In den acht Kurzgeschichten spielt Tiziano Scarpa auf allen Ebenen mit der Ironie. Ein Leben ohne Liebe ist heutzutage unmöglich. Jeder muss lieben. Aber nicht alle lieben auf die selbe Weise. Man liebt je nach sozialer Funktion, nach Einkommen, nach Geschmack, nach Phantasie, nach Vorstellungsvermögen und nicht zuletzt nach der Art, wie man erzogen oder gar erzeugt wurde. |So z. B. ein alter italienischer Bischof, der nach einem Unfall in den Bergen Italiens als vermißt gilt und von eigenartigen, barbarischen Einsiedlern gerettet wird. In einem bizarren Traum steckt die Frau des Eremiten, der ein Auge fehlt, den Penis ihres Mannes in ihre nun leere Augenhöhle und verhilft ihm so zu einem Orgasmus. Auf diese Weise erkennt der Bischof, dass seine Liebe zu Gott kleiner ist als jene, die er für seine Haushälterin Marianne hegt. Aber diese Liebe ist eine, die der Bischof niemandem mitteilen kann - an die er noch nicht einmal denken dürfte.
In Tiziano Scarpas Welt scheint die Liebe eine Angelegenheit der äußeren Haut zu sein - mit Romantik hat sie nichts zu tun. Für ihn gibt es eine Mode der Liebe, so wie es Mode bei Kleidungsstücken, Literatur und Sport gibt. Sie ist also saisonbedingt, entspricht den Jahren und hängt von sozialen Bedingungen ab. Je nachdem kann die Liebe brutal, pervers oder schüchtern sein. Als sarkastischer Moralist will Scarpa über unsere eigenen Beziehungen lachen lassen und vor allem will er uns der Sprache bewusst werden lassen, in der wir Begriffe wie Liebe und Beziehung einsperren. Er fordert uns mit seiner "giftigen" Zunge heraus, reicht uns einen Spiegel, der erbarmungslos ist.
Wenn man es schafft, all seine ethischen und moralischen Vorstellungen beiseite zu legen, wird dieses Buch zu einer Art mystischen Erfahrung - es öffnet den Weg zu einem anderen Niveau des Denkens: einer wunderbaren Abstraktion des Bewusstseins.