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Alter als Pluspunkt

Die Initiative 50plus von Arbeitsminister Franz Müntefering soll über 50-jährigen Arbeitslosen wieder zu einem Job verhelfen. Einige Unternehmen sind schon weiter als die Politik und suchen gezielt nach Arbeitnehmern mit Erfahrung - so auch der schwäbische Familienbetrieb Festo aus Esslingen.

Von Uschi Götz |
    Woanders hatte er schon zum alten Eisen gehört: Franz Josef Hüttemeister 52 Jahre. Doch die Erfahrung, als älterer Mitarbeiter zum alten Eisen gezählt zu werden, hat er inzwischen fast schon wieder vergessen. Seit rund einem Jahr ist Franz Josef Hüttemeister bei dem schwäbischen Familienunternehmen Festo beschäftigt. Und der weltweit führende Hersteller im Bereich Industrie-Automation hat nach ihm, dem älteren Mitarbeiter und erfahrenen Projektleiter, vor einem Jahr sogar ganz gezielt gesucht:

    "Ich war lange Zeit in einem vergleichbaren Unternehmen, deutsch-amerikanisches Unternehmen, und habe da viele Stationen durchlaufen und habe dadurch Erfahrungen sammeln können in vielen Bereichen und den Job, für den ich mich hier bei Festo beworben habe, der ist ganz speziell prädestiniert dafür, dass man jemanden mit Erfahrung hat. Also weniger Leute mit spezialisiertem Fachwissen, sondern jemand mit Erfahrung jetzt ganz speziell in meinem Fall in der Projektleitung und das habe ich mitgebracht."

    Erfahrung und soziale Kompetenz. Das schwäbische Familienunternehmen setzt schon immer auf diese beiden Komponenten. Aus diesem Grund sind bei Festo gerade ältere Mitarbeiter jenseits der 50 regelrecht erwünscht. Während sich in der Nachbarschaft etwa bei Daimler Chrysler Mitarbeiter über 50 mit dem Thema Frühverrentung beschäftigen müssen, kommt die gleiche Altersgruppe bei Festo erst richtig auf Touren. Franz Josef Hüttemeister durchlief nachdem er vor gut einem Jahr eingestellt wurde ein mehrstufiges Qualifizierungsprogramm.

    "Also ich bin hier ja angefangen als zwar älterer Mitarbeiter, aber als Pneumatikneuling, also erfahrener Projektleiter, aber als Pneumatikneuling. Also hat man mir natürlich die Chance gegeben, mich in der Pneumatik weiterzubilden. Und das waren mehrer Schulungsblöcke, alles zusammen waren das sicher sechs bis sieben Wochen innerhalb des ersten halben Jahres, was ich da an Schulungen genossen habe."

    Zukunft braucht aber noch mehr als Investitionen auch in Über-50-Jährige. Zukunft braucht Herkunft - nach diesem Motto verfährt Festo gerade auch mit den Neuen. Das Familienunternehmen legt größten Wert darauf, dass neue Mitarbeiter die Firmengeschichte kennen lernen. Kein Film, keine Power- Point- Präsentation, ein leibhaftiger Rentner - Hans Steinmann - führt in die Firmengeschichte ein.

    "Weil ein Mitarbeiter muss einfach das Gefühl haben, die Firma, die ich im Kreuz habe, ist in Ordnung und die muss auch das Gefühl haben: ich kenne einigermaßen die Entwicklungsgeschichte, weil ein Kunde frägt ja auch mal einen Mitarbeiter, der draußen im Außendienst ist: was ist die Firma, was steht dahinter - Das muss man kennen!"

    Hans Steinmann kennt die Kundschaft - die angenehmen und anspruchsvollen Kunden. Er kennt auch noch die Tricks und Kniffe, die kurzen Dienstwege, die ganz pragmatische Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme:

    "Nun, wenn eben ein Kunde ganz dringenden Bedarf hat, kann man immer sagen: der Computer kann nicht, das kann erst morgen raus; der Kunde hat eine Maschine dastehen, vielleicht sogar Konditionalstrafe und da ist es einfach gut, wenn im Unternehmen noch Leute sind, die sich kennen und die wissen, wie man auch manchmal so ein Logistiklager umgehen kann oder bestimmte Vorschriften umgehen kann."

    Und Hans Steinmann ist eben so einer, der noch weiß, wie man bestimmte Vorschriften umgeht und - noch wichtiger - der Festo - Oldie darf genau diese Tricks, die den Laden am Laufen halten, weitergeben. Personalchef Dr. Peter Speck macht sich zurzeit ganz andere Gedanken. Es geht darum, wie künftig das qualifizierte Personal tatsächlich auch gehalten werden kann.

    "Denn insbesondere mit den Entscheidungen, die uns Berlin gebracht hat, bis 2029 Verrentung mit 67 werden wir uns dieser Thematik entsprechend zuwenden, wobei wir in den letzten Jahren als wirklich ein Paradebeispiel nicht im Weiterbildungsbereich, aber im Sensibilitätsbereich Richtung Gesundheitsmanagement sehr viel getan haben und dort tolle Erfolge erzielt haben, auch was die Resonanz anbelangt."

    Der Personalchef spricht von einer gesunden Mischung, was die Altersstruktur der Beschäftigten betrifft. So ist durchschnittlich etwa jeder vierte Mitarbeiter bei Festo zwischen 50 und 60 Jahren. Dem Unternehmen geht es gut, die Zahlen sprechen für sich. Nach wie vor bietet Festo sichere Arbeitsplätze mit unbefristeten Arbeitsverträgen:

    "Je nach konjunktureller Lage und unserer Entscheidung in welche Business-Felder wir reingehen haben wir natürlich die eine oder andere Stelle, das ist ohne Frage richtig. Und dort haben wir auch Stellen zu besetzen. Wir sind jedoch so stark im Personalmarketing, abgeleitet von dieser Positionierung des Unternehmens dass wir innerhalb von sechs bis zwölf Monaten jede Stelle besetzen können und da lohnt sich zu investieren in eine Positionierung und eine kontinuierliche, nachhaltige Personalpolitik, die sich ausbezahlt macht."

    Eine Personalpolitik, die bewusst auch auf ältere Arbeitnehmer setzt, wie Franz Josef Hüttemeister. Noch im letzten Sommer wusste er nicht, wie es weitergehen wird; heute möchte sich der 52 Jährige keine Gedanken mehr darüber machen, wann sein berufliches Ende kommen wird:

    "Ich war ja in der Situation, dass ich mir einen neuen Job suchen musste und dann kommt man natürlich schon im Alter von 52 bis 53 an diese Überlegung: Ja was ist denn, wenn ich jetzt keinen Job finde? Ich muss aber sagen, seitdem ich jetzt den Job habe hier, beschäftige ich mich nicht mehr damit, sondern für mich steht fest: Ich mach weiter, ja, so lange es eben sein wird, ob das jetzt 65 oder 67 ist weiß ich heute noch nicht, aber davon gehe ich mal aus."