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StartseiteKultur heute"Im Exil kann man nicht ankommen"14.07.2020

Annika Reich über das Schreiben in der Fremde"Im Exil kann man nicht ankommen"

Die Schriftstellerin Annika Reich wurde 2015 Mitgründerin der Initiative "Weiter Schreiben" für geflüchtete Autor*innen. Im Deutschlandfunk berichtet sie unter anderem davon, wie Nähe und Ferne das Schreiben beeinflussen. Und warum sie selbst nun auch autobiografisch schreiben kann.

Annika Reich im Gespräch mit Änne Seidel

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Annika Reich bei einer Lesung in Berlin aus ihrem Roman "Die Nächte auf ihrer Seite"   (imago / Future Image)
Nähe und Distanz als zentrales Thema: die Schriftstellerin Annika Reich (imago / Future Image)
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Nähe und Ferne beschäftigen Annika Reich schon seit langem. Das Thema spielt eine große Rolle in den Beziehungen ihrer Romanfiguren. Aber auch im Schreiben selbst, sagt sie, kann es nach zwei Seiten gehen: zum Autobiografischen, also hin zur schreibenden Person selbst; oder weg von ihr, zum Beispiel durch das Sich-Hineindenken in ganz fremde Verhältnisse und Personen. Diese Erfahrung machte Annika Reich in ihrem Ägypten-Roman "Die Nächte auf ihrer Seite", um genau damit wieder auf ihre eigenen Perspektiven und Vorstellungen von vermeintlich fernen Phänomenen zu stoßen.   

"Phantasie ist auch autobiographisch"

2015 hat die Autorin gemeinsam mit etwa 100 weiteren Frauen eine NGO gegründet, um schreibende Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten zu unterstützen. Auch diese Erfahrung, sagt sie, hat ihr eigenes Schreiben nach längerer Pause verändert. Früher habe sie immer erklärt "Phantasie ist auch autobiographisch". Inzwischen sei ihr neuer Roman viel näher an ihrer eigenen Geschichte als alle früheren Bücher.

In einer Glaskugel spiegelt sich die Adriaküste, die im Hintergrund nur unscharf zu sehen ist. (imago images / Shotshop) (imago images / Shotshop)Gesprächsreihe "nah und fern"
Nähe und Distanz sind keine feststehenden Größen. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, empfindet jeder anders. Und jede Disziplin, jede Kunstgattung geht auf ihre Weise damit um. 

"Für wen schreibt Ihr?"

Für die Geflüchteten, die ihre Initiative begleitet, sieht Annika Reich Nähe und Distanz als großes Thema. Die Frage, für wen die Texte auf Arabisch oder anderen Muttersprachen gedacht seien, könnten sie kaum beantworten: "Das Exil ist ein Zwischenraum, geprägt von Ferne und Erinnerungen", in dem es ein Ankommen nicht geben kann. Nur Übersetzungen können eine Brücke schlagen. Allerdings sollten Texte dabei nicht sprachlich "eingemeindet" werden, sondern unterschiedliche, also uns "ferne" literarische Verfahren erhalten.  

Annika Reich schreibt Romane, Kinderbücher und Essays, blieb aber nie am Schreibtisch sitzen, sondern rief Kulturprojekte und Aktionsbündnisse ins Leben. Preisgekrönt wurde die von ihr mitgegründete Initiative "Weiter Schreiben" für geflüchtete Autor*innen.   

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