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StartseiteStreitkulturEin Jahr nach Relotius - haben wir genug daraus gelernt?14.12.2019

Andreas Wolfers vs. Claudius SeidlEin Jahr nach Relotius - haben wir genug daraus gelernt?

Eine breite Debatte und redaktionelle Konsequenzen aus dem Betrugsfall Relotius bemerkt Andreas Wolfers, Leiter der Henri-Nannen-Schule. Noch immer den „gleichen Kitsch“ nimmt Claudius Seidl, Feuilletonchef der FAS, wahr: Reportagen, in denen „alles aufgeht, wo kein Abgrund unausgeleuchtet bleibt“.

Moderation: Henning Hübert

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24.05.2019, Hamburg: Der Abschlussbericht zur Fälschungsaffäre Relotius liegt während der Präsentation auf einem Tisch im Verlagsgebäude. Gut fünf Monate nach Bekanntwerden des Fälschungsfalls um den Reporter Claas Relotius hat der «Spiegel» einen Abschlussbericht zu der Affäre vorgelegt. Der «Spiegel»-Verlag in Hamburg hatte die Fälschungen im Dezember 2018 öffentlich gemacht. Dem «Spiegel» zufolge waren seit 2011 rund 60 Texte im Heft und bei «Spiegel Online» erschienen, die der Journalist geschrieben hat oder an denen er beteiligt war. Darin hatte Relotius zum Teil Protagonisten und Szenen erfunden.. Foto: Marcus Brandt/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Marcus Brandt)
"Spiegel"-Abschlussbericht zur Relotius-Affäre: Der Journalist hatte Reportagen verfälscht (picture alliance / Marcus Brandt)
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Am 19. Dezember 2018 informierte "Der Spiegel" über seinen bisherigen Starreporter Claas Relotius: Jahrelang hatte er seine Auslandsreportagen verfälscht und Protagonisten erfunden. Seitdem steht die Reportage unter Verdacht, und lieb gewonnene Rezeptionsgewohnheiten werden hinterfragt.

Etliche Redaktionen suchen seitdem nach Wegen, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Beunruhigend bleibt, dass Relotius’ vielfach ausgezeichnete Reportagen von vielen, nicht zuletzt von Jurymitgliedern bei Journalistenpreisen, einfach geglaubt werden wollten.

Andreas Wolfers

Andreas Wolfers (Andreas Wolfers)Andreas Wolfers (Andreas Wolfers)

Andreas Wolfers ist Chef der Henri-Nannen-Schule, der traditionsreichen Ausbildungsstätte für Printjournalisten, getragen von den Verlagen Gruner + Jahr, "Die Zeit" und "Der Spiegel". Er bemerkt echte Reformbemühungen und entdeckt bei neueren Reportagen eine neue Ehrlichkeit: Sie verraten mehr von den Motiven der Autoren und deren Herangehensweise an ein Thema als früher.

Claudius Seidl

  (picture alliance / dpa)Der deutsche Publizist und Filmkritiker Claudius Seidl, Feuilleton-Chef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (picture alliance / dpa)

Claudius Seidl ist seit dem Jahr 2001 Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Er kritisiert typische Bestandteile heutiger Reportagen. Seidl will zwar wie Wolfers eine "kräftige, saftige Beschreibung der Wirklichkeit". Er wendet sich aber gegen die Verwendung beliebter narrativer Formen der Fiktion in Reportagen, zum Beispiel "Held – Gegenspieler, Anfang – Schluss, möglichst ein Showdown" oder die Heldenreise. Sie gehören für Seidl in die Bereiche von Mythos und Märchen, taugen aber nicht für die Beschreibung der Welt.

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