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StartseitePolitische Literatur (Archiv)André Müller, Peter Hacks: Nur dass wir ein bißchen klärer sind. Der Briefwechsel 1989 und 199026.08.2002

André Müller, Peter Hacks: Nur dass wir ein bißchen klärer sind. Der Briefwechsel 1989 und 1990

Eulenspiegel Verlag Berlin 2002, 128 Seiten, Eur 12,90

<strong>"Nur dass wir ein bißchen klärer sind" kommt aus dem Berliner Eulenspiegel Verlag und beinhaltet einen Briefwechsel zweier linker Literaten aus Deutschland Ost und Deutschland West, der ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war. Er stammt aus der Wendezeit, in der sich die Autoren André Müller und Peter Hacks über die Erosion des Staates DDR und ihre Folgen brieflich austauschten. Nun haben die beiden diese Korrespondenz veröffentlicht - ohne nachträgliche Berichtigungen und Verschönerungen, wie sie betonen. </strong>

Wolf Dietrich Fruck

"Nur daß wir ein bißchen klärer sind", heißt der Titel eines Briefwechsels aus den ereignisreichen Jahren 1989 und 1990. Klärer meint klarer und ist, nicht zufällig, Goethe entlehnt. Wie überhaupt nichts zufällig gesagt wird von Peter Hacks und André Müller, den Autoren dieses amüsanten Buches.

Peter Hacks, geboren 1928, gilt als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Dramatiker: Als er seine Werkausgabe veröffentlichte, kamen selbst die FAZ und die SZ nicht umhin, ihn zu loben. Sein Theaterstück "Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe" ist eines der am häufigsten gespielten in deutscher Sprache. Viele seiner Gedichte gelten als stilbildend. Seine zahlreichen Kinderbücher gehören zu den Kleinodien moderner Literatur für Kinder. Seine oft arrogant wirkenden Urteile allerdings haben die Öffentlichkeit schon immer polarisiert. Er hat nur Feinde und Fans. André Müller, Jahrgang 1925, auch er ein Kinderbuchautor und Dramatiker, ist heute beinahe vergessen. Seine Brecht-Anekdoten "Geschichten vom Herrn B." sind ebenso wenig lieferbar wie seine anderen Anekdotensammlungen. Sein Buch "Shakespeare ohne Geheimnis", ein Versuch, die historischen Bezüge in den Shakespeare-Dramen aufzuzeigen, ist gleichfalls nicht erhältlich.

Zu Beginn dieses Briefwechsels ist Müller noch Redakteur bei "Kultur und Gesellschaft", 1990 stellte die DKP diese Zeitschrift ein. Müller wird, wie viele andere hauptamtliche DKPler, arbeitslos und leidet unter Geldmangel. Hacks, der ebenfalls kurz um seine Bezüge fürchtet, kann sich dagegen verhältnismäßig schnell wieder fangen. Ihm allerdings stehen nun Austritte aus diversen DDR-Kulturinstitutionen bevor. Ansonsten plagen sich die alten Männer mit ihren Altersgebrechen, sind entsetzt über die Verhältnisse, die über sie hereinbrechen, aber im wesentlichen leidlich vergnügt.

Hacks und Müller schreiben über Gott und die Welt, das sind in diesem Fall in den ersten Briefen Gorbatschow und seine Politik des Glasnost und der Perestroika. Ihre Skepsis, die Vorgänge im Mutterland des Sozialismus betreffend, äußern sie deutlich. So schreibt Müller in einem Brief an Hacks am 21. März 1989:

Dafür habe ich inzwischen das tiefere Gesetz der neueren sowjetischen Wirtschaftsentwicklung begriffen. Es lautet: Auf jede wirtschaftliche Pleite antwortet der Kreis um Gorbatschow mit einer neuen Enthüllung über die Untaten Stalins.

Worauf ihm Hacks am 1. April erwidert:

Die von Dir entdeckte ökonomische Gesetzmäßigkeit, die Entlarvungen Stalins betreffend, ist hiermit ins marxistische Schatzkästlein aufgenommen.

Das Jahr 1989 schreitet voran und mit ihm der immer offensichtlichere Verfall der DDR. Auch über Honecker wird geredet. Beide erblickten früher in ihm einen Ausverkäufer der DDR und wundern sich nun, dass er sich gegen Gorbatschow sperrt. Aber Hacks ist es bald müßig, über das Thema zu schreiben :

Der Honecker hat den Gleichheitsfimmel und der G. hat den Freiheitsfimmel. Laß sie schieben nach Herzenslust - aber was gehn mich diesen Schiebern ihre Fimmel an. Hacks 29.7.89

Mit dem Herbst eskaliert die Lage in der DDR, Tausende, vor allem junger Menschen, verlassen das Land - sarkastisch kommentiert Müller die aktuellen Entwicklungen:

Das Ergebnis der Honeckerpolitik, also die völlige Einstellung der ideologischen Auseinandersetzungen, zeigt sich in der Standhaftigkeit der Jungen Garde: Mutig durchschwimmen sie Seen und Ströme, um in den ersehnten Kapitalismus zu gelangen. Sagten wir nicht immer, Ulbrichts Sturz sei die wirkliche Wende gewesen? Müller an Hacks am 25.9.89

Die sich rasend schnell vollziehende Auflösung der Strukturen nach Honeckers Sturz überwältigt für kurze Zeit auch die abgeklärten Philosophen. Müller beschreibt den Verfall der DKP. Hacks erlebt derweil, dass sich die Opposition in der DDR, nachdem sie plötzlich in die Rolle staatserhaltener Organisationen gedrängt wird, mit der erreichten Macht nichts anzufangen weiß. Das Trauerspiel der politischen Dilettanten ringt ihm nur einen bissigen Kommentar ab:

Das Knirschen der Knochen, wenn die Konterrevolution ihre Kinder frißt, ist das einzige heitere Geräusch in all dem Höllengejammer. Hacks an Müller am 24.11.89

Müller und Hacks reden über die Lage, doch sie diskutieren nicht. Hacks berichtet, was die Ost-Renegaten tun, Müller berichtet, was die West-Renegaten tun. Es hagelt Verwünschungen:

G.s ( gemeint ist Gorbatschow ) Ziel, die einheitliche kapitalistische Welt, ist nun von ihm selber eingestanden, die Wende in den Ländern des "neuen Aufbruchs" also gewollt. Ich weiß, ich bin unverbesserlich, aber ich will ihn als Vortragsredner in den USA enden sehen. Müller an Hacks am 27.11.89

Müller ist entsetzt, wie leicht die SED ihre Macht abgibt. Zwar hat er nie an die Märchen von der Unbesiegbarkeit der Partei geglaubt, was aber sich nun vollzieht, lässt ihn doch erstaunen:

Mit vollen Hosen stehen jetzt auch alle BRD-Linken da, die an der DDR so sehr auszusetzen hatten, daß sie real war. Jetzt sagen sie, sie könnten das Wort Wiedervereinigung nicht mehr hören, und einige reden sich noch ein, die Frage sei noch offen. Offen ist in Wirklichkeit nur der Ausgang des Konflikts in den Konzernetagen des deutschen Monopolkapitals: Soll man die DDR thailandisieren und als Billiglohnland ausbeuten oder soll man sie einladen, über die Wiedervereinigung an der Ausbeutung teilzunehmen, um mit größerem Gewicht die EG zu dominieren? Müller an Hacks am 12.1.90

Hacks beobachtet inzwischen, wie die SED mit der Umbenennung in PDS im Januar 1990 versucht, ihre Haut zu retten.

Gysi hat von dem ganzen Verrat keinen Gewinn als Nachtschweiß und einen fürs Leben zerbrochenen Kreislauf. - Die SED also, die sich, um die Kommunisten zu entschärfen, nicht auflösen wird, wird zu spalten sein. Eine KPD wird sich in ein, zwei Jahren bilden, und an unseren Gräbern wird schon wieder die erste Schalmeienkapelle blasen. Auch dies ist in den sibyllinischen Schriften so: rote Bundesländer, wie die neuen im Osten über kurz oder lang sein werden, wird Alldeutschland nie gekannt haben. Hacks 3.2.90

Worauf Müller antwortet :

Die neuen roten Bundesländer ... sicher. Aber natürlich auch braun. Und hier wird in einem Jahr gelyncht, der Sächsisch spricht.

Geradezu prophetisch muten diese Sätze heute an. Auch wenn die KPD bis heute nicht wieder in Erscheinung getreten ist, diese Rolle hat die DKP und die kommunistische Plattform der PDS inzwischen übernommen, so sind die Wahlerfolge der PDS in den neuen Bundesländern, aber auch das Erstarken des Rechtsradikalismus bereits mit Deutlichkeit vorausgesagt, die in diesem zeitlichen Kontext erstaunt. Im Sommer 1990 ist klar, wohin der Zug fährt. Es macht sich wieder der bissige Humor im Briefwechsel bemerkbar, der das Jahr 1989 gekennzeichnet hat. So, wenn Hacks die neuen Verhältnisse betrachtet und die Auswirkungen auf sein persönliches Leben reflektiert:

Mir ist im nachhinein absolut unverständlich, wie ein Mensch unter den Kapitalisten die Zeit hat finden können, außer zu dulden auch noch zu dichten. Die Kapitalisten sind Verbrecher, das wußte ich ja. Aber sie strengen so an. Hacks an Müller 6.8.90

Wie jetzt überhaupt bei Hacks langsam das Interesse am Experiment nachlässt. Mehr darum bemüht, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen, ist für ihn das vollzogen, was er vorausahnte. Und damit hat es sich für ihn: Wichtig ist, dass er recht hatte. Müller kann nicht so schnell loslassen. Die Einheit ist nun nicht mehr aufzuhalten, Müller ahnt den gesamtdeutschen Wahlerfolg der CDU voraus:

Kohls Politik war wirklich enorm weitsichtig. Die CDU hat grau und bescheiden in der Etappe gesessen und die Sozis an der Entspannungsfront verheizt. Müller an Hacks 29.8.90

Wie wir wissen, hatte Müller auch hier eine treffende Prognose abgegeben.

Was macht den Briefwechsel nach zwölf Jahren noch so interessant? Schließlich zeigt er nichts anderes als zwei Kommunisten, die von ihrer Warte aus Recht haben. Geschult in marxistischer Dialektik erkennen sie die Widersprüche, sind aber weit davon entfernt, Lösungen anzubieten. So bleibt ihnen letztlich die Freude am geschliffenen Wort. Die Volksmassen, die für Marx und Lenin noch Basis ihrer historischen Lehren waren, bleiben bei den Briefschreibern außen vor. Warum die Menschen in Leipzig und anderswo auf die Straße gingen, warum der massive Ruf nach "Deutschland einig Vaterland" erfolgte - das alles steht nicht im Fokus ihrer Betrachtungen. Da sitzen also zwei auf dem Parnass, betrachten den Lauf der Welt und kommen zu dem Schluss: Wir haben es ja immer schon gewusst! Bei allem Vergnügen beim Lesen dieses Buches bleibt daher immer ein Beigeschmack. Welche Klientel wird hier eigentlich bedient?

Oder sollten wir das alles nur als eine Aphorismensammlung betrachten, unter dem Motto: Scherz und Ironie ohne tiefere Bedeutung. Dem würde auch der Einband des Buches entsprechen, tief rot gehalten und mit unzähligen Hämmerchen und Sichelchen verziert. Nicht zuletzt deutet auch die Herausgabe im Eulenspiegel-Verlag darauf hin. Da allerdings in diesem Buch auch eine neue Werkausgabe von Hacks im selben Verlagshaus angekündigt wird, bleibt zu hoffen, dass man diese Veröffentlichung nicht nur als eine nötige Referenz an den Hausautoren ansah.

Aber auch wenn das der Grund gewesen sein sollte, dieser Briefwechsel gehört zu den interessantesten Publikationen über die Wendezeit - nimmt er doch aus der subjektiven Sicht der beiden Autoren mit geradezu erstaunlicher Klarheit einige Aspekte der weiteren Entwicklung des vereinten Deutschland vorweg. Wer bereits in den Jahren 1989/90 mit solchen Analysen aufwarten konnte, gehörte ganz sicher zu einer Minderheit. Und schon deshalb lohnt die Lektüre.

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