Freitag, 20. Mai 2022

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Altenburger Land
Arm aber artenrein

Eine Stelle mit etwas über tausend Euro pro Monat kommt für Simone Glaser aus Altenburg einem Sechser im Lotto gleich. Doch trotz der hohen Arbeitslosigkeit im Altenburger Land werden gut qualifizierte Fachkräfte dringend gesucht. Auch wenn das manchen nicht schmeckt: Ohne Zuwanderung wird es nicht gehen.

Von Henry Bernhard | 04.09.2017

Blick über Altenburg in Thüringen
Komplizierte Wirklichkeit im Altenburger Land: Hohe Arbeitslosigkeit auf der einen, Fachkräftemangel auf der anderen Seite. (dpa/picture alliance/Jan Woitas)
Wie alt ist der Botanische Garten hier? "Der ist 1928-30 entstanden durch den Altenburger Nähmaschinenfabrikanten Karl Dittrich. Und hat uns eigentlich was Schönes hinterlassen – es war ja ein rein privater Fabrikantengarten." Simone Glaser führt so engagiert durch den Botanischen Garten Altenburgs, als wäre es ihr eigener.
"Links sind unsere Kräutertaschen, wo wir auch Kräuter drin haben. Macht sich gut, wenn wir Schulen dahaben mit Kindern, dass man denen auch mal was an die Hand geben kann, mal riechen, mal kosten. Das ist interessant. Rechts sind unsere Färbe-Pflanzen."
1.149 Euro pro Monat als Sechser im Lotto
Seit Januar koordiniert die 53jährige die Arbeit der 14 Männer und Frauen, die hier im Botanischen Garten öffentlich gefördert gemeinnützige Arbeit leisten. Sie organisiert Veranstaltungen, betreut Gäste und packt auch selbst mit an. Deutlich länger als die vertragliche Arbeitszeit. Dafür bekommt sie 1.149 Euro pro Monat. Das ist nicht viel, aber für Simone Glaser ein "Sechser im Lotto", wie sie sagt. Denn sie ist nie wieder richtig auf die Füße gekommen, seit sie vor vielen Jahren ihren Job verloren hat. Verschiedene ABMs, 1€-Jobs, Bundesfreiwilligendienst, Bürgerarbeit, Lehrgänge halfen ihr über die Jahre aber nicht dabei, einen regulären Job zu finden. Auch ihre Stelle im Botanischen Garten wird von Land, Arbeitsagentur, Landkreis und Verein finanziert und ist befristet.
Organisatorin Simone Glaser, eine Frau in mittleren Jahren, gekleidet in Gärtner-Kleidung, im Botanischen Garten in Altenburg.
Lange arbeitslos, hat Simone Glaser mit ihrer befristeten Stelle im Botanischen Garten in Altenburg das große Los gezogen. (Deutschlandradio / Henry Bernhard)
"Ich habe im Januar angefangen – und ab da laufen die drei Jahre. Aber ich sehe ja, wie schnell das Jahr voranschreitet. Wir haben jetzt gleich August, ist ja schon die Hälfte fast hinter uns, und da sehen wir, wie schnell 1, 2, 3 weg sind! Und dann, was dann? Traurig! Darf man nicht dran denken!"
Langzeitarbeitslose wie Simone Glaser bilden den Grundstock der Arbeitslosigkeit, an dem gerade in strukturschwachen Regionen wie im Altenburger Land nur schwer zu rütteln ist. Ohnehin ist der Landkreis der mit der zweithöchsten Arbeitslosigkeit in Thüringen: 8,8 Prozent. Der Landesdurchschnitt liegt deutlich niedriger, bei 5,8 Prozent. Und er ist der Kreis, wo die Arbeitslosigkeit am langsamsten sinkt. Die Revolution 1989 hat im östlichsten Zipfel Thüringens tiefe Narben hinterlassen: Der Uran-Bergbau, der Braunkohle-Bergbau, der Maschinenbau sind ein- oder gar weggebrochen; die Bevölkerung ist seitdem um mehr als ein Viertel geschrumpft.
Hohe Arbeitslosigkeit bei niedrig Qualifizierten
"Altenburg ist sehr überaltert. Viele ältere Menschen, viele Arbeitslose. Und die ganze Jugend macht weg; mein Kind ist auch weg!"
Trotz der hohen Arbeitslosigkeit, zu der vor allem niedrig Qualifizierte gehören, werden Fachkräfte im Altenburger Land händeringend gesucht. Zum Beispiel bei der Firma Indu-Sol in Schmölln, einer Hightechfirma, die sich mit Netzwerken befasst. René Heidl ist Gründer und Geschäftsführer.
"Ja, das ist natürlich eine Katastrophe! Das heißt, wir haben eine Personalabteilung, die auf jeder blöden Bildungsmesse, die hier irgendwo ist, präsent ist. Wir sponsern mit unseren Verhältnissen den Schulen, Gymnasien irgendwelche Feste. Das heißt, wir versuchen, omnipräsent zu sein. Und so ist es uns bisher gelungen, den Fachkräftebedarf zu decken, vielleicht nicht ganz, das heißt, wir könnten auch ein paar Prozente mehr wachsen, wenn wir jede Stelle besetzt hätten."
Zehn bis 20 Leute könnte Heidl sofort einstellen. Indu-Sol zahlt zwar unter Tarif, aber investiert in angestellte und potenzielle Mitarbeiter: Sie zahlen Stipendien für Studenten, betreuen Diplomarbeiten, bezahlen Praktika, bieten Fitnesstraining während der Arbeitszeit, zahlen Miet- und Kindergartenzuschüsse. Und dann werden auch noch Fachleute abgeworben.
"Wir haben hier auch Automobilstandorte und alles. Ich bin ein kleiner Mittelständler. Und die ziehen von uns Leute ab. Und ich bediene mich bei den Handwerkern hier. Im Grunde genommen sind das alles alte Leute. Wenn die sterben, gibt es hier keinen Mauerer mehr, es gibt keinen Klempner mehr, es gibt hier gar nichts mehr. Denn alle jungen Leute zieht es in die Industrie, weil ich bessere Arbeitsplätze bieten kann."
Keine Chance ohne Zuwanderung
Das Arbeitskräftepotenzial im ländlichen Raum in Thüringen wird in den kommenden 20 Jahren um ein Drittel schrumpfen. Fachleute sagen: Ohne Zuwanderung gibt es dann keine Chance mehr, die Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Im Altenburger Land glaubt sogar jeder Fünfte, dass sein Ort verschwinden wird. Dennoch wollen viele um jeden Preis Zuwanderung verhindern, wie Michael Behr, Arbeitsmarktspezialist im Thüringer Infrastrukturministerium, erläutert.
Altenburg in Thüringen. Eine renovierte und eine unrenovierte Altbaufassade.
Ohne Zuwanderung hat Altenburg keine Chance, die Infrastruktur künftig aufrecht zu erhalten. (Deutschlandradio / Henry Bernhard)
"Das heißt, jeder Dritte, wenn er sich wirklich die Konsequenz auf seine Antwort anschaut, wäre bereit, sich ins eigene Fleisch zu schneiden, eine schlechtere Gesundheit, eine schlechtere Pflegesituation, schlechtere Sozialinfrastruktur in Kauf zu nehmen, nur damit man praktisch ethnisch homogen bleibt und "artenrein stirbt", wie das ein Journalist mal zugespitzt formuliert hatte. Das kann’s irgendwie nicht sein!"
Es wäre falsch, das Altenburger Land nur als abgehängt zu bezeichnen. Damit wird man der komplizierten Wirklichkeit nicht gerecht. Chancen und Risiken für die Zukunft liegen aber zumindest nah beieinander.