Montag, 23. Mai 2022

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Alt trifft neu

Beethoven und Bernstein, Brahms und Strawinsky, Mendelssohn und Schostakowitsch, Sibelius und Schönberg - das sind Repertoire-Paarungen, auf die ein Radio- oder Konzert-Programmgestalter nicht unbedingt kommen würde. Die junge amerikanische Geigerin Hilary Hahn jedoch wagt genau dieses: Sie spannt bei vielen ihrer CD-Veröffentlichungen ein großes, wohlbekanntes klassisches Violinkonzert mit einem weniger bekannten des 20. Jahrhunderts zusammen - und überzeugt damit ihre Hörer immer wieder.

Von Ludwig Rink | 30.01.2011

Jüngstes Beispiel für diese Programmpolitik ist ihre neueste, jetzt bei der Deutschen Grammophon erschienene CD mit einem "Schlachtross" der Geigenliteratur, dem Violinkonzert von Peter Tschaikowsky, dem sie ein 2008 eigens für sie komponiertes Konzert von Jennifer Higdon gegenüberstellt. Und es funktioniert wieder: Das jüngere Werk reinigt gleichsam die Ohren, macht den Kopf frei für ganz neue Klangerfahrungen, sodass man den wohlvertrauten Klängen des Tschaikowsky-Konzertes dann mit ganz neuer Aufmerksamkeit folgt. Das Staunen über der Interpretin makelloses Spiel weicht dabei bald der Gewissheit, dass diese uns schlafwandlerisch sicher durch technisch vertrackte Stellen führen und uns den musikalischen Gehalt, den tieferen Sinn jedes Abschnitts, ja jedes Tons erschließen wird.

" Peter Tschaikowsky
aus: Konzert für Violine und Orchester D-dur, op. 35, 1. Satz
Hilary Hahn, Violine
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Leitung: Vasily Petrenko
Deutsche Grammophon Gesellschaft (LC 0173) 477 8777 "

Hilary Hahn, im letzten November 31 Jahre alt geworden, hatte ihren ersten öffentlichen Auftritt als Sechsjährige. Mit zehn wurde sie am Curtis Institute of Music in Philadelphia Studentin beim renommierten Professor Jascha Brodsky. Mit zwölf Jahren gab sie ihr Debüt bei einem großen Orchester, dem Baltimore Symphony Orchestra, was sogleich Einladungen zu den berühmten amerikanischen Sinfonieorchestern nach Cleveland, Pittsburgh und New York zur Folge hatte. Inzwischen hat Hilary Hahn insgesamt über 800 Konzerte gegeben, davon über 500 zusammen mit Orchestern. Sie ist in über 200 Städten in 27 Ländern auf vier Kontinenten aufgetreten und hat dabei mit 150 Dirigenten zusammengearbeitet.

Die Komponistin Jennifer Higdon kennt Hilary Hahn noch von gemeinsamen Zeiten am Curtis Institute of Music in Philadelphia. Da war die Geigerin 16 und erfuhr von der dort unterrichtenden Komponistin vieles über die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ein paar Jahre nach ihrem Studienabschluss war Hilary Hahn dann an der Uraufführung eines Fagottquartetts von Jennifer Higdon beteiligt. Da entstand die Idee, für eine Violinsonate oder ein Violinkonzert weiter zusammenzuarbeiten. Es wurde schließlich ein Konzert, fertiggestellt im Herbst 2008. Mit seinen verschachtelten Rhythmen, ungewöhnlichen Kombinationen der Orchesterinstrumente und vielen solistischen oder kammermusikalischen Passagen für die Orchestermusiker wurde es ein schwieriges, viel Probenzeit erforderndes Unterfangen. Doch die Arbeit hat sich gelohnt: Im Ergebnis klingt dieses neue Violinkonzert überhaupt nicht kompliziert, sondern ist von einer erfrischenden Direktheit, äußerst fantasievoll und überaus farbig. Thematische Bezüge und die Wiederaufnahme ähnlicher Instrumentation erleichtern beim Hören den Überblick, es macht Freude, die Weiterentwicklung des einmal vorgestellten musikalischen Materials zu verfolgen, denn diese geschieht zwar konsequent und nach allen Regeln der Kunst, bleibt dabei aber meist leichtfüßig und spielerisch. Dabei setzt Higdon auch durchaus ungewöhnliche Arten der Klangerzeugung ein, zum Beispiel gleich am Beginn des Konzertes, wo kleine Zimbeln und Glockenspiel mit Stricknadeln traktiert werden. Dies jedoch soll und wird niemanden schockieren, denn auch ihre geräuschhaften Klänge sind meist geprägt von großer Poesie.

" Jennifer Higdon
aus: Violin Concerto
Hilary Hahn, Violine
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Leitung: Vasily Petrenko
Deutsche Grammophon Gesellschaft (LC 0173) 477 8777 "

Wie schon bei den früheren Einspielungen der moderneren Violinkonzerte von Schönberg, Strawinsky, Schostakowitsch oder Edgar Meyer fällt auch hier wieder auf, dass die Interpretationen von Hilary Hahn so zwingend, so einleuchtend sind, dass sich auch dem unvorbereiteten Hörer die Schönheiten dieser zunächst vielleicht ein wenig unnahbaren Werke erschließen. Auch hier ist es wieder verblüffend, mit welcher Leichtigkeit ihr und dem bestens vorbereiteten, hoch motivierten Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vasily Petrenko diese schlüssige Darstellung gelingt. Was auf dem Papier zunächst noch konstruiert erscheint, fängt bei diesen Musikern an zu singen. Man glaube allerdings nicht, dass dies einem Interpreten einfach in den Schoss fällt. Vielmehr erfordert es gerade bei neuer Musik intensives Studium der Partitur, um am Ende den Sinn aller Zeichen zu verstehen und theoretisch und in der praktischen Ausführung über jedes noch so kleine Detail Bescheid zu wissen. Hinzu kommt gerade hier die Notwendigkeit der ausführlichen Erprobung zusammen mit den Musikern des Orchesters - eine kurze Abstimmungs-Probe wird dafür nicht reichen. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, gibt es eine Chance, dass auch neue Musik ihre Schönheiten entfalten und zunehmend weitere Hörerkreise in ihren Bann ziehen kann.

" Jennifer Higdon
aus: Violin Concerto
Hilary Hahn, Violine
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Leitung: Vasily Petrenko
Deutsche Grammophon Gesellschaft (LC 0173) 477 8777 "

Und wie sieht es nun mit dem Schlachtross der Violinliteratur aus, dem D-Dur-Konzert von Peter Tschaikowsky, das Hilary Hahn zusammen mit diesem zeitgenössischen Werk von Jennifer Higdon auf CD vorlegt? Hier bestätigt sich erneut, was man schon 2004 beim Violinkonzert von Edward Elgar oder 2008 beim Sibelius-Konzert beobachten konnte: Hilary Hahn spielt romantische Musik mit einer wohltuenden Sachlichkeit. Nichts ist dick aufgetragen oder kommt aufgeplustert daher, der Gestus ist kontrolliert und bescheiden. Dennoch verfügt sie über eine riesige Ausdruckspalette, über eine Vielzahl von Farben und Zwischentönen, über eine große Beweglichkeit bei der Darstellung musikalischer Charaktere. Ihre Intonation ist ohnehin blitzsauber, ihre musikalischen Bögen sind sinnvoll gespannt, ihre Virtuosität steht außer Frage. Nur arbeitet sie eben mit deutlich weniger Vibrato oder geigentypischem "Schluchzen" als manche ihrer Kolleginnen und Kollegen, was der Klarheit der Linien eindeutig zugutekommt.

" Peter Tschaikowsky
aus: Konzert für Violine und Orchester D-dur, op. 35, aus: 2. Satz Canzonetta
Hilary Hahn, Violine
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra
Leitung: Vasily Petrenko
LC 0173 Deutsche Grammophon Gesellschaft
477 8777 "

Der Reigen hochbegabter junger Geigerinnen in der Generation nach Anne-Sophie Mutter ist beeindruckend. Alle Musikliebhaber können sich über diese Vielfalt freuen und wollen Lisa Batiashvili, Julia Fischer, Baiba Skride, Janine Jansen, Arabella Steinbacher, Alina Pogostkina oder Hilary Hahn auch nicht gegeneinander ausspielen. Bei Hilary Hahn beeindruckt die Konsequenz, mit der sie sich und uns das Geigenrepertoire zwischen Bach und Jennifer Higdon erschließt und bisher in allen Fällen nicht nur für makellose Interpretationen gesorgt, sondern gerade auch bei weniger bekannten Werken durch ihre glasklare und überlegte Art der Ausführung für viele erst den Zugang zu dieser Musik ermöglicht hat. Das ist nach wie vor höchst bemerkenswert.

" Peter Tschaikowsky
aus: Konzert für Violine und Orchester D-dur, op. 35, letzter Satz (Schluss)
Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, Leitung: Vasily Petrenko
Deutsche Grammophon Gesellschaft (LC 0173) 477 8777 "