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Alternative Billiglohn?

Hartz IV hält Einzug in die deutschen Hochschulen. Mit Arbeitsgelegenheiten, also so genannten Ein-Euro-Jobs, will man langzeitarbeitslose Akademiker wieder in den Hochschulbetrieb integrieren. Vorreiter dabei ist die Philipps-Universität in Marburg. Dort arbeiten bislang 25 langzeitarbeitslose Hochschulabsolventen für ein Euro in der der Stunde. Ein Modell das auch an anderen Universitäten Schule machen könnte.

Von Mike Roth |
    Ludger Rössner bei der Arbeit. Im Bildarchiv der Philipps-Universität Marburg katalogisiert der Medienwissenschaftler nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit die Negative bekannter Fotografen.

    Mit dem Studium, das ich gemacht habe, da könnte ich mir sicher auch noch ganz andere und vielleicht auch verantwortlichere Tätigkeiten vorstellen. Also insofern ist es natürlich schon so was wie ein gehobener Hilfsdienst, würde ich mal sagen. Aber das ist ja an sich erst mal nichts Schlechtes. Die Arbeit macht Spaß, sind nette Kollegen da.


    Ludger Rössner ist einer von insgesamt 25 Langzeitarbeitslosen, die an der Marburger Universität einer Arbeitsgelegenheit nachgehen. Auf Inititaive der Marburger Agentur für Arbeit richtete die Hochschule im Oktober vergangenen Jahres die so genannten Ein-Euro-Jobs ein. Das Ziel: Langzeitarbeitslose Akademiker sollen wieder in den Hochschulbetrieb integriert werden. Uni-Pressesprecherin Viola Düwert.

    Wir haben auf der einen Seite promovierte Wissenschaftler, die an Einzelprojekten hier noch einmal versuchen Fuß zu fassen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch eher einfaches Personal, die mit Ausgabe von Büchern oder Buchnummern in der Universitätsbibliothek beschäftigt sind, also die Bandbreite ist wirklich sehr sehr weit.

    In Marburg gibt es 800 arbeitslose Akademiker - rund die Hälfte von ihnen sind Langezeitarbeitslose. Die Universität ist der größte Arbeitgeber vor Ort. Was also liegt näher, als arbeitslose Hochschulabsolventen wieder zurück an die Alma Mater zu schicken, meint die Agentur für Arbeit. Ihr Leiter, Waldemar Droß, sieht in dem Projekt ein Modell, das Schule machen kann.

    Ich bin fest davon überzeugt, dass jede Universität in Deutschland Arbeit in Hülle und Fülle hat, wo sie im Grunde Arbeitsgelegenheiten als Förderangebot für die betreffenden Leute nutzen kann. Das ist eine typische Win-Win Situation.

    Das Marburger Modell findet Anklang in der deutschen Hochschullandschaft. Die Universität Kassel will bald folgen. Und auch die technische Universität Darmstadt ist dabei, die Möglichkeiten von Ein-Euro-Jobs zu prüfen.

    Unterdessen regt sich Widerstand. Vor allem auf Seiten der Studierenden. Denn sie befürchten, die günstigen Ein-Euro-Jobber könnten den studentischen und wissenschaftlichen Hilfskräften die Arbeit wegnehmen. Lena Behrendes, die Marburger AStA-Vorsitzende, schlägt daher die Protesttrommel.

    Marburg hat momentan schon eine Vorreiterrolle was Ein-Euro-Jobs an der Uni anbetrifft. Ich find das problematisch. Vor allem, dass immer wieder behauptet wird, es sei eine Rückführung in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Und das ist es definitiv nicht.

    Gleicher Meinung ist auch der Personalrat der Marburger Universität. Über den Tisch von Renate Grebing, der stellvertretenden Vorsitzenden des Arbeitnehmergremiums, gehen alle Bewerbungen auf freie Stellen an der Hochschule. Und die Warteschlange der Bewerber ist lang, sagt Grebing. Die Hartz IV-Beschäftigten lägen da im Aktenstapel ganz weit unten.

    Wir hoffen aber, dass eben durch die Arbeit an der Hochschule auch die Vermittelbarkeit in andere Arbeitssituationen wesentlich größer wird. Also es ist natürlich ganz gut, wenn im Lebenslauf steht: ich habe von dann bis dann an der Hochschule gearbeitet. Das ist möglicherweise die Chance. Die Chance an der eigenen Institution, an der Uni Marburg, ist eher gering.

    Ludger Rössner weiß um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Im Marburger Bildarchiv wird der 45jährige noch bis Mai für ein Euro pro Stunde Fotos einscannen. Danach steht der studierte Medienwissenschaftler wieder auf der Straße. Wie es dann weiter gehen soll, weiß er nicht. Vielleicht mit einer zweiten Arbeitsgelegenheit. Auch wenn ihm das nicht sehr sinnvoll erscheint.

    In meinen Augen ist das vor allem eine Maßnahme, die Statistik irgendwie aufzupolieren. Natürlich erwirbt man in so einer Tätigkeit auch ein paar Zusatzqualifikationen. Aber das ist es dann auch. Und man ist dann trotzdem vorher noch fünf Jahre arbeitslos gewesen, und die Chancen vergrößern sich damit dann vielleicht von null Komma gar nichts auch null Komma nichts.