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StartseiteEuropa heuteGroßbritannien: Oma-Mode von Welt31.08.2018

Alt werden in Europa (5/5)Großbritannien: Oma-Mode von Welt

Die Modebranche kümmert sich kaum um die Zielgruppe Senioren. Dabei haben auch alte Frauen schöne Handgelenke und schöne Beine, sagt Fanny Karst. Ihr Label "oldladiesrebellion" hat der Damenmode in Beige und Pastell den Kampf angesagt.

Von Ruth Rach

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Eine modisch in Violett gekleidete Seniorin mit Perlenkette, Sonnenbrille und Hut posiert vor dem Berliner Fernsehturm (imago stock&people)
Graue Haare zwingen nicht zu beigefarbener Kleidung: Eine stilbewusste Seniorin in Berlin (imago stock&people)
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Sie schleppt zwei riesige Koffer quer durch London. Fanny Karst, Ende 20, groß, schmal, Modeschöpferin. Braune Augen, keinerlei Make up. Und betont schlicht gekleidet: gerade geschnittener Jeansrock, grau-weiß gestreifte Hemdbluse. Nur ihre Schuhe - knallgrüne Sneakers - setzen einen rebellischen Akzent. Und genau dieser Mix ist ihr Markenzeichen: klassisches Understatement plus Rock 'n' Roll. Fanny Karst, Gründerin des Labels "oldladiesrebellion", macht ausschlieβlich Mode für alte Damen, simpel, witzig und ziemlich cool.

"Meine Oma hab ich ungemein bewundert"

Wir treffen uns im Café hinter der Royal Academy. Schräg gegenüber ist die Savile Row, die Goldene Meile der Londoner Herrenschneider. Eigentlich hat Fanny fast keine Zeit. Gestern ist sie aus New York eingeflogen, am Abend reist sie nach Frankreich weiter, davor will sie noch schnell in die Savile Row.

"In meiner Familie spielt die ältere Generation die wichtigste Rolle. Vor allem meine Oma. Sie hab ich ungemein bewundert. Eigentlich hatte meine Groβmutter überhaupt nichts für Mode übrig, dennoch war sie ausgesprochen elegant. Die Art, wie sie sich bewegte. Wie sie sich ausdrückte. Wer ein gewisses Alter erreicht hat ist ungemein frei. Wie sagte schon Jean Cocteau: 'Die Jugend kommt erst mit dem Alter'."

Fanny zieht ihr iPad heraus und klickt auf ihre website: oldladiesrebellion.com. Ihre Kollektionen tragen Parolen wie "Great Escape", und "Freedom" - "Große Flucht" und "Freiheit". Fanny deutet auf ihr Lieblingsfoto: eine elegante weißhaarige Dame in einem schlichten silberschimmernden Anzug und einem T-Shirt mit dem Aufdruck: "Not At Your Age."

"Dies war meine erste Modeschau. Der Text "Nicht in deinem Alter" ist durchaus politisch gemeint. Eine kleine Provokation: Du kannst meine Sachen erst tragen, wenn du ein gewisses Alter erreicht hast. Denn meine old ladies gehören zu einem ganz besonders exklusiven Club. Die Frau auf dem Foto, Monique, arbeitete schon in den 60er-Jahren als Model. Und wird mit jedem Jahr noch schöner."

Alte Frauen haben schöne Handgelenke

Fanny Karst studierte Mode und Digital-Druck am angesagten Central St Martins College, das schon Modedesigner wie John Galliano, Alexander McQueen und Stella McCartney auf den Weg brachte. Ihr einjähriges Praktikum machte sie dann bei Chiddleborough and Morgan, dem legendären Herrenschneider in der Savile Row, bei dem sich schon die Beatles und Mick Jagger einkleideten und dem Fanny Karst, wie sie sagt, alles verdankt.

"Ich brauchte vier Monate, um zu lernen, wie man ein Knopfloch näht. Ich lernte, wie man eine richtige Tasse Tee braut. Und ich lernte, wie man sehr langsam, sehr sorgfältig und sehr gewissenhaft arbeitet und sich völlig auf seinen Kunden einstellt. Wenn ich ein Kleid für eine alte Dame nähe, dann habe ich sie genau vor Augen, ich stelle mir ihr Leben vor, die Party, auf der sie das Kleid tragen wird. Eigentlich träume ich von ihr, bis das Kleid fertig ist. Und genau das macht mir die größte Freude."

Ein Kleid von Fanny Karst kostet um die 800 Euro. Nicht gerade billig, aber auch nicht übermäβig teuer, meint Fanny, wenn man bedenkt, dass jedes Stück individuell für eine Kundin gemacht wird. Alte Damen wissen, was Qualität ist, ihre Kollektion ziele darauf ab, sie zu verführen. Mit einem raffinierten Schnitt, einem guten Stoff, und einer erstklassigen Verarbeitung.

"Die Kleider müssen perfekt fallen und dürfen niemals zu eng anliegen. Oft haben sie einen witzigen Print in der Mitte, um den Blick von den Konturen wegzulenken. Ärmel gehören unbedingt dazu, aber sie dürfen nicht zu lang sein, schlieβlich will ich zeigen, dass alte Frauen schöne Handgelenke haben. Und schöne Beine. Deswegen enden meine Röcke nur knapp unter dem Knie. Am wichtigsten sind mir eigentlich die kleinen Details, so kann ich den Blick auf die schönsten Körperpartien meiner Kundinnen lenken: mit einem winzigen Schlitz zum Beispiel oder einem eleganten Ärmelsaum."

"Ich will alte Frauen auf einen Sockel stellen"

Nach Fannys Erfahrung können Frauen in Paris am wenigsten gut mit dem Alter umgehen. Die Vorstellung, ein Label mit dem Begriff "oldladies" zu tragen, habe manche von ihnen regelrecht empört. Und als Fanny Karst auf einem Pariser Catwalk gar Hip-Hop einspielte, war es mit ihnen ganz aus. Vielleicht hätten sie einfach keinen Sinn für Ironie, meint Fanny. Ihre Kundinnen in Groβbritannien und den USA seien viel offener. Aber auch "oldladies" mit schmalem Portemonnaie können sich kühn und cool kleiden, meint Fanny Karst:

"Sie sollten alte Klischees über den Haufen werfen, Beigetöne und Pastellfarben vermeiden, und vor allen Dingen selbstsicher auftreten. Eine Lady im klassisch eleganten Kleid, aber in weiβen trendigen Sneakers, sieht einfach gut aus. Sie wirkt aktiv und sportlich und zielstrebig, als wäre sie auf einer Mission."

Für ihre Modeschauen engagiert Fanny Karst immer dieselben Models, die meisten sind keine Profis. Dafür haben sie umso gröβere Persönlichkeiten, erzählt Fanny. Sie strahlt vor Besitzerstolz. Ihre Models seien wahnsinnig ungezogen.

"Bei meiner Show in der Savile Row sagte ich: Ihr müsst die Sache jetzt mal wirklich ernst nehmen, aber sobald sie auf dem Catwalk standen, zog jede ihre eigene Schau ab, die eine drehte Pirouetten, die andere flirtete mit dem Publikum. Ach, meine Models. Sie machen mir groβe Sorgen, aber ich liebe sie, gerade weil sie so ungehorsam sind und zeigen, was in ihnen steckt. Ich will alte Frauen auf einen Sockel stellen, damit sie jeder sieht und bewundert."

Dieser Beitrag wurde erstmals gesendet am 4. Oktober 2014.

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