Mittwoch, 10. August 2022

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Amazonas-Synode
Wo Ehemänner die katholische Kirche retten sollen

Im Amazonas-Gebiet gibt es so wenige katholische Priester, dass manche Gemeinden nur selten eine Messe feiern können. Deshalb diskutiert die Amazonas-Synode im Vatikan, ob verheiratete Männer geweiht werden dürfen. „Die Menschen vor Ort wünschen es sich“, sagte der Theologe Gerhard Kruip im Dlf.

Gerhard Kruip im Gespräch mit Monika Dittrich | 04.10.2019

Blick auf die katholische Kirche und die Schule in Boca da Valeria am Ufer des Amazonas, Brasilien
In manchen Orten am Amazonas kommen Priester nur ein paar Mal im Jahr vorbei (imago / Cindy Miller Hopkins)
Am Sonntag (6.10.) beginnt im Vatikan die Amazonas-Synode. Rund 180 Bischöfe, Ordensvertreter und Laien beraten bis Ende des Monats über die Probleme des Amazonas-Gebiets in Lateinamerika, das sich über neun Länder erstreckt und 7,5 Millionen Quadratkilometer groß ist.
Der Priestermangel in dieser Region ist besonders eklatant. Wenige Priester kümmern sich um riesige Gebiete und weit auseinander liegende Ortschaften; manche Gemeinden warten monatelang darauf, dass ein Priester vorbeikommt und mit ihnen eine heilige Messe mit Eucharistie feiert.
Vielfalt aushalten
Dass es in dieser eigentlich katholisch geprägten Region so wenige Priester gibt, hat nach Ansicht des Theologen Gerhard Kruip auch kulturelle Gründe: Für viele Menschen sei es undenkbar, für den Beruf des Priesters auf eine Familie zu verzichten, so Kruip im DLF. Der Professor für katholische Theologie an der Universität Mainz ist ein ausgewiesener Lateinamerika-Kenner.
Die Erwartungen in der Region an die Amazonas-Synode seien hoch: "Die Kirche soll nicht nur zu Besuch kommen", so Kruip. "Die Menschen wünschen sich, dass der Zugang zum Priesteramt geöffnet wird, auch für verheiratete Männer."
Der Theologe Gerhard Kruip
Der Theologe Gerhard Kruip (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Die Frage, ob die sogenannten "viri probati", die bewährten verheirateten Männer, in entlegenen Gemeinden zu Priestern geweiht werden dürfen, sorgt im Vatikan schon seit Monaten für Diskussionen. Konservative Kirchenvertreter sehen darin einen Dammbruch und eine Aufweichung des Zölibats.
Der Theologie-Professor Gerhard Kruip hingegen erkennt hier eine Chance für die katholische Kirche. Es gehe darum, nicht nur die Zeichen der Zeit zu sehen, sondern auch die Zeichen des Ortes. "Die katholische Kirche ist ein so schwerfälliges Gebilde, dass Veränderungen nicht überall gleichzeitig passieren können", so Kruip. "Es kann nur so gehen, dass in einzelnen Regionen Veränderungen vorgenommen werden, die woanders noch nicht stattfinden."
Zölibat und Klimawandel
Unterschiedliche Ortskirchen könnten unterschiedliche Wege gehen: "Wir müssen lernen, Vielfalt stärker auszuhalten, Differenz auszuhalten, und uns dabei nicht das Katholischsein gegenseitig abzusprechen." Wenn in der Amazonas-Synode deutlich werde, dass eine Region in gewissen Themen vorangehen dürfe, dann sei das auch ein wichtiges Signal an deutschen Katholiken. Allerdings sei das die "schwierigste Zerreißprobe für die katholische Kirche."
Der offizielle Titel der Synode heißt: "Amazonien - Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie". Auf der Tagesordnung steht neben dem Priestermangel auch die Umweltzerstörung in der Region. Gerhard Kruip hofft, dass beide Themen gleichberechtigt behandelt werden – denn beides seien drängende Probleme in Amazonien. "Ich hoffe nicht, dass die Themen gegeneinander ausgespielt werden."