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Alte Tanzdamen und junger Nachwuchs

Inhaltlich hatte man sich zwei ambitionierte Schwerpunkte gesetzt: Menschenrechte und Tanzgeschichte. Doch diese seriös klingenden Themen sollten nur darüber hinwegtäuschen, dass beim Tanz im August Jahr für Jahr dieselben Inhalte mit denselben Namen verbunden werden.

Von Wiebke Hüster |
    Man mag in den Zahlen und Schlagwörtern, mit denen sich das 22. Festival
    Tanz im August selbst beschreibt, gewisse Widersprüche entdecken. Wenn etwa 38 Produktionen aus 19 Ländern als positive Aussage hinsichtlich der Größe und Internationalität der Veranstaltung begriffen werden möchten, wie passt dazu die Ausweisung eines Komplexes von gerade mal vier Choreografien und einem Film als thematischem Schwerpunkt des Festivals? Genauer betrachtet ist dieser mit dem pauschalen Begriff Tanzgeschichte außerdem falsch beschrieben, denn vier der fünf Ereignisse beziehen sich auf ein einzelnes Phänomen derselben, den großen alten Mann des amerikanischen Tanzes, Merce Cunningham, der im vergangenen Jahr starb.

    Das wirkt schon schief, bevor noch der erste Tänzer die Bühne betreten hat und sich die Frage stellt, ob das betreffende Stück seinem Sujet gerecht wird. Für Jérôme Bels Porträtwerk "Cédric Andrieux" gilt das sicherlich, denn die Art und Weise, wie der französische Tänzer seine Arbeitsjahre mit Cunningham beschreibt, gewährt tiefe Einblicke in die Schwierigkeiten, Selbstzweifel und Einsamkeiten des Tänzerberufs, führt aber auch analytisch treffend und faszinierend vor, an welchem ästhetischen Reichtum und Zauber teilzuhaben es bedeutete, der Merce Cunningham Dance Company anzugehören. Der inhaltsleere, in schnappschuss-artigen Posen bestehende lexikalische Cunningham-Erfassungsversuch von Boris Charmatz hingegen, seine Sekundär-Choreographie "50 Years of Dance" wird nicht dadurch besser, dass er mit der Teilnahme verschiedener alter Cunningham-Tänzer ein Authentizitäts-Mäntelchen zum Verkleiden seines dürren Stückgerippes erworben hat.

    Mit geradezu lehrerinnenhafter Nüchternheit erteilte Olga de Soto in ihrer "performative lecture", ihrer performativen Vorlesung dem Publikum eine Lektion in Sachen des berühmten deutschen Choreografen Kurt Jooss. "An Introduction", eine Einführung, hieß ihr Auftritt, und nicht mehr und nicht weniger war es auch. Die Tänzerin erzählte von Jooss' preisgekröntem Anti-Kriegsballett "Der Grüne Tisch", von der Weigerung des Choreografen, seine jüdischen Mitarbeiter zu entlassen, als Goebbels' Beamte dies von ihm verlangten, von der Flucht der gesamten Truppe in dunkler Nacht und ihrem Herumirren in einem von Schrecken zerrissenen Europa.

    So, wie das Festival den Begriff Menschenrechte, seinen zweiten Schwerpunkt, zerfranste, hätte der verfolgte und in England nach Kriegsausbruch als verdächtig inhaftierte Jooss selbstverständlich auch in diese, mit sieben Punkten geradezu üppig bewehrte Kategorie gepasst. Auch nicht schlechter jedenfalls als Alain Platels Transsexuellenstück "Gardenia".

    Aber wahrscheinlich sollten diese tief seriös und engagiert klingenden Programmschwerpunkte auch nur darüber hinwegtäuschen, dass beim Tanz im August Jahr für Jahr nur mehr dieselben Inhalte mit denselben und einigen auszutauschenden Namen verbunden sind. Beziehungswutschmerz-Ikone Meg Stuart etwa war wieder da. In "The Fault Lines" trommelte, fuchtelte, schwitzte und kletterte die 44-Jährige an ihrem eher devoten Spielgefährten Philipp Gehmacher herum. Stuarts Standardgitarrist Hahn Rowe war nicht mehr dabei, dafür aber Installationskünstler Vladimir Miller. Er durfte Projektoren und Kabel vergolden und das spärliche Duettgeschehen gefilmt in verschiedenen Formaten an Wände projizieren.

    Die Idee einer von choreografischen Stammeleien durchspielten Installation, deren Apparatur merkwürdige Geräusche und sentimentale Bilder auswirft, übte immer noch starken Reiz auf die Festivalleitung aus. Einen Fortschritt gab es dennoch. Vereinzelt – wie bei Pieter Ampe und Guilherme Garrido – wurde gefunden, was andere noch nicht einmal zu suchen schienen: Inhalte und ihre treffenden, womöglich ungewöhnlichen Formen. Musik ist jedenfalls irgendwie gerade nicht populär bei dieser Sorte Choreografen. Das Festival hat in den Jahren seit Matthias Lilienthals Einstieg in die Leitung 2003 stetig daran gearbeitet, mehr und mehr Kleinkunst zu präsentieren. Man darf den Prozess der Lilienthalisierung als abgeschlossen betrachten, wenn, wie in diesem Jahr, erstmals gar keine größeren, womöglich wie spätkapitalistische Erfolgsunternehmen geführten Compagnien mehr im Programm erscheinen.

    Wer dächte denn auch, dass man die in Berlin stets gefeierte Trisha Brown einladen muss, in der Saison des 40-jährigen Bestehens ihrer Company – oder etwa die Merce Cunningham Dance Company, die nächstes Jahr wie testamentarisch vorgesehen aufgelöst wird? Für das gleiche Geld kriegt man doch jede Menge Vorträge.