Archiv


Amore

Die Einheit Italiens ergibt sich aus seiner Geteiltheit: so etwa die Trennung von Nord-Süd, die von Camorra und Mafia sowie von Parmaschinken und San Daniele. Aber noch nie gab es eine so primäre Gegensätzlichkeit zwischen "Gut" und "Böse", die sich in Italien im Jahre 1996 formierte. Seit den 90er Jahren gibt es in Italien also so etwas wie die "Bösen", auch "Kannibalen" genannt. Diese "Barbaren" sind die neuen jungen Autoren Italiens, also "junge Literatur von jungen Autoren". Die "Guten", ihre Gegner, sind sozusagen ihre "großen Brüder", die Generationen vor ihnen. Um sie zu unterscheiden gilt weniger der Altersunterschied als ihre unterschiedliche Auffassung über die Art des Schreibens. Es ist, als ob diese Opponenten in verschiedenen Jahrhunderten lebten. Während die "Guten" also gemütlich auf den oberen Etagen residierten, bereiteten die "Bösen", im Sumpf der minderwertigen Genres (Krimi, Science Fiction, Comics,...) die Subversion von Inhalten und Sprache vor. Jung und böse also, erfinden die "Kannibalen" eine neue Gattung des Romans: den "Mülleimer-Roman", der die Welt wahrhaftig widerspiegelt.

Jeannine Uznanski |
    Bis heute wird die literarische Welt Italiens von den "neuen Barbaren" immer wieder erschüttert. Tiziano Scarpa ist einer von ihnen. Sein neues Buch "Amore" bietet 8 Kurzgeschichten, die um das Thema "Liebe" kreisen. Die Besonderheit seiner Texte ist, dass sie das Morbide schön und das Schöne morbid erscheinen lassen. Die Texte Scarpas sind moralisch gesehen bedenklich - und das in einem Umfang, dass man gar nicht mehr aufhören kann zu lesen. Es ist ein Buch, das abstoßend ist; und nicht nur seine Geschichten sind abstoßend: es ist die Liebe die uns sinnlos, monströs und ekelerregend erscheint. Aber die Kraft der Geschichten liegt eben gerade in der Annahme des Hässlichen - es gilt, daraus eine neue Lebensart zu entwickeln.

    In den acht Kurzgeschichten spielt Tiziano Scarpa auf allen Ebenen mit der Ironie. Ein Leben ohne Liebe ist heutzutage unmöglich. Jeder muss lieben. Aber nicht alle lieben auf die selbe Weise. Man liebt je nach sozialer Funktion, nach Einkommen, nach Geschmack, nach Phantasie, nach Vorstellungsvermögen und nicht zuletzt nach der Art, wie man erzogen oder gar erzeugt wurde. |So z. B. ein alter italienischer Bischof, der nach einem Unfall in den Bergen Italiens als vermißt gilt und von eigenartigen, barbarischen Einsiedlern gerettet wird. In einem bizarren Traum steckt die Frau des Eremiten, der ein Auge fehlt, den Penis ihres Mannes in ihre nun leere Augenhöhle und verhilft ihm so zu einem Orgasmus. Auf diese Weise erkennt der Bischof, dass seine Liebe zu Gott kleiner ist als jene, die er für seine Haushälterin Marianne hegt. Aber diese Liebe ist eine, die der Bischof niemandem mitteilen kann - an die er noch nicht einmal denken dürfte.

    In Tiziano Scarpas Welt scheint die Liebe eine Angelegenheit der äußeren Haut zu sein - mit Romantik hat sie nichts zu tun. Für ihn gibt es eine Mode der Liebe, so wie es Mode bei Kleidungsstücken, Literatur und Sport gibt. Sie ist also saisonbedingt, entspricht den Jahren und hängt von sozialen Bedingungen ab. Je nachdem kann die Liebe brutal, pervers oder schüchtern sein. Als sarkastischer Moralist will Scarpa über unsere eigenen Beziehungen lachen lassen und vor allem will er uns der Sprache bewusst werden lassen, in der wir Begriffe wie Liebe und Beziehung einsperren. Er fordert uns mit seiner "giftigen" Zunge heraus, reicht uns einen Spiegel, der erbarmungslos ist.

    Wenn man es schafft, all seine ethischen und moralischen Vorstellungen beiseite zu legen, wird dieses Buch zu einer Art mystischen Erfahrung - es öffnet den Weg zu einem anderen Niveau des Denkens: einer wunderbaren Abstraktion des Bewusstseins.