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StartseiteBüchermarktFantasien eines schreibenden Arbeiters11.01.2019

Andor Endre Gelléri: "Stromern"Fantasien eines schreibenden Arbeiters

Der Ungar Andor Endre Gelléri wusste, dass die Wirklichkeit brutal, brüchig und zugleich bezaubernd sein kann. Er war ein Meister der kurzen Form. Nun kann man seine außergewöhnlichen Geschichten aus den 20er- und 30er- Jahren neu entdecken.

Von Ulrich Rüdenauer

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"Stromern" von Andor Endre Gelléri. (Guggolz Verlag / Montage: DLF Kultur)
"Stromern" von Andor Endre Gelléri. (Guggolz Verlag / Montage: DLF Kultur)
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Wie viele Väter hatte auch der von Andor Endre Gelléri keinen Sinn für die Träumereien seines Sohnes. Herr Gelléri, der Schlosser war und mit einer Firma für Panzerschränke reüssieren wollte, nötigte seinen 15-jährigen Filius, das Gymnasium zu verlassen und etwas Anständiges zu tun. Eigentlich aber wollte Andor Endre Gelléri ausschließlich schreiben. Schon als Jugendlichem flossen ihm die Geschichten nur so aus der Feder.

Stattdessen musste er sich in allerlei Berufen verdingen, als Transportarbeiter, Färber, Schlosser und in gut zwei Dutzend mehr. Zugleich aber war das ein Segen. Denn was er unter Arbeitern erlebte, floss direkt in seine Texte. Die schlecht beleumundeten Viertel Budapests kannte er von klein auf, und er wusste, dass es dort rau und elend zuging, aber auch Wünsche und Fantasien gediehen. Er machte diese Welt literaturfähig.

Die 20er- und 30er-Jahre, in denen seine Geschichten entstanden, waren eine Zeit der wirtschaftlichen Krise und Not. Die Bedingungen waren hart; es herrschte hohe Arbeitslosigkeit. Und wer Arbeit hatte, wurde schamlos ausgebeutet. Mit seinen Erzählungen und Novellen – mehr als 100 hat er bis zu seinem Tod verfasst – wandte Gelléri sich diesem proletarischen Milieu zu. Aber nicht als Sozialankläger, sondern mehr als Beobachter. Er gab den Armen Stimmen, ließ sie literarisch zu ihrem Recht kommen; hörte, was sie redeten; sah, wie sie sich durchschlugen. Und sparte auch nicht an Witz und Ironie – denn in allem Leid gibt es immer auch das Absurde, das Bizarre, manchmal sogar das Glück.

Das war ihm selbst zunächst durchaus hold. Früh hatte Gelléri mit seinen Erzählungen Erfolg. Redakteure einflussreicher Literaturzeitschriften wurden auf ihn aufmerksam. Er veröffentlichte kontinuierlich, und auch wenn er davon nicht leben konnte, so pries man doch sein Talent, erkannte ihn als Erneuerer, lobte wie der Schriftsteller Dezső Kosztolányi seinen "feenhaften Realismus".

Erschrocken quietschende Betten

Was diese seltsam paradoxe Kombination bedeutet, kann man gerade in seinen Erzählungen entdecken. Sie liegen nun in einer Auswahl und in der Übersetzung von Timea Tankó vor. Gelléris Geschichten handeln von Arbeitern und kleinen Angestellten wie Vera, die in einem Musikgeschäft arbeitet, von der eigenen Mutter vernachlässigt und von ihrem Chef schikaniert wird, bis sie eines Tages die Ungerechtigkeit nicht länger erträgt und ihm die Meinung geigt – was natürlich zur Entlassung führt. Es ist wie eine Befreiung. Und wie eine Befreiung wirkt auch der Gedanke, nun endlich das Unvorstellbare tun zu können.

"'Ich werde Tänzerin, ich werde Tänzerin', sagte ich mir immer wieder, ließ mein altes Nachthemd hinunter und wickelte es mir um den Körper, als wäre es ein Abendkleid. Und dann schlich ich geheimnisvoll, als wüsste ich nun alles, ins Bett zurück, das erschrocken quietschte."

Realismus und Verzauberung

Auch wenn das gewiss eine Illusion bleiben wird – es ist ein Moment der Selbstermächtigung, der dem schreibenden Schlossersohn Andor Endre Gelléri sehr vertraut gewesen sein dürfte. Es sind immer wieder diese Umschlagmomente von einer detailgenauen Wirklichkeitszeichnung ins, pathetisch ausgedrückt, Utopische. Und es gibt jene Kippmomente, die vom Realistischen unvermittelt ins Groteske führen. Oder ins Poetische. Ins Verzauberte. So beobachtet einmal der Erzähler in der Geschichte "Buntes Glas", die vom Vergehen der Zeit und vom Älterwerden handelt, wie ein Gärtner den Sprenger auf einem Rasenstück anstellt:

"Ein Schmetterling fliegt staunend um den Schleier des Wasserzeltes herum wie die Käfer am Abend um die Lampe, und es kommen immer neue Spatzen aus dem Himmel, aus den Bäumen angeflattert. Und nun ist es, so nehme ich an, Brotzeit. Sie schnabulieren, lärmen, verkünden, dass am 25. September das Spatzenfreibad eröffnet hat: Meine Damen und Herren, Jungen und Mädchen, kommt schnell, denn da nähert sich bereits der Gärtner mit der Mütze, beugt sich hinunter, ergreift etwas am Boden, es ist der Wasserhahn, der Schauer wird immer lichter und erstirbt letztlich, und da schließen auch die unsichtbaren Pforten des Spatzenfreibads wieder. Die Spatzen zerstreuen sich, und der neugierige Schmetterling kreist um die Stelle, wo gerade eben noch ein Wunder zu sehen gewesen ist, und nur die Tropfenmützchen auf den Grashalmen und das silbrige Gesicht der Wildeichenblätter erinnert daran."

Es finden sich etliche solcher Passagen, die einen Staunen machen. In diesen Geschichten, die von den Ärmsten handeln, scheint die Wahrnehmungskraft extrem geschärft; Handfestigkeit und Direktheit stehen gleichberechtigt neben Zerbrechlichkeit und Zartheit. Das ist ebenso weit entfernt von naiver Sentimentalität wie von kitschiger Sozialromantik. Niemals sind Gelléris proletarische Helden nur Opfer. Niemals sind sie ohne Widersprüche.

Übersetzung aus dem Gellérischen

Dass die Wirkung dieser bald 100 Jahre alten Texte so stark und frisch ist, hat damit zu tun. Aber auch mit der Übersetzung. Das merkt man, wenn man sie mit älteren Übertragungen vergleicht. 1969 ist schon einmal unter dem Titel "Budapest und andere Prosa" eine Auswahl von Gelléris Erzählungen erschienen, damals übersetzt von der Autorin Barbara Frischmuth. Nicht immer aber sind Schriftsteller auch die besseren Übersetzer. Vielleicht, weil sie zu sehr ihrem eigenen Ton verhaftet sind. Tankó jedenfalls nimmt sich eine größere sprachliche Freiheit. Ihre Übersetzung hat Eleganz und Rhythmus. Sie ist wagemutiger, nicht so konventionell und bedächtig wie die von Frischmuth. Zu ihrer Arbeit merkte Tankó an, dass man Gelléris Texte nicht aus dem Ungarischen, sondern aus dem Gellérischen übersetzen müsse. Ein Beispiel für das Gellérische klingt etwa so:

"Der Mond scheint bereits ins Büro. Doch Herr Görög, der Geschäftsleiter, sitzt noch über aberhunderte von Papieren gebeugt an dem großen gelben Tisch. Die Spitze seiner Feder bewegt sich unentwegt wie der Wurm im Holz. Er greift nach rechts, zieht einen Brief aus dem Stapel hervor: Als sprängen lauter Clowns darauf herum, so sehr amüsiert ihn das darauf Geschriebene. In einem engelförmigen Behälter aus Glas vor ihm sind unzählige Bleistifte. Er nimmt sich einen, schreibt einige Zeilen, ergreift dann fahrig einen anderen. Wie vom Floh gestochen zappelt er auf dem Stuhl."

György Dalos schreibt im Nachwort von "Stromern", es gebe wenig hoffnungslosere Beschäftigungen, als den Inhalt einer Novelle nacherzählen zu wollen. Er hat recht. In Gelléris Geschichten ist jedes Wort so genau gesetzt, dass man sich mit einer unbeholfenen Zusammenfassung nur lächerlich machen würde. Deshalb muss man schon selber nachlesen, was es mit Herrn Görögs Zappeligkeit auf sich hat. Das gilt auch für die kuriosen Erlebnisse von Herrn Filipovics. Und all der anderen Lastenschlepper, Färber, Weber oder Bettler. Der großartige Band "Stromern" lässt so am Ende nur einen Wunsch offen – dass auch die noch nicht übersetzten Erzählungen Gelléris bald herausgebracht werden mögen.

Andor Endre Gelléri: "Stromern"
Aus dem Ungarischen von Timea Tankó
und mit einem Nachwort von György Dalos.
280 Seiten. 24 Euro.

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