Dienstag, 06. Dezember 2022

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Am Rande Rajasthans

Seine Ahnen kämpften einst erfolgreich gegen die afghanischen Besatzer Hindustans, Teehändler Praduman Singh kämpft heute gegen Rückständigkeit und Armut in der nordindischen Steppe. Das Rittergut, das der Maharadscha seiner Familie vor 13 Generationen schenkte, hat er liebevoll restauriert und hofft nun auf zahlreichen Besuch von Touristen.

Von Regina Kusch | 13.05.2012

    Es war im Jahr 1544, als der Maharadscha von Hindustan seinem tapferen Ritter Rao Kumpa das Gut Chandelao mitten in der Steppe Nordindiens schenkte. Er solle dort ein Fort mit Stallungen errichten und eine kleine Reiterarmee unterhalten, damit der Maharadscha auf sie zurückgreifen könne, wenn sein Königreich wieder einmal angegriffen würde. Damit es Rao Kumpa an nichts fehle, vermachte ihm der Maharadscha auch die Ländereien rund um Chandelao, damit die Bauern dort künftig für ihn den kargen Boden kultivierten und das Vieh hüteten.

    Heute klopfen Frauen in rot-orange leuchtenden Saris den alten Putz von der Umgrenzungsmauer. Es sind die letzten Renovierungsarbeiten am Fort von Chandelao, die Praduman Singh, der 13. Nachfahre Rao Kumpas, veranlasst hat. Das zweistöckige Haupthaus mit der kunstvoll verzierten roten Sandsteinfassade ließ er zuerst fertigstellen. Jede der Säulen des Arkadengangs wurde original getreu restauriert, ebenso die kunstvoll ziselierten Rundbögen vor Türen und Fenstern und die Fresken, die Elefanten darstellen oder Szenen aus hinduistischen Sagen.

    Die herrschaftliche Pracht des Forts von Chandelao war verfallen, seit Indira Gandhi 1972 alle Großgrundbesitzer enteignet hatte. Praduman Singh war damals gerade zehn, als die Ländereien unter den Bauern des Dorfes aufgeteilt wurden. Die Familie verließ Chandelao. Praduman Singh kam später im Teehandel zu einem neuen kleinen Vermögen. 1996 kehrte er in sein Elternhaus zurück.

    "Mich verbinden viele Kindheitserinnerungen mit dem Fort. Es wurden damals häufig Kaninchen gejagt und dann zum Trocknen aufgehängt. Es gab noch viele Pferde und jeden Morgen kamen die Männer aus dem Dorf zu meinem Vater, um zu diskutieren. Im Winter brannte vor dem Gutstor ein Feuer, wo sich die Dorfbewohner versammelt haben. Mein Vater saß auf einem Stuhl, die anderen auf dem Fußboden und es wurde geredet. Alle mochten das Feuer im Winter."

    Heute versammeln sich die Männer des Dorfes wieder regelmäßig im Hof des Forts. Sie arbeiten nicht mehr für die Familie Singh, jeder hat seine eigene kleine Parzelle, aber der Ertrag reicht nicht, um sich und ihre Angehörigen zu ernähren.

    "Hier im Dorf kann man nur Ziegen und Schafe hüten oder auf dem Bau arbeiten. Meine Kinder habe ich alle zur Schule geschickt, aber die mussten sich Arbeit in der nächsten Stadt suchen, in einem Geschäft zum Beispiel. Da kriegen sie dann 1500-3000 Rupien im Monat, 20 bis 40 Euro. Das Geld müssen sie der Familie geben, sonst reicht es für uns nicht."

    "Ich schicke beide Söhne und beide Töchter zur Schule. Ausbildung ist für alle gut, sie sollen lernen, damit sie später einen Beruf haben, am besten werden sie Lehrer. Aber das kann man nicht wissen, das liegt nicht in unserer Hand. Man kann träumen, weiß aber nicht, ob sie jemals eine Arbeit bekommen."

    "Ich fühle mich schon irgendwie verantwortlich für die Leute, wenn sie mit ihren Problemen zu mir kommen, versuche ich ihnen zu helfen. Das ist manchmal ganz schön schwierig. Anders als meine Vorfahren habe ich ja keine Macht mehr, aber ich versuche mit meinen Mitteln etwas zu bewirken."

    Als er für sein Fort die Wasserversorgung erneuerte, hat Praduman Singh gleich ein Leitungssystem für das ganze Dorf mitgebaut.

    "Wasser war hier schon immer großes Thema. Wir müssen das Regenwasser sammeln, statt es versickern zu lassen. Wir haben auf dem Dach unseres Hauses zwei Tanks mit 600.000 Litern. Aber wir haben auch noch auf vielen anderen Dächern Tanks installiert und 3 Kilometer Rohrleitung verlegt. So können wir in der Regenzeit viel Wasser auffangen und im Dorfteich sammeln. Trotzdem, wenn im Sommer die große Hitze ausbricht, gibt es immer wieder Wasserknappheit."

    Seit Generationen bildet der Teich den Mittelpunkt des Dorfes. Er ist künstlich angelegt und soll einer Legende zufolge anlässlich einer Trauerfeier entstanden sein. Im Mittelalter gab es hier Witwenverbrennungen. Wenn die Leiche eines Mannes eingeäschert wurde, musste die Witwe mit auf den Scheiterhaufen. Aber eine kluge Frau soll den Dörflern eines Tages geweissagt haben, wenn sie das Feuer schnell löschten, würden sie genau unter dem Scheiterhaufen Wasser finden. So ließen sie die Witwe leben und begannen zu graben und tatsächlich stießen sie auf eine Quelle von hervorragender Qualität. Die speist seitdem den großen Dorfteich und ein kleines Überlaufbecken dahinter. Der große Teich ist für die hohen Kasten und des kleine Becken für die niederen.

    Diese Trennung lässt sich bis heute nicht abschaffen, weil immer noch in vielen Köpfen die Vorstellung herrscht, Menschen der unteren Kasten würden das Wasser verschmutzen, wenn sie es mit ihren Eimern aus dem Reservoir schöpften. Deshalb bekommen die Ärmsten der Armen nur das, was übrig bleibt. Seit Praduman Singh die Wasserversorgung des Dorfes modernisiert hat, reicht es wenigstens für alle.

    Wenn Praduman Singh im weißen Kaftan und Turban durch Chandelao geht, verneigen sich alle Dorfbewohner vor ihm, als sei er immer noch wie seine Vorfahren Rittergutsbesitzer im Adelsrang. Die Menschen verlassen sich darauf, dass er ihrem Dorf eine Perspektive geben wird.

    Praduman Singh hat eine Stiftung gegründet, die in einem rotsandigen Innenhof direkt neben dem Fort eine Textilwerkstatt beitreibt. "Sunder Rang" nennt sie sich, das bedeutet "schöne Farben". 17 Frauen aus dem Dorf sitzen an liebevoll restaurierten mechanischen Nähmaschinen. Sie schneidern Saris und Röcke, Kissenbezüge, Umhängetaschen und Kinderspielzeug aus bunten Stoffen, wie sie in Rajasthan traditionell verwendet werden. Angeleitet werden sie von Latika Paithankar, die nach ihrem Grafikdesignstudium aus Mumbai in ihre Heimat zurückgekommen ist.

    "Das hier nennt man Aritari, das steht für das Garn, das wir benutzen. Und für die kleinen Sterne, mit denen wir die Stoffe besetzen. Wenn man diese Stücke in die Sonne hält, schimmert sie wie Sternenlicht. Das ist ein ganz feiner Kettenstich, den die Frauen hier machen. Erst mit Gold- oder Silberfäden und dann nehmen wir das bunte Garn dazu."

    An fünf Tagen in der Woche kommen die Frauen hierher. Mittags haben sie eine lange Pause, damit sie zu Hause kochen können. Bessere Arbeitsbedingungen als bei "Sunder Rang" können sie sich kaum vorstellen.

    "Wenn es das Projekt nicht geben würde, müsste ich, wie viele andere auch, auf dem Bau arbeiten und Steine schleppen. Da ist die Arbeit hier viel schöner."

    "Ich bin von Anfang an dabei und mag sticken am liebsten. Das hatte ich schon zuhause gelernt und mir eine Nähmaschine gekauft. Tagsüber arbeite ich hier und abends schneidere ich für die Leute aus dem Dorf, die mir Aufträge geben. So habe ich mein eigenes Geld. Mein Ehemann war anfangs skeptisch, aber jetzt ist auch er sehr glücklich darüber."

    Praduman Singh versucht das Leben im Dorf zu modernisieren, aber ganz behutsam. Denn die meisten Menschen in Chandelao sind tief verwurzelt in alten Traditionen.

    Eine halbe Autostunde außerhalb von Chandelao, aber noch auf den großflächigen Ländereien, die einst zum Rittergut der Familie Singh gehörten, hat eine Gruppe von Bishnoi – das heißt soviel wie "Die 29er" - ihre einfachen Hütten errichtet. Sie sind eine buddhistische Religionsgemeinschaft, die nach 29 Geboten lebt, die ihr Guru Jambheswar vor über 500 Jahren verkündet hat. Eine ihrer wichtigsten Regeln verbietet es den Bishnoi, Bäume zu fällen. Sie dürfen sie nicht einmal beschneiden, solange ihre Blätter noch grün sind. Fleisch zu essen ist für sie tabu, weil es ihnen grundsätzlich nicht erlaubt ist, ein Tier zu töten. Daran halten sie sich bis heute mit absoluter Konsequenz, erklärt Bashni, der Stammesälteste.

    "Das wäre selbst dann eine schwere Sünde, wenn aus es Versehen passierte. Wenn wir Feuer machen zum Beispiel, müssen wir das Brennholz vorher immer gut ausschütteln, damit die Insekten, die vielleicht darin wohnen, weglaufen können, bevor es Flammen aufgeht. Wir dürfen unter keinen Umständen einem Tier das Leben nehmen. Das einzige, was wir dürfen, ist Milchtrinken. Und auch dann müssen wir jedes Mal Gott danken und die Natur um Vergebung bitten, dass wir etwas von ihr genommen haben. Auch wenn wir Pflanzen oder ihre Früchte essen. Nur wer sich konsequent an unsere 29 Regeln hält, darf sich Bishnoi nennen."

    Seit Jahrhunderten leben sie so in den Steppen Nordindiens, kultivieren das karge Land und pflegen jede einzelne Pflanze. Als 1730 der Maharadscha von Marwar einen Wald in Rajasthan fällen lassen wollte, stellte sich eine Bishnoi schützend vor einen besonders großen Baum. Weil sie sich weigerte zu weichen, befahl der Anführer der Arbeiter, sie zu enthaupten. Daraufhin traten nacheinander ihre drei Töchter an ihre Stelle. Eine nach der anderen wurde ebenfalls getötet. Da kamen Bishnoi aus der gesamten Region, um den Wald zu verteidigen. Die Arbeiter sollen 363 von ihnen massakriert haben. Als der Maharadscha davon Kunde erhielt, erließ er ein Dekret, das zukünftige Abholzungen verbot.

    Obwohl oder gerade weil sie die Natur so weit wie möglich unberührt lassen, hatten die Bishnoi immer genug zu essen. Aber in den letzten Jahren falle die Ernte immer kleiner aus, sodass sie ihre Familien kaum noch ernähren könnten, erzählt Bashni im Gespräch mit Praduman Singh.

    "Dieses Jahr kam endlich mal wieder genug Regen, aber eigentlich nimmt er seit 30 Jahren ab. Es wird auch nicht mehr so kalt im Winter und dafür immer heißer im Sommer."

    Auch wenn die Bishnoi streng an ihren überlieferten Regeln festhalten, heißt das nicht, dass sie sich völlig der modernen Welt verschließen.

    "Wir benutzen Werkzeuge, um den Boden zu bearbeiten. Wir haben sogar ein paar Traktoren. Und schauen Sie, mein Schwiegersohn, der gerade nach Hause kommt, trägt westliche Kleidung."

    Abends finden im Fort von Chandelao häufiger Feste oder Konzerte statt. Dann treffen die Dorfbewohner auf Gäste von Praduman Singh. Die ehemaligen Stallungen, in denen seine Vorfahren die Pferde ihrer Reiterheere untergebracht hatten, hat er für Touristen herrichten lassen.

    "Die Hauptarbeit war, überall Wasser- und Stromleitungen zu verlegen. Wir haben Wände eingerissen, das alte Pflaster neu verlegt und in den Zimmern Marmorfußböden. Jedes bekam ein Bad und ist mit indischen Antiquitäten möbliert. Im Hof mussten wir den Garten neu anlegen, Bäume pflanzen und Rasen säen. Alles sieht genau so aus wie früher, aber drinnen wir haben moderne Technik, ohne dass man sie sieht. Der Garten zum Beispiel wird bewässert, in dem wir das abfließende Wasser aus den Waschbecken und Duschen auffangen und reinigen."

    Sein gesamtes Vermögen hat Praduman Singh in die Renovierung gesteckt und stand mehrmals kurz vor der Insolvenz. Doch inzwischen ist eine norwegische Stiftung in sein Projekt eingestiegen und damit ist die Finanzierung für die nächsten Jahre gesichert. Etwa 900 Gäste kommen jährlich, aber er bräuchte deutlich mehr, um schwarze Zahlen zu schreiben. Weil Chandelao jedoch abseits der großen Touristenströme liegt, kann er kaum auf Zuwächse hoffen.

    "Ich mag es, mein Haus zu teilen. Wenn ich meine Ruhe haben möchte, kann ich mich in meine Privaträume zurückziehen, da kommt kein Fremder hin. Auch meine Mutter mag es, wenn Leute hier sind, es gibt immer Unterhaltung, das ist gut. Früher hatten wir zwar auch Unterhaltung, aber damit haben wir noch kein Geld verdient."

    Seggen Genwea: "Ich habe jetzt viele Menschen aus anderen Ländern kennengelernt und ich genieße es sehr, hier nicht mehr allein zu sein. Und ich mag es, wenn mein Sohn Geld verdient."

    Seggen Genwea ist nach dem Tod ihres Mannes wieder nach Chandelao zurückgezogen. Das erste Mal war sie 1956 auf das Fort gekommen, zur Hochzeit mit dem Herrn des Ritterguts.

    "Ja, wie war es damals? Alle Frauen waren verschleiert. Nicht in Jaipur, in der Stadt, aus der ich kam, als wir heirateten, aber hier auf dem Land. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser. Männer und Frauen haben das Wasser auf dem Kopf hergetragen, es war schon eine enorme Umstellung für mich. Aber ich bin mit so viel Liebe und Warmherzigkeit von allen aufgenommen worden, dass ich diesen Ort sofort in mein Herz geschlossen habe."

    Ihre Ehe war arrangiert, so wollte es die Tradition. Auch Praduman, der 1962 geboren wurde, war seiner Frau schon als Jugendlicher versprochen. Seggen Genwea schwärmt von den Zeiten, als es im Haus noch für alles Diener gab. Heute haben sie wieder viel Personal, das jeden Tag unter ihrer Aufsicht kocht für die Familie und die Gäste. Aber natürlich ist niemand mehr leibeigen, sondern alle angestellt. Sie wollen nicht in die Vergangenheit zurück, aber wieder anknüpfen an die alten Familientraditionen.

    "Ich wünsche mir, dass auch mein Enkel der Tradition folgt und Chandelao mal übernimmt. Ich habe manchmal Zweifel, ob er wirklich kommen wird. Für die jungen Leute ist es nicht so attraktiv, hier auf dem Land zu leben. Aber ich mag hier alles, wirklich jeden Stein, und wünsche mir, dass das Fort in der Familie bleibt. Ich selbst möchte auch hier bleiben. Und mein Sohn, er ist 19 und studiert Jura, er wird wiederkommen, wenn er seine Ausbildung beendet hat. Er hat erkannt, dass das hier ein großes Erbe ist für ihn. Es ist schön, so eine Familiengeschichte zu haben. Aber es ist auch eine Verpflichtung, das Erbe fortzuführen."