Montag, 03. Oktober 2022

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Angriff auf Schwulenclub in Orlando
"Die Mehrheitsgesellschaft ist herausgefordert"

Das Attentat auf einen Schwulenclub in Orlando richtete sich nicht nur gegen eine spezifische Minderheit, sagte der Kulturjournalist Michael Reichert im DLF. Es sei auch ein Angriff auf die Gesellschaft gewesen, die an freiheitliche Werte glaube. Er beobachtet mit Sorge die "chauvinistische Bewegung" in den USA, die von Donald Trump gestärkt werde.

Martin Reichert im Gespräch mit Michael Köhler | 14.06.2016

    Blumen und Trauerbekundungen anlässlich der Schießerei in Orlando vor der Bar "The Stonewall Inn" in New York
    Vor der legendären Stonewall-Inn-Bar in New York bekundeten Menschen ihre Trauer und ihr Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer des Attentats von Orlando (imago stock&people)
    Michael Köhler: Was lässt sich nicht alles unter dem Symbol des Regenbogens fassen. Ein versöhnendes Lied der Kommunionkinder, "Regenbogen, buntes Licht", oder die Regenbogenbrücke in Wagners romantischer Oper Rheingold, "Zur Burg führt die Brücke, und allabendlich strahlt der Sonne Aug", aber auch ein universell-utopisches Friedenszeichen, aber natürlich auch das Signet weltweiter Schwulen und Lesbenbewegung, jedenfalls dann, wenn Rot oben und Violett unten ist. "Under the Rainbow" da ist eben auch nicht alles gleich. Die Zeit der versteckten Kellerbars jedenfalls für Schwule hinter Stahltüren in Randgebieten von Kleinstädten ist vorbei. Das Massaker im Nachtklub von Orlando war insofern auch ein Angriff auf die freie, die liberale Gesellschaft, auf längst etablierte Minderheiten. 49 Menschen hat der Attentäter am Sonntag ermordet. Heute Abend gibt es in Frankfurt eine Mahnwache mit amerikanischem Konsul am Mahnmal "Frankfurter Engel" für die Opfer der Verfolgung homosexueller Menschen. Mit dem Berliner Kulturjournalisten und Buchautor Martin Reichert habe ich darüber gesprochen. Er ist Verfasser unter anderem von "Vertragt euch! Auf Friedensmission zwischen Mann und Frau" und er hat sich intensiv auch mit der Geschichte der Schwulenbewegung befasst. Ihn habe ich gefragt: Welche Auswirkungen wird das Attentat wohl haben? Werden Sicherheitsvorkehrungen geändert? Wird es einen Rückzug in Anonymität geben?
    Martin Reichert: Das möchte ich genau nicht hoffen und ich glaube es auch nicht. Es gab, was man jetzt so hört, immer schon Befürchtungen, dass es vielleicht einen Anschlag auch auf einen Gay-Pride geben könnte. Das sind aber auch Veranstaltungen, die man ja eigentlich kaum schützen kann. Man kann da jetzt nicht die Bundeswehr auffahren, um Gay-Prides zu schützen. Ich glaube auch nicht, dass sich die Community nun zurückziehen wird. Gestern hat der LSVD, der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands, den Tag beschlossen mit der Aussage, wir weichen keinen Meter zurück, und so ungefähr würde ich auch die Stimmung charakterisieren, die ich jetzt im Moment beobachten kann: Auf der einen Seite tiefe Bestürzung, auf der anderen Seite ist man jetzt nicht bereit, sich einschüchtern zu lassen von einer solch schrecklichen Tat.
    "Gesellschaft definiert sich über Umgang mit ihren Minderheiten"
    Köhler: Sie haben gerade vom Gay-Pride gesprochen. Wir sind in so einem Feiermonat, einem schwulen Stolzmonat, im Pride-Monat. Wird aus dem Attentat politisches Kapital geschlagen, denn das erleben wir ja gerade mitten im Präsidentschaftswahlkampf? Anders gesagt: Fürchten Sie einen Rollback vielleicht in den USA, der vielleicht auch nach Europa rüberschwappen könnte?
    Reichert: Es gibt ja vielfältige Möglichkeiten, jeweils Minderheiten zu instrumentalisieren. In den USA kann man das ja bei Herrn Trump sehen, in welcher Richtung er es versucht. Er versucht, diese Tat jetzt gegen den Islam zu wenden. In Deutschland habe ich noch keine Reaktionen bisher von der AfD mitbekommen. Man wird sich dort entscheiden müssen, ob man das nutzt, um zu versuchen, gegen den Islam zu hetzen. Aber andererseits hetzt man ja auch gegen Homosexuelle. Insofern kommt es halt immer darauf an, welche politischen Kräfte das für sich ausnutzen wollen. Ich selber würde sagen, dass sich die Mitglieder der Community selbst dagegen zur Wehr setzen werden. Wenn das die Mehrheitsgesellschaft möchte, kann man dagegen natürlich relativ wenig tun. In den USA muss man jetzt abwarten, in welche Richtung das geht. Trump hat ja heute noch mal eine Schippe draufgelegt. Ich hoffe, dass es nicht gelingt, diese Gesellschaft weiter zu spalten, auch nicht auf dem Rücken einer Minderheit.
    Köhler: Schaue ich mir Artikel an, deutschsprachige oder auch englischsprachige, auch gerade von schwulen Autoren, dann sagen die, so eine Nacht im Club gehöre zu den Momenten im Leben eines Schwulen, wo man ziemlich angstfrei sein kann oder die Chance, eins auf die Nase zu kriegen, etwas geringer ist. Die USA sind außerhalb von den Zentren San Francisco (Westküste) oder sagen wir mal Problems Town/Cape Cod, Ostküste doch recht repressiv-konservativ. Wird das zunehmen? Oder anders gesagt: Glauben Sie, dass eine Entliberalisierung, wie wir sie im Moment erleben, aufhört?
    Reichert: Ich will das nicht hoffen. Ich meine, eine der Kräfte, die gegen eine solche Liberalisierung stehen, das sind sämtliche Weltreligionen. Es ist übrigens völlig egal welche, ob nun der Islam oder orthodoxes Judentum oder evangelikale Kräfte in den USA. Ich würde da nie nie sagen. Man hat es immer mit Rollback-Situationen zu tun. In den USA zum Beispiel muss man natürlich unterscheiden zwischen Metropolregionen und dem Ball Belt, dem mittleren Westen, wo die Repressionen relativ stark sind. Andererseits hat man ja auch generell, wenn man sich jemanden wie Donald Trump anschaut, eine doch recht starke chauvinistische Bewegung wiederum auch innerhalb der USA. Das ist keine gute Situation für Minderheiten egal welcher Couleur, ob es sich jetzt um Schwule oder Lesben handelt oder um andere Gruppen. Das ist jedenfalls eine gefährliche Atmosphäre und die Mehrheitsgesellschaft ist da herausgefordert. Sie definiert sich ja auch darüber, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht.
    "Attentat auf eine Gesellschaft, die an freiheitliche Werte glaubt"
    Köhler: Es ist und bleibt aber ein Angriff auf eine spezifisch andere Lebensform?
    Reichert: Definitiv! Es gab ja jetzt diese Debatte, das war ganz interessant, auch eine ziemliche Verletzung innerhalb der Community, dass erst mal dieses Attentat gar nicht als spezifisches Attentat auf ein queeres Szenario wahrgenommen wurde. Das ist dann dieses Szenario, dass man ignoriert wird. Das kann es auch nicht sein. Selbstverständlich war das ein Attentat auf eine spezifische Minderheit, auf Schwulen, Lesben, Transgender, Transsexuelle. Auf der anderen Seite ist so was natürlich auch ein Attentat auf eine Gesellschaft, die an Freiheit glaubt, die an Selbstverwirklichung glaubt, die an Selbstbestimmungsrechte glaubt. Dafür stehen ja symbolisch mittlerweile auch Schwule und Lesben in Deutschland und weltweit. Insofern, ja, war es auch ein Attentat auf eine gesamte Gesellschaft, die an freiheitliche Werte glaubt.
    Köhler: Sie würden sich wünschen, dass das Brandenburger Tor heute Abend in Regenbogenfarben angestrahlt würde?
    Reichert: Ich fände das sehr schön. Das wäre ein sehr schönes Zeichen. Ich weiß nicht, woran es liegt, ob die Berliner Verwaltung wie mit so vielen anderen Dingen überfordert ist, oder ob es schlechter Wille ist. Es wäre eine schöne Geste.
    Köhler: "Regenbogen, buntes Licht, deine Farben sind das Leben" - Buchautor Martin Reichert über das Attentat von Orlando und den Umgang mit Minderheiten.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.