Mittwoch, 08. Dezember 2021

Archiv

Alte MusikTanzend singen in Peru

Seit 20 Jahren hat der katalanische Gambist Jordi Savall mit Alia Vox ein eigenes, sehr erfolgreiches Plattenlabel. Dort veröffentlicht er mit seinen Ensembles auch Programme, in denen er andere Kulturen mit einbezieht. Schauplatz der neuen CD ist das vielfältige barocke Peru.

Am Mikrofon: Christiane Lehnigk | 29.07.2018

Der Gambist und Ensembleleiter Jordi Savall mit einer Rebab
Der Gambist und Ensembleleiter Jordi Savall mit einer Rebab (®David Ignaszewski)
Musik: Codex Trujillo - Cachua "La Despedida de Guamachuco"
Ein katholischer Bischof hat Ende des 18. Jahrhunderts in Peru die Musik gesammelt und wohl selbst niedergeschrieben, die Jordi Savall jetzt mit Mitgliedern von Hesperion XXI und La Capella Reial de Catalunya zusammen mit dem mexikanischen Tembembe Ensamble Continuo aufgenommen hat. Zugrunde liegt der Aufnahme ein Live-Mitschnitt vom 19. Juli 2017 im Rahmen des Festivals "Musique et Histoire pour un Dialogue Interculturel" in der ehemaligen Zisterzienser Abtei Sainte-Marie de Fontfroide bei Narbonne.
Alia Vox, die "andere Stimme"
Erschienen ist die SACD bei Savalls eigenem Label, das vor 20 Jahren gegründet wurde. "Alia Vox" heißt die Produktions- und Verlagsfirma, "Die andere Stimme", gemeint ist "Die Stimme des Interpreten". Der polyglotte Katalane Jordi Savall ist ein einzigartiges Phänomen in der Branche, er ist ein Wegbereiter für Grenzen überschreitende Programme und investiert eine Menge in die Erforschung Alter Musik.
Der Katalog seines Labels umfasst 120 Titel, davon sind fünfzehn editorisch sehr aufwendige CD-Bücher, mit denen der Gambist und Dirigent Savall seine Philosophie des Brückenbaus über Nationen und Kulturen, über Generationen und Jahrhunderte hinweg eindrucksvoll dokumentiert. Gut dreieinhalb Millionen seiner mit vielen Preisen ausgezeichneten CDs hat er inzwischen verkauft, was nicht zuletzt auch mit seiner starken Präsenz in den Konzertsälen und in den Medien überall auf der Welt zusammenhängt. Das ist zwar nicht viel im Vergleich zur Pop-Branche, jedoch beachtlich für solch ein Nischen-Repertoire in der Welt der Klassik.
Savall ist den umgekehrten Weg gegangen, statt auf populäre Programme und vermeintlichen Stars setzen, hat er sich dazu entschieden, Qualität die Priorität zu geben, etwas zu schaffen, das nicht nur inhaltlich, akustisch und optisch höchste Wertansprüche erfüllt.
Ihm gelingt es immer wieder, die Musik vergangener Welten auch sinnlich erfahrbar zu machen. Hinter ihm steht ein großes Team an Wissenschaftlern und befreundeten Musikern, Förderungen gibt es von verschiedenen katalanischen Institutionen. Doch man kann erahnen, dass diese ambitionierten Programme sicherlich ein Vermögen kosten und viel eigenes Engagement dabei nötig ist. Im Schnitt werden immer noch so 6 CDs im Jahr veröffentlicht. Dabei huldigt Savall einem bei Musikern schon gefürchteten Perfektionismus und vertritt eine eigene Ästhetik, die letztlich immer am Wohlklang orientiert ist, aber manchmal ruhig auch etwas eckiger und kantiger sein könnte.
Katholischer Bischof sammelte Tanzmusik aller Kulturen im eroberten Peru
Bei diesem Programm liegen jetzt Lieder zugrunde, bei denen man tanzt und nicht Lieder zu denen man tanzt. Es sind 20 Titel aus dem zweiten von neun Bänden des "Codice Trujillo de Peru", der heute heute im Königlichen Palast von Madrid aufbewahrt wird.
Verfasst hat ihn Baltasar Jaime Martínez Compañón, der als bedeutender Vertreter des aufgeklärten Absolutismus gilt und zunächst Kantor an der Kathedrale von Lima war und dann von Papst Pius VI. auf Geheiß des spanischen Königs zum Bischof der nordperuanischen Diözese Trujillo ernannt wurde. Mit seinen 1411 Aquarellen, unter denen auch 36 Bilder von Musik- und Tanzszenen sind, ist der Codex eine wertvolle Informationsquelle für die Kultur im spätbarocken katholischen Peru. Und sie zeigen doch auch einen gewissen Respekt gegenüber den indigenen Gemeinschaften, die es ja zu missionieren galt. Vorgefunden hatten die kolonialen Eroberer immerhin eine Hochkultur, die schon seit 2000 Jahren bestand.
Musik: Codex Trujillo - Tonada "La Donosa"
Tanz und Gesang sind eins
A ti donoza te quiero / por ti sola e de morir. / No reuses el mandarme / chinita, donozita, parienta.
Dich anmutiges Mädchen liebe ich, / für dich allein werde ich sterben. / Lehn es nicht ab, mir zu befehlen, /Kleines Indiomädchen, anmutiges Mädchen, meine kleine Frau.
Solche Tonadas sind die am häufigsten im Codes Trujillo aufgezeichneten Tanzstücke, hier singt man beim Tanzen. Die meisten Texte sind in Kastilisch verfasst, mit Einfärbungen der indigenen Bevölkerung, aber es finden sich in der Sammlung auch Texte in Quechua und Mochica, die auf den Einfluss der teils indigenen, teils afrikanischen Kulturen der Bevölkerung hinweisen. Diese Elemente machen den eigentümlichen Stil der "Gesänge des Landes" aus, der sich deutlich von dem unterscheidet, was am Hof oder an den großen Kirchen des Vizekönigreiches Peru dargeboten wurde.
Die 20 Kompositionen, die dieser Aufnahme zugrunde liegen, enthalten jeweils einen genauen Vermerk, bei welchem liturgischen Anlass oder traditionellen Volksfest sie erklangen und in welcher Provinz sie gefunden wurden. Ebenso wurde notiert, ob das Stück zu singen oder zu tanzen oder tanzend zu singen sei.
Reiche musikalische Szene im Peru der Konquista
Der Codex zeigt auf, wie reich die musikalische Szene damals war, und wie die missionarische Tätigkeit der religiösen Orden die Vielfalt zunächst begünstigte. Mit Musik, Spiel und Tanz ließen sich die Eingeborenen eben leichter bekehren, wobei dabei oft der europäische Stil beherrschend wurde. Aber bei der Besetzung von Instrumenten wurde ganz unorthodox gemischt und auch die verschiedenen vokalen Formen gingen ineinander über. Das Resultat dieser Vermischung der populären Traditionen verschiedener Herkunft mit der Musik, die die spanischen Geistlichen mit auf den südamerikanischen Kontinent brachten, überrascht und fasziniert zugleich.
Musik: Tonada "El Huicho de Chachapoyas"
Wenn man diese Musik aus dem Codex Trujillo aufführen möchte, dann muss man auch etwas improvisieren, denn die westliche Notation des 18. Jahrhunderts konnte nicht die Temposchwankungen oder melodischen Variationen und Verkürzungen von Notenwerten erfassen, die es aber bei der Aufführung der Stücke in ihrem ursprünglichen Kontext sicherlich gegeben hat. Das Besondere sind hierbei der umgekehrte punktierte Rhythmus, der mit dem kürzeren Notenwert beginnt oder versetzte Betonungen innerhalb eines Taktes. Die Bassstimme hat die Funktion einer harmonischen Stütze und gibt zugleich den Schlagrhythmus vor. Wenn auch auf den Abbildungen vielerlei Instrumente zu sehen sind, so werden in dem Manuskript zumeist nur eine oder zwei Violinen mit Bass- und Singstimme angegeben. Doch die "Orchester", so sieht man es auch auf den Bildern im Codex, bestanden aus einer Vielzahl von Orgeln, Harfen, Violinen, Dudelsäcken, verschiedenen Flöten, Trompeten, verschiedenen Lauteninstrumenten und Gitarren sowie Schrappinstrumenten und afrikanischen Trommeln.
Taditionelle und barocke Instrumente erklingen gemeinsam
Auch Jordi Savall hat traditionelles und barockes Instrumentarium gemischt und so ein Klangkunstwerk geschaffen, das die vielfältige und vielschichtige Gesellschaft im eroberten Peru widerspiegelt. Diese war zwar in Kasten eingeteilt, mit den spanischen Konquistadoren an der Spitze, den Kreolen, den Mestizen, den schwarzen Afrikanern und den Mulatten, doch das Musikmachen außerhalb von Hof und Kirche funktionierte auch zusammen. Das Tembembe Ensamble Continuo stammt zwar aus Mexiko, hat aber schon eine Reihe Erfahrungen mit europäischen Alte Musik-Formationen und arbeitete auch schon bei anderen Projekten mit Savall zusammen. Typische Elemente aus dem spanischen Barock haben sich in ihrer traditionellen Musik bis heute erhalten.
Exotischer Reiz der alten Rhythmen
"Die hier unter dem Titel "Fiesta Mestiza en el Perú" versammelte unerschöpfliche Energie", so Savall, "und der exotische Reiz der alten Rhythmen und Melodien sind ein unschlagbarer Beweis für die Tatsache, dass die Kreativität des Volkes immer in der Lage ist, herrliche Musik hervorzubringen, deren Schönheit, Gefühlskraft und Freude uns auch heute noch mit ihrer ganzen Vitalität und Poesie des erlebten Augenblicks ergreifen."
Das ist die andere Seite der Kolonialherrschaft, die 1532 begann, fast 300 Jahre lang andauerte und zu deren Ende hin die indigene Bevölkerung dann doch vollständig rechtlos geworden ist.
Musik: Variaciones e improvisaciones sopre "Cachua Serranita"
Jordi Savall (li) und sein Ensemble Hesperion XXI mit Gästen
Jordi Savall (li) und sein Ensemble Hesperion XXI mit Gästen (©Alia Vox)
Bailar Cantando - Fiesta Mestiza en el Perú 1788
Hesperion XXI, Ensemble Tembembe Continuo, La Capella Reial de Catalunya, Jordi Savall
Super Audio CD
Musik aus dem Codex Trujillo
Label: AliaVox, DDD, 2017 // AVSA9927