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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAlter Wein in noch älteren Schläuchen06.06.2013

Alter Wein in noch älteren Schläuchen

Mythen und Fakten in der Integrationsdebatte

In der heftig geführten Debatte um Zuwanderung und Integration tauchen Vorurteile wieder auf, die man eigentlich überwunden glaubte. Ob es die Idee von der besonderen "Ausländerkriminalität" ist oder angebliche Unterschiede bei der Intelligenz: Die rassistischen Thesen sind alt und seit Langem widerlegt.

Von Andrea Westhoff

Tenor aller seriösen Forschungen ist eindeutig: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Staatsangehörigkeit, Ethnie und Kriminalität.  (AP)
Tenor aller seriösen Forschungen ist eindeutig: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Staatsangehörigkeit, Ethnie und Kriminalität. (AP)

Seit einigen Jahren schon wird die Migrationsdebatte heftiger und polemischer geführt: Nachdem niemand mehr ernsthaft bestreiten kann, dass Zuwanderung notwendig ist, werden jetzt wieder grundsätzlichere Überlegungen laut über angeblich besondere Eigenarten von Migrantengruppen, ob zum Beispiel Intelligenzgrad und Kriminalität biologisch vorgegeben seien. Das greift zurück auf über 20 Jahre alte, letztlich rassistischen Thesen zu Intelligenzunterschieden zwischen Schwarzen und Weißen in Amerika. Dazu der Psychiater Andreas Heinz von der Charité:

"Es gab die Idee vor ein paar Jahren und die ist höchstrangig publiziert worden sogar, dass die menschliche Intelligenz durch eine genetische Veränderung beeinflusst werden könnte, und es gab dann bekannte Theoretiker vermeintlicher Rassenunterschiede, die sofort herangingen, diese Genvariante mit dem Einkommen verschiedener Länder kurzzuschließen bzw. mit dem IQ in diesen Ländern, und es ist dann bei der weiteren Forschung herausgekommen: Das ist biologisch unsinnig und empirisch nicht haltbar."

Aber die Belege von damals werden in der neuerlichen Debatte kaum zur Kenntnis genommen. Oder es werden falsche Zusammenhänge konstruiert, etwa mit der Behauptung, dass Intelligenz zu einem gewissen Teil tatsächlich erblich sei:

"Na ja, der Punkt ist, dass man schon seit vielen Jahrzehnten weiß, dass man Erblichkeitsunterschiede innerhalb einer Gruppe nicht mit Erblichkeitsunterschieden zwischen zwei Gruppen gleichsetzen kann. Also Beispiel: Wenn Sie dieselben Weizenkörner auf einen kargen Boden und auf einen fruchtbaren Boden auswerfen, dann gibt es genetische Unterschiede in der Größe der Ähren, aber die Unterschiede zwischen den beiden Böden insgesamt und im Ertrag können komplett daran liegen, dass auf dem einen Humus liegt und auf dem anderen Kalksandstein. Und genau das ist für den IQ gesagt und sogar gezeigt worden, dass man einfach nicht das eine auf das andere übertragen kann. Weil hier einfach eine andere Ernährung und eine andere Hygiene und andere Kinderversorgung usw. eine Rolle spielen."

Intelligenzunterschiede hängen stärker mit sozialen Unterschieden als mit biologischen zusammen. Wer das heute ignoriert, der tut es bewusst und macht rassistische Theorien hoffähig, sagt Andreas Heinz. In der erwähnten Studie zur angeblich minderen Intelligenz der Schwarzen in den USA ging es zudem um deren größere biologische Neigung zu Gewalt und Kriminalität. Auch diese These stößt hierzulande auf große Resonanz:

"Deutschland und die Bundesrepublik hat besonders intensiv die Karte der Ausländerkriminalität im Zusammenhang mit der Integrationsdebatte ausgespielt",

sagt dazu Fritz Sack, emeritierter Professor für Kriminologie der Universität Hamburg.

"Das hat mit politischen und mit ideologischen Vorstellungen was zu tun, mit Vorstellungen davon, was eine reine Gesellschaft ist, was eine intakte Gesellschaft ist, und da werden jetzt kriminologische Befunde in einer Weise – ich sage selektiv – verwendet, die Ausländer eignen sich natürlich deshalb besonders, weil sie eine Außengruppe darstellen, weil sie das Thema der Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Gesellschaft in besonders plastischer und in besonders alltäglicher Weise repräsentieren."

Der Tenor aller seriösen Forschungen ist eindeutig: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Staatsangehörigkeit, Ethnie und Kriminalität. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich die Idee von der besonderen "Ausländerkriminalität" dennoch festgesetzt. Ein Grund ist die Kriminalstatistik:

"Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kriminalstatistik sowohl den Ladendieb, wie den Schwarzfahrer, wie den Sexualtäter als Kriminellen betrachtet, oder auch wenn Sie das Beispiel des Wirtschaftskriminellen oder des Steuerhinterziehers nehmen, das ist ja für viele Leute ein Kavaliersdelikt, und trotzdem: Dieses Bild des Kriminellen wird auch stilisiert an dem Serienmörder, an dem Serientäter, und dieses Bild des Kriminellen ist ein symbolischer Inbegriff von Nicht-Zugehörigkeit."

Entscheidend für die relative Häufung meist minderschwerer Vergehen ist die soziale Lage, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit. Aber Migranten kommen häufiger aus prekären Verhältnissen. Ferner ist Kriminalität bei Jüngeren generell höher als bei Älteren, und in der Zuwanderergruppe sind viel mehr junge Menschen.

"Von daher ist Kriminalstatistik kein Instrument um Kriminalität zu messen, sondern eher ein Instrument, um die Besorgtheit der Gesellschaft auszuloten und festzustellen. Und in gewisser Weise ist die Kriminalpolitik sozusagen ein Stück Gesellschaftspolitik, eine Projektionsfläche von Ängsten und für Ängste, die eigentlich ihren Ursprung ganz woanders haben, nämlich in der Gesellschaft und in Unsicherheit, die zusammenhängt mit der Arbeitssituation, mit ökonomischen Zusammenhängen, mit der Arbeitslosigkeit und so weiter und so fort."

Mit dem Ruf nach höheren Strafen und härteren Gesetzen können Politiker zudem Handlungsfähigkeit demonstrieren, gerade in Krisenzeiten. Das betont der Kriminologe und Soziologe Fritz Sack – ohne andererseits die Realität von straffälligen und gewalttätigen Migranten zu leugnen:

"Es gibt keine kriminalitätsfreie Gesellschaft, und von daher ist die Gewaltbereitschaft selber kein Phänomen, was man abstreiten muss, auf der anderen Seite ist es aber auch keine Sache, die irgendwie erbbiologisch oder sonst wie begründbar ist. Sondern das ist geronnene gesellschaftliche Erfahrung im Zusammenhang mit der Erziehung, mit der Familie und mit dem Hineinwachsen in Gesellschaft und auch in die gesellschaftlichen Schattenzonen, die es ja nun mal gibt. Und von denen man weiß, dass sie nichts mit Hautfarbe zu tun haben, sondern nur, weil die Hautfarbe zum Selektionskriterium wird, dafür, wer was in einer Gesellschaft zu werden hat und welche Position er in einer Gesellschaft sozusagen einzunehmen hat."

Wie ist es möglich, dass sich Vertreter solcher nicht haltbaren biologisch-rassistischen Theorien immer wieder erfolgreich als angebliche "Tabubrecher" in Szene setzen können? Weil ihnen nur mit politischer Korrektheit statt mit wissenschaftlicher Argumentation entgegnet wird, sagt der Psychiater und Migrationsforscher Andreas Heinz:

"Ich glaube, ein Punkt ist, dass in der Öffentlichkeit Theorien, die nicht mehr so ganz hip oder uptodate sind, einfach beiseitegelegt werden, und nur ganz wenige Menschen machen sich die Mühe, sie zu widerlegen."

Besonders deutlich wird das am Rassebegriff: Der ist ein politischer, biologisch nicht begründbar. Denn alle Menschen haben prinzipiell dieselben Gene, es gibt lediglich Unterschiede in der Verteilung. Schönes Beispiel: die Blutgruppen.

"Dass also die Blutgruppe Null Rhesus negativ in Afrika wie in Europa vorkommen kann und mich deswegen eine Blutspende aus Afrika retten, eine von meinem Nachbarn aber umbringen kann – das ist vielleicht nicht ganz leicht verständlich, aber wenn man sich auch nur ansatzweise damit beschäftigt, dann würde man es verstehen, aber wenn man sich damit nicht auseinandergesetzt hat und nur merkt, das ist jetzt nicht schick drüber zu reden, also rede ich gar nicht drüber, dann holt einen die verdrängte Vergangenheit immer wieder ein."

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