Donnerstag, 09. Februar 2023

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Altern fängt im Kopf an

Neurowissenschaften. - Altern, heißt es, fängt im Kopf an. Obwohl damit eigentlich eher ausgedrückt werden soll, dass man so jung ist, wie man sich fühlt, also Einfluss auf sein Leben im Alter hat, steckt auch auf wissenschaftlicher Seit mehr hinter dem Spruch. Denn Wissenschaftler konnten erstmals nachweisen, dass die Hirnregion des Hypothalamus den Alterungsprozess maßgeblich beeinflusst.

Von Martina Preiner | 02.05.2013

    "Ich glaube, dass jeder Mensch eine gute Vorstellung davon hat, was Altern ist. Sehr vereinfacht ausgedrückt handelt es sich einfach um eine Reihe an körperlichen Veränderungen, die stattfinden, wenn wir alt werden. Wissenschaftlicher gesehen greift Altern die normalen Körperfunktionen an, was zu Veränderungen in Zellen und Geweben führt. Jeder Organismus ist von diesen Angriffen betroffen, die alle Organe wie Herz, Lunge, Niere in Mitleidenschaft ziehen und somit zum Tod des Organismus als Ganzes führen."

    Wenn man auf die bisherige Arbeit von Dongsheng Cai blickt, erschließt sich nicht sofort, was der Wissenschaftler vom Albert Einstein College of Medicine in New York mit der Erforschung des Alterns zu tun hat. Entzündungsreaktionen sind sein Spezialgebiet. Das heißt, er beschäftigt sich mit Signalwegen im Körper, die unter anderem mit Fettleibigkeit und Diabetes zusammenhängen. Jetzt konnten Cai und seine Mitarbeiter diese Reaktionen auch in Mäusen nachweisen. Genauer gesagt im Hypothalamus der Nager, der Hirnregion, die für die Selbstregulation des Körpers verantwortlich ist.

    "Der Hypothalamus steuert sämtliche Körperfunktionen. Klassische Aufgaben sind Wachstum, Entwicklung, Ernährung, Verdauung, Stoffwechsel, Körpergewichtskontrolle, Fortpflanzung – also all die Dinge, die das Leben erhalten. Alles läuft im Hypothalamus zusammen."

    Aufgrund der engen Verflechtung lebenswichtiger Körperaktivitäten mit dem Hypothalamus gibt es schon länger die Vermutung, dass dieser eine zentrale Rolle im Alterungsprozess spielt. Belegen konnte man das bisher allerdings nicht.
    Cai hat bei seinen Versuchen festgestellt, dass sich im Hypothalamus die Konzentrationen von Proteinen, die bei Entzündungsreaktionen eine Rolle spielen, zwischen jungen und älteren Mäusen unterscheiden. Bei den jungen Tieren sind die Entzündungsvorgänge kaum aktiv, bei den über zweijährigen Mäusen hingegen sehr aktiv. Anschließend injizierten die Wissenschaftler Wirkstoffe, die den Ablauf der Immunreaktionen aufhalten direkt in das Mäusegehirn.

    "Am Ende dieser Versuchsreihe zeigte sich, dass durch die Wirkstoffinjektionen die Konzentration der Entzündungsfaktoren sank. Und tatsächlich konnte das Leben der Mäuse dadurch verlängert werden – um ganze 20 Prozent. Stellen Sie sich solche Ergebnisse beim Menschen vor!"

    Bei den Labormäusen mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von zweieinhalb Jahren gewinnen die Nager durch die unterdrückte Immunreaktion im Gehirn ein halbes Jahr. Zudem fiel Dongsheng Cai und Kollegen aus Boston auf, dass die altersbedingten Prozesse im Hypothalamus zum Rückgang eines Hormons führen, welches eigentlich den Sexualhormonspiegel reguliert. Doch es stellte sich heraus, dass das nicht seine einzige Aufgabe ist. Erhöhten die Forscher die Konzentration des so genannten Gonatropin-Releasing-Hormon, kurz GnRh, führte das vor allem zu einer Neubildung von Hirnzellen. Neurogenese heißt dieser Vorgang, der im Alter normalerweise unterdrückt wird. Für Cai ist das ein unbestreitbares Zeichen dafür, dass die Injektion von GnRh das Altern aufhalten kann. Er sieht in dem Hormon, das auch im Menschen vorkommt, einen möglichen Therapiewirkstoff. So ist der Forscher schon dabei, weitere lebensverlängernde Experimente mit Mäusen vorzubereiten.

    "Wir haben starkes Interesse daran, Alterungsprozesse direkt aufzuhalten. Deswegen wollen wir an besseren Methoden arbeiten, die im Endeffekt tatsächlich beim Menschen angewendet werden können. Doch davor stehen noch viele Versuche mit Mäusen an. Wenn wir erst einmal genau verstehen, wie das Hormon die Bildung neuer Gehirnzellen anstößt, können wir diese Erkenntnisse nutzen, um altersbedingte Krankheiten zu behandeln."