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StartseiteUmwelt und VerbraucherAlternativen zur chemischen Keule30.10.2002

Alternativen zur chemischen Keule

Bremer Flughafen geht neue Wege bei der Unkrautbekämpfung

von: Folkert Lenz

Laut Lexikon sind Unkräuter Pflanzen, die ohne wirtschaftlichen Wert auf Kulturland wachsen. Aber für viele Tiere haben sie ihren Nutzen und deshalb werden Unkräuter am Ackerrand beispielsweise nicht nur geduldet, sondern ihr Wachstum sogar gefördert und auch im Garten sollte man nach Ansicht der Experten nicht jedes Pflänzchen ausreißen, was man nicht selbst gepflanzt hat, um so die Vielfalt von Insekten, wie Schmetterlingen oder Libellen zu fördern. Allerdings: nicht überall sind Unkräuter gern gesehen und gänzlich ungefährlich. Bei der Bahn zum Beispiel können die Wurzeln das Gleisbett lockern und deshalb müssen die Pflanzen hier bekämpft werden. Die Frage aber ist: mit welchen Mitteln? Auf dem Bremer Flughafen, auf dem die Betreiber sich schon lange von der chemischen Keule verabschiedet haben, ist eine Methode gefunden worden, wie das Unkrautproblem bei den Wurzeln gepackt werden kann - ohne den Einsatz von Herbiziden und trotzdem wirkungsvoll. Unser Korrespondent für das Bundesland Bremen, Folkert Lenz, stellt das Verfahren vor:

Gärtnern in der Einflugschneise. Während die Linienmaschine aus Düsseldorf zur Landung ansetzt, tuckert Burkhard Castens mit seinem kleinen, roten Pritschenwagen an den Zäunen des Bremer Flughafens entlang. Unkraut wird hier nicht mehr mit Gift bekämpft, erklärt der Airport-Mitarbeiter, sondern mit heißem Schaum:

Wir haben hinten auf dem Fahrzeug einen Tank, der ungefähr tausend Liter fassen kann. Erst kommt dieser Sirup da rein, drei Liter, dann füllen wir tausend Liter Wasser auf. Dahinter befindet sich so ein Generator, da ist eine Pumpe drin.

Die bringt die ungiftige Mixtur an den langen Greifer mit der Spritzdüse. Dort wird sie mit heißer Luft verquirlt. Aus dem sirupähnlichen Extrakt entsteht nun Schaum. Im Schritttempo dreht Castens seine 10 Kilometer lange Runde, den Gießarm steuert er ganz bequem per Joystick. Und hinterlässt am Fuß des Sicherheitszaunes eine glänzende, weiße Spur:

Das ist so ein Schaum, als wenn man so Pril nimmt, tut das in einen Wassereimer, und man schäumt da ein bisschen viel. Oder wenn man Geschirr abwäscht, und man nimmt mehr Pril, dann schäumt das ja auch. So muss man sich das vorstellen, und dass es eben sehr warm ist: 95 Grad.

Genau diese Hitze macht den Pflanzen den Garaus. Ein Rezept, das nicht ganz neu ist, wie der Chef der Bauabteilung des Bremer Flughafens anmerkt. Marco Pfleging:

Unsere Großmütter haben früher immer das alte Kartoffelwasser auf die Terrasse geschüttet und haben damit dann erreicht, dass das Unkraut weggeht. Das ist ganz wunderbar, nur funktioniert das nicht nachhaltig. Das System Waipuna nimmt wesentlich heißeres Wasser, nämlich bis zu 95 Grad und überzieht dieses heiße Wasser mit einem Isolator, einer Schaumschicht.

Zurück bleibt nach einigen Tagen ein brauner Streifen Erde - ohne Leben. So kann das Sicherheitspersonal des Airports bei seinen Kontrollen problemlos sehen, ob der Zaun untergraben wurde oder ob Löcher darin sind. Auch an anderen Stellen, die früher mühsam mit der Handsense frei gehalten werden mussten, setzen die Gärtner das Schaumsystem ein – rund um Schilder, neben den Startbahnen oder an den zahllosen Bodenleuchtfeuern, die die Rollwege für die Flugzeuge markieren. Jahrzehntelang wurde die chemische Keule geschwungen. Dann folgte die Einsicht, dass Herbizide noch lange nicht ungiftig sind, nur weil sie erlaubt sind. Es begann die Suche nach Alternativen, erinnert sich der Ingenieur Marco Pfleging:

Wir haben hier Versuche gefahren mit Dampf, mit Druck und Heißwasser. Wir haben mit Abflammversuchen dieses ausprobiert, wir haben Ultraviolett- und Ultrarotbestrahlungen vorgenommen. Alles nur, um von der Chemie weg zu kommen.

Doch erst die Bekämpfung mit dem heißen Schaum erwies sich als effektiv und zugleich Umwelt-schonend. Unkraut-Ex und Co sind rund ums Bremer Rollfeld vorerst aus dem Rennen – zugunsten des biologisch verträglichen Extraktes aus Mais, Kokos und Zuckerrohr. Eine neuseeländische Firma hatte die Idee. Der Bremer Flughafen ist der erste Anwender in Europa, der die Methode einsetzt. Obwohl nur natürliche Stoffe angewendet werden, war die Bremer Umweltbehörde skeptisch. Im Sommer erteilte das Amt dann die Genehmigung für einen mehrjährigen Test. Alle Versuche werden durch die Gärtnerei des Airports kontrolliert, dokumentiert und nicht nur das, sagt Marco Pfleging:

Wir untersuchen auch den Boden, die Bodenstruktur, ob irgend welche Stoffe heraus gelöst werden. Wir untersuchen dann entsprechend das Grundwasser, wir untersuchen auch die Gewässer in der Umgebung, ob da sich irgend etwas drin befinden könnte. Bislang sind die Ergebnisse einfach exzellent.

Nach den ersten Testerfolgen zeigen jetzt auch andere an den Bremer Versuchen Interesse: Betreiber von großen Wohnanlagen oder Fußballstadien und nicht zuletzt die Bahn, die ihre Schienen von Unkraut frei halten will. Vielleicht, so hofft man am Bremer Flughafen, könnte aus dem ganzen Projekt noch ein lukratives Geschäft werden.

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