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StartseiteForschung aktuellAm Puls des Vulkans05.03.2013

Am Puls des Vulkans

Die Phlegräischen Felder sollen näher untersucht werden

Die Phlegräischen Felder in Süditalien sind Europas größtes vulkanisches Gebiet. Zu Beginn dieses Jahres hat sich die Aufwärtsbewegung des Bodens dort vervielfacht. Würde dieser verborgene Riese demonstrieren, wozu er fähig ist, hätte das unvorstellbare Folgen: Neapel wäre verwüstet, Europa von dicker Asche überzogen.

Von Dagmar Röhrlich

Erdbohrungen westlich von Neapel auf den Phlegräischen Feldern.  (picture alliance / dpa - Alessandro Fedele)
Erdbohrungen westlich von Neapel auf den Phlegräischen Feldern. (picture alliance / dpa - Alessandro Fedele)
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Leben auf dem Vulkan
Hitzige Debatte auf heißem Grund

Seit griechische Kolonisten vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren die Stadt Pozzuoli gründeten, leben ihre Bewohner auf einem Vulkan, genauer: auf den Campi Flegrei, den Phlegräischen Feldern. Die erstrecken sich über eine Fläche von 150 Quadratkilometern vom Stadtrand Neapels bis hin zur Insel Ischia. Die Phlegräischen Felder sind eine Caldera, also ein Krater. Der entstand durch eine höchst explosive Eruption, bei der die Magmenkammern schließlich einstürzten. In den Campi Flegrei passierte das zum ersten Mal vor 39.000 Jahren. Dieser Ausbruch war 100 Mal stärker als der des nahen Vesuvs, der Pompeij vernichtete. Thomas Wiersberg vom Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam:

"Es gab eine zweite Eruption vor ungefähr 15.000 Jahren, die etwas kleiner gewesen ist als die von vor 39.000 Jahren. Und danach gab es vulkanische Aktivität im Sinne einer Eruption nur noch im 16. Jahrhundert, 1538, gab es noch einmal geringere vulkanische Aktivitäten. Und seitdem ist im Sinne einer Eruption der Phlegräischen Felder nicht mehr passiert, was aber nicht heißt, dass die Campi Flegrei ruhen."

Das verraten die heißen Quellen und Gasaustritte, die Schwarmbeben und die Bewegungen des Untergrunds. Letztere können so stark werden, dass die Behörden die Bevölkerung evakuieren lassen - so wie in den 1970er- und in den 80er-Jahren:

"In diesen Phasen hat sich die Caldera um die Größenordnungen von ungefähr anderthalb Meter jeweils gehoben. Und da gab es allerdings auch monatliche Erhebungsraten von bis zu 14 Zentimeter pro Monat."

Danach beruhigte sich der Vulkan und alles flachte ab. 2005 setzte ein neuer Zyklus ein. Zunächst lag die Hebungsrate bei acht Zentimetern pro Jahr. Seit Ende 2012 sind es drei Zentimeter pro Monat. Deshalb erhöhte der italienische Zivilschutz die Warnstufe auf "Wachsamkeit".

"Einerseits, weil halt diese Hebungsprozesse stärker geworden sind, und es gibt wohl auch neuere Modellrechnungen, die sagen, dass, wenn es zu einer Eruption käme, dann möglicherweise auch Teile von Neapel betroffen wären. Der Hintergrund dieser Anhebung ist halt auch, dass man da auch die Evakuierungspläne und Notfallmaßnahmen noch einmal überprüfen muss, einfach um sicherzustellen, dass wenn es zu einer Eruption kommt, dass man dann auch, zumindest was Evakuierung angeht, vorbereitet ist."

Bislang haben die Vulkanologen nur eine vage Vorstellung davon, was die Bewegungen auslöst und steuert:

"Wir wissen nicht genau, was im Untergrund passiert, und deswegen die Idee, in die Phlegräischen Felder mit einer Tiefbohrung entsprechend diese Informationen dann auch zu gewinnen."

Und zwar im Rahmen des Internationalen Kontinentalen Tiefbohrprogramms ICDP. Denn weder Satellitendaten noch die seit Jahren laufenden Messungen der Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung von Gasen liefern einen direkten Einblick in das Geschehen. Sie geben lediglich Anhaltspunkte. So steigen anscheinend manche Gase direkt aus der Magmenkammer empor, andere dagegen werden eher wie durch einem Wärmetauscher im heißen Untergrund erhitzt:

"Aufgrund dieses Zusammenhangs kann man sagen, dass möglicherweise die Magmenkammer sich unterhalb der Campi flegrei-Caldera wieder füllt, und wenn neues Magma in die Magmenkammer einströmt oder eintritt, dass es dann zu einer Erhöhung der Temperatur kommt. Die Temperaturerhöhung sorgt dafür, dass sich Dinge ausdehnen, auch Flüssigkeiten, Fluide, die da unten vorhanden sind, dehnen sich aus und heben dann im Prinzip das ganze System an."

Um ihre Theorie zu beweisen, bohren die Geologen nicht in die Magmenkammer selbst. Sie blieben vielmehr im Bereich darüber, wo die Bewegungen wahrscheinlich ausgelöst werden:

"Die erste Bohrung hat 2012 stattgefunden. Das war eine sogenannte Pilotbohrung. Pilotbohrung heißt in dem Fall, dass es nur 500 Meter tief gegangen ist. Die Bohrung ist auch völlig problemlos abgeteuft worden."

Den Befürchtungen in der Bevölkerung und von Seiten neapolitanischer Behörden zum Trotz sei alles normal verlaufen. So werde es auch bei der Hauptbohrung sein, urteilt Thomas Wiersberg: Die soll, um zum Ort des Geschehens vorzudringen, bis in zweieinhalb oder drei Kilometer Tiefe reichen. Beide Tiefbohrungen sollen mit Instrumenten bestückt werden, um Europas größten Vulkan langfristig zu untersuchen und sein Verhalten zu entschlüsseln.

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