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Am silbernen Faden

Das Bremer Familienunternehmen Statex produziert Spezialgarne für Teppichböden, die als Neuheit auf der führenden Messe für Bodenbeläge zu besichtigen sind, der in Hannover (12.1.-15.1.2008). Statex ist dort auf einigen Messeständen unsichtbar dabei, denn der Silberzwirn aus Bremen ist vielfältig einsetzbar - und das nicht nur in Teppichböden.

Von Folkert Lenz | 11.01.2008

Die Strickmaschinen laufen auf Hochtouren. Von großen Rollen laufen helle Fäden in die Geräte. Unten spucken sie Endlosschläuche aus Polyamidgarn aus. Zentimeter um Zentimeter der weißen, gardinenähnlichen Ware quillt aus den Apparaten in bereitstehende Kisten.

"Ein sehr feines Garn hat eine Lauflänge pro Kilogramm von zirka 460 Kilometer. Wenn ich jetzt 460 Kilometer abrollen müsste und versilbern müsste, dann bräuchte ich unendlich viel Zeit. Deswegen stricken wir das,"

erklärt der Prokurist Hans-Werner Seliger. Statex stellt keine Socken oder Pullover her, sondern Polyamidgarne. Aber nicht irgendwelche: Die Fäden bekommen in dem Bremer Werk einen hauchdünnen Mantel aus fast reinem Silber. Die so veredelten Fasern machen zum Beispiel Kunststoffteppich ein High-Tech-Produkt:

"Man kann sich vorstellen bei Teppichen: Wenn ich da drüber schlurfe und ich dann den Türgriff anfasse, dann kriege ich einen gewischt. Und hier gilt es also, diese elektrische Energie abzuleiten. Hier werden versilberte Fasern in Teppiche eingearbeitet,"

die dann dafür sorgen, dass die Teppiche in Büros, Hotels oder in Flugzeugen antistatisch sind.

Ein paar Schritte neben den Strickmaschinen: Eine große Heißmangel, die von einer Frau im Arbeitskittel bedient wird. In der Maschine: eine grau schimmernde Stoffbahn. Denn neben Fäden und Fasern veredelt Statex seit Ende der 80er Jahre auch Gewebe.

"Nach dem Versilbern ist die Ware feucht, denn das ist ja ein Nassprozess. Und diese Ware wird dann über eine Trocknungsanlage - in diesem Falle ist es eine Industriemangel - getrocknet. Und das hier ist ein ganz spezieller Tüll, der für Medizintechnik eingesetzt wird. Hier werden also Wundauflagen hergestellt."

Damit nutz Statex eine weitere Eigenschaft von Silber: Das Edelmetall tötet Bakterien ab und ist aseptisch. So entstehen aus Statex-Stoffen zum Beispiel antibakterielle Stützstrümpfe.

Zurück zu den Silber-Fasern. Diese werden in einem chemischen Spezialbad ummantelt. Wie das genau funktioniert, will Seliger nicht verraten. Betriebsgeheimnis! Beim Rundgang durch das Werk bleibt die Tür zu dieser Abteilung denn auch für Besucher verschlossen.

"Haben Sie bitte Verständnis, dass ich da nichts weiter zu sage. "

Das Verfahren hat sich der Firmengründer Kurt Bertuleit ausgedacht. Als Patent hat der Textilingenieur es nicht angemeldet: Zu groß war die Sorge des Seniorchefs, dass es Nachahmer geben könnte, wenn er Details der Methode veröffentlicht.

Seit 1978 hat Statex mit dem Silbergarn den Weltmarkt erobert, doch immer blieb es im Hintergrund, sagt die Bertuleit-Tochter und Geschäftsführerin Claudia Erichsen:

"Da ist das größte Geschäft gewesen jahrelang: Dichtungen! Apple-, IBM-Computer oder Xerox-Copymaschinen: Dafür haben wir die Dichtungen geliefert, die man zwar nicht sieht, die aber jedes Gerät innen drin hat. Da sind Millionen von Metern geliefert worden. "

Am Anfang stand der Silberzwirn für elektronische Abschirmungen in High-Tech-Geräten. Doch schnell folgten Flächengewebe, mit denen Krankenhäuser ihre Intensivstationen oder Autobauer ihre Testräume gegen elektromagnetische Strahlung abschirmen. Heute gibt es Statex-Produkte als feine, elastische Fäden - nur Bruchteile von Millimetern dünn, als versilberte Seide oder als weiches Flies.

Wieder in der Produktionshalle. In einer Ecke neben dem Hochregal: gleißendes Licht. Eine große Gewebebahn läuft über den Kontrolltisch - unter den kritischen Blicken eines Mitarbeiters.

"Das Gewebe wird umgerollt von einer Hülse auf die nächste und über einen Schautisch. Das ist letztlich eine optische Warenendkontrolle. Da wird noch mal richtig per Mensch geguckt."

Seit 30 Jahren produziert Statex in Bremen die High-Tech-Garne. 40 Mitarbeiter hat das Unternehmen heute, das sich immer noch in der Hand der eher verschwiegenen Gründerfamilie befindet. Weltweit gibt es bislang nur zwei amerikanische Firmen, die den Spezialmarkt bedienen. Doch in dieser Nische könnte es bald eng werden. Die Konkurrenz lauert wie so oft in Asien, so Claudia Erichsen

"Ideen werden immer geklaut, und der Wettbewerb ist sicherlich da, das merken wir auch. Aber dennoch sind wir qualitativ so gut, dass man uns da jetzt nicht wirklich was anhaben kann."

Ein weitaus größeres Problem für Statex sind die explodierenden Edelmetallpreise. Silber werde von vielen Banken gerade als Spekulationsobjekt empfohlen, das treibe die Preise künstlich in die Höhe, klagt Erichsen:

"Das merken wir schon sehr. Wir können nicht weniger kaufen, denn wir müssen ja produzieren. Wir können auch nicht Silber in einem schlechteren Reinheitsgrad verwenden, das geht alles nicht. Im Moment ist die Situation deswegen sehr angespannt."

Erichsen und Seliger richten ihren Blick jetzt auf ein neues Geschäftsfeld. "Smarte Textilien" heißt für sie das Zauberwort.

"Man möchte eine elektronische Funktion in ein Textil bekommen. Ich möchte zum Beispiel EKG-Elektroden im T-Shirt haben, um einfach online zu messen. Oder man kann sich vorstellen: ich möchte meine Socken beheizen."

Genauso könnte der Silberzwirn aus Bremen als Kabelersatz in Stoffe eingewebt werden oder als unsichtbare Datenleitungen in Textilien. Das könnte tragbare Mini-Computern ermöglichen, die sich in Anzügen oder Arbeitsbekleidung integrieren lassen, ohne dass sie noch als Gerät sichtbar wären. Auch weitere High-Tech-Textilien könnten Realität werden: zum Beispiel Alarmpullover für gestürzte Senioren oder eine Autositzverstellung ohne Schalter, die sich über das Polster regeln lässt. Dafür wären die Silbergarne von Statex ideal.