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Ambitioniertes Goethe-Puzzle

Die Londoner Docklands waren vor zehn Jahren noch ein kostengünstiger Rückzugsort für junge Künstler, Galeristen und Theaterleute. Inzwischen werden immer mehr der alten Fabrik- und Lagerhallen abgerissen, damit Apartmentblocks entstehen können. Dieses Schicksal droht auch einer alten Tabak-Lagerhalle. Vorher allerdings dient sie noch als Schauplatz einer ungewöhnlichen Faust-Inszenierung, von der die Londoner Kritiker hellauf begeistert sind.

Von Susanne Lettenbauer |
    Eines vorweg: Dieser Faust ist nichts für Klaustrophobiker, Nachtblinde oder Schreckhafte. Was wie ein schlechter PR-Gag klingt und gerade diese Gruppen magisch anzieht, hat derzeit in der alten Tabakfabrik im Londoner Docklandviertel Wapping vollauf seine Berechtigung. Spätestens nachdem die erste Gruppe der maximal 240 Besucher pro Abend den alten Lastenaufzug bestiegen und der Liftboy die Eisengitter effektvoll zugeknallt hat. Angetan mit weißen, venezianischen Masken fragt sich der Besucher, denn vom klassischen Zuschauer kann man hier schlecht sprechen, ob die Neugier auf die umjubelte Inszenierung die Entscheidung für diesen ausverkauften Abend tatsächlich rechtfertige. Drei Stunden später heißt die Antwort: ja.

    Seit die Punchdrunk Company vor sieben Jahren das erste Mal die Londoner Theaterszene auf sich aufmerksam machte, bedeutete jede ihrer bislang ein Dutzend Produktionen eine Erweiterung des Theaterbegriffs. Die Bezeichnung "immersives Theater" dürfte hier am besten passen, das Eintauchen in eine künstliche Welt, die Auflösung von räumlichen Grenzen - das ist die Grundidee hinter den Punchdrunk- Abenden.

    Sei es Shakespeares Sturm in einer alten Destillerie zu inszenieren oder die Hitchcockadaption "Sleep no more" in einem viktorianischen Schulgebäude im Stadtteil Kennington - Colin Marsh und sein Punchdrunkteam fordern vom Zuschauer eine absolute Konzentration auf und Reinterpretation von zeitlich parallel ablaufenden Szenen. Wie bei Goethes Faust. Denn in Zweiergruppen entlassen aus dem alten Lastenaufzug öffnen sich gut 3000 Quadratmeter Bühnenszenerie, die erlaufen werden wollen. Schummrig beleuchtete Gänge, Treppenhäuser, widerhallende Säle, aber auch winzige Motelzimmer und Bars führen in die Irre. Dass das Spiel längst begonnen hat, erkennt man erst an den vorüberhuschenden Schauspielern, den einzigen ohne weiße Masken. In neun Episoden hat Colin Marsh das Goethe-Epos unterteilt, beginnend im elterlichen Wohnzimmer von Gretchen, samt dicken Teppichen, Vorhängen, Hirschgeweih und Grammophon, nebenan Waschstube, Kinderzimmer und elterliches Schlafzimmer. Die Zeit ließe sich ins Amerika der 50er Jahre verlegen, ins Biedermeier oder in die Bismarck- Ära. Den Gerüchen zufolge in eine schlecht gelüftete Goethe-Zeit - für Liebhaber von Heimatmuseen eine perfekte olfaktorische Suggestion. Passend dazu die Kostüme: Petticoat und Schleifchen, Frack und Melone. Da wird jungmädchenhaft herumgetollt, brav die Bibel gelesen und gebetet, bis die schlechten Engel an die Tür klopfen und mit erotischen Versprechungen locken.

    Im Mittelpunkt des neuen Londoner Faust steht vor allem die Verführbarkeit des Menschen durch den Menschen, sei es der verzweifelnde Faust in seinem täuschend echt nachgestalteten Studierzimmer samt alchemistischen Labor und riesigem Pentagramm, sei es Gretchen in dem angestaubten, strengen Elternhaus. Beide werden getrieben von ihren schlechten und guten Engeln, dargestellt von grotesk bemalten Schauspielern. So landen Faust, Gretchen und der in einen Wolfspelz gehüllte Mefisto in einem weitläufigen Maisfeld, einem beängstigenden Labyrinth aus Archivschränken, einer Verhörzelle, in einem düsteren Fichtenwald, in einer überraschend guten Tanzshow zur Walpurgisnacht, in einem Stundenhotel, in einem Kino und immer wieder in schmuddeligen Bars á la Edward Hopper, wo bereits andere Paare sich suchen, finden, verlieren.

    Zweiundzwanzig Schauspieler agieren auf den fünf Etagen der Tabakfabrik, drei Stunden hat man Zeit, seinen eigene Version des Faust zu finden. Sowohl in den kunstvoll drapierten Räumen, die für sich genommen bereits eine eigene Geschichte erzählen wie auch die plötzlich mit Schauspielern und Zuschauern bevölkerten Hallen.

    Geschickt beziehen die Schauspieler das umherstehende Publikum in die Geschichte ein, ehe der Tross weiterzieht durch die endlos scheinenden Gänge zum nächsten Spielort. Eine Illusion hier die gesamte Aufführung sehen zu wollen, auch wenn drei Vollversionen pro Abend gespielt werden.

    Wer bis dahin noch nicht aufgegeben hat, der erlebt schließlich einen betörenden Augenblick im Untergeschoss. Im Kerker wartet Gretchen auf ihre Hinrichtung, begleitet von John Taveners suicidalen Lamentationes. Die guten und schlechten Engel turnen an den Gitterstäben herum, als wollten sie das Geschehene, die Kindstötung des durch Faust verführten Gretchens, bejubeln oder verdammen.

    Mefisto, dargestellt von dem südamerikanischen Tänzer Vinicius Salles, quält unterdessen den nackten Faust mit dessen Versagen. Was bei Gretchen als Heiligsprechung endet, endet bei Faust mit der Verdammnis und dröhnendem absoluten Schwarz. Wer diese nachhallende Dunkelheit in einem über 800 Quadratmeter großen Raum einmal erlebt hat, vergisst dies nicht so schnell.