ansprachestrategien von Weiterbildungseinrichtungen – man macht Angebote und wartet, in Anführungszeichen, dann auf Teilnehmerinnen und Teilnehmer –, nur schwer erreicht werden können.

Deswegen sind in den letzten Jahren sehr viele Versuche unternommen worden, sogenannte aufsuchende Bildungsarbeit zu praktizieren, also Zugang zu den Adressatinnen und Adressaten zu finden über ihre Lebenswelt, über die Arbeitswelt, über Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz oder Vorgesetzte, die dann auf diese Personen zugehen, sie unterstützen, begleiten in vertrauensvollen Beziehungen und sie möglicherweise dann auch motivieren, an arbeitsplatznahen Qualifizierungsmaßnahmen teilzunehmen oder auch Kurse, etwa an Volkshochschulen oder anderen Bildungseinrichtungen.

Jahn: Wenn ich Sie richtig verstehe, ist das auch ein bisschen ein Aufruf an jeden, auf seinen Mitmenschen zu achten und möglicherweise, wenn man bemerkt, da kann jemand nicht so richtig lesen und schreiben, zu versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen, mit ihr ins Gespräch zu kommen und vielleicht auch auf Angebote hinzuweisen, sich weiterzubilden, oder wäre das zu übergriffig?

Schrader: Das kann natürlich übergriffig sein, aber zunächst mal ist es sehr wichtig, überhaupt für ein solches Phänomen sensibilisiert zu sein, und da hat Dekade, weil Sie nach Zwischenbilanz gefragt haben, sicher in den vergangenen Jahren sehr vieles erreicht, indem über Öffentlichkeitsarbeit das Thema enttabuisiert wurde. Das ist ja die Voraussetzung erst mal dafür, dass auch im privaten Kreis, in den Vereinen, in der Nachbarschaft solche Personen identifiziert werden können, sodass sie dann sensibel und rücksichtsvoll angesprochen werden können.

Jahn: Dazu gehört es sicherlich auch, das Vorurteil abzubauen, dass wer nicht richtig lesen und schreiben kann, auch nicht richtig arbeiten kann, denn das eine hat mit dem anderen nicht unbedingt etwas zu tun.

Schrader: Das ist in der Tat so. Die überwiegende Mehrzahl der Personen, über die wir gerade gesprochen haben, ist tatsächlich in das Erwerbssystem integriert, arbeitet, häufig in angelernten, in ungelernten Berufen, aber nicht ausschließlich, findet also Zugang zu Erwerbstätigkeit. Von daher bedeutet mangelnde Lesefähigkeit nicht unbedingt Ausschluss von der Möglichkeit, seinen eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, aber natürlich sind die Beschäftigungsmöglichkeiten eingeschränkt.

Lernziele sollten den Alltag erleichtern

Jahn: Ein wichtiger Punkt ist sicherlich die Eigenmotivation, lesen und schreiben zu lernen. Wie kann man die Hemmschwelle bei den Personen, die das nicht richtig können, herabsetzen, dass sie plötzlich Lust empfinden, Spaß daran, motiviert sind?

Schrader: Die Lernangebote, die von den Adressatinnen und Adressaten tatsächlich als motivierend betrachtet werden, das scheint immer dann der Fall zu sein, wenn dieser Umgang mit der Schriftsprache sehr enge Anschlussmöglichkeiten an alltägliche Arbeitsaufgaben, Lebensaufgaben beinhaltet – wenn es also darum geht, Berichte zu schreiben, Schadensberichte zu schreiben, wenn es darum geht, Übergabeprotokolle angemessen lesen zu können, oder wenn es darum geht, auf Briefe, die man von Behörden erhalten hat, angemessen reagieren zu können, indem man sie zunächst zutreffend versteht und dann möglicherweise sogar angemessen reagieren kann. Also Anwendungsnähe, Handlungsrelevanz sind, wenn man so will, didaktische Prinzipien, die eine große Rolle spielen, insbesondere bei dieser Adressatengruppe.

Jahn: Was glauben Sie, wird in den nächsten fünf Jahren der AlphaDekade passieren? Wenn wir aktuell von 6,2 Millionen Menschen ausgehen, die nicht richtig lesen und schreiben können, wie klein könnte die Zahl in fünf Jahren sein?

Schrader: Das ist sehr schwer abzuschätzen, ohne diese Dekade wird man in diesem Feld überhaupt gar nicht vorankommen. Aber wenn Sie fragen, wie können wir von dieser Zahl von 6,2 Millionen deutlich herunterkommen, dann wird alles das, was wir bisher dazu unternommen haben – und da schließe ich jetzt uns als Wissenschaftler durchaus ein –, das wird nicht genügen, um diesen Anteil zu halbieren, und das sehe ich ehrlich gesagt nicht.

Jahn: Weshalb?

Schrader: Weil wir ja nicht nur über diejenigen Personen nachdenken müssen, die bei uns zur Schule gegangen sind und trotzdem nicht oder nicht mehr hinreichend lesen und schreiben können, sondern wir müssen uns auch mit Herausforderungen auseinandersetzen, dass wir eine große Gruppe von Zugewanderten haben, die möglicherweise in ihrer Herkunftssprache literarisiert sind, aber über nicht hinreichende Kompetenzen im Umgang mit Deutsch als Bildungssprache verfügen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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