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StartseiteInterview"Terror ist etwas, woran man sich gewöhnt hat"15.04.2017

Anschlagsgefahr"Terror ist etwas, woran man sich gewöhnt hat"

Die Deutschen lassen sich laut aktueller Umfragen des ARD-Deutschland-Trends von Anschlägen nicht aus der Ruhe bringen. Dass der Terrorismus dadurch auf lange Sicht seine Wirkung verliere, glaubt der Soziologe Armin Nassehi allerdings nicht.

Armin Nassehi im Gespräch mit Stephanie Rohde

Das Blaulicht eines Polizeiwagens vor einer Fahne mit dem BVB-Logo. (dpa/Friso Gentsch)
Dass die öffentliche Diskussion in Deutschland eine zivilisiertere Form annimmt, als es sich die Extremisten wünschen, ließe hoffen, sagte der Soziologe Armin Nassehi im DLF. (dpa/Friso Gentsch)

Stephanie Rohde: Wie krank ist diese Welt – das fragte sich Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller entsetzt nach dem Sprengstoffanschlag auf den Bus des BVB vom Dienstagabend. Noch immer ist nicht klar, wer hinter dem Anschlag steckt. Ein drittes angebliches Bekennerschreiben wird derzeit geprüft.

Eines aber, das ist klar, die Deutschen bleiben gelassen: Im "ARD-DeutschlandTrend" gaben 82 Prozent der Befragten an, sich alles in allem sicher zu fühlen. Nur 17 Prozent sagten, dass sie sich nicht sicher fühlen in Deutschland. Heißt das, dass die Deutschen sich an Terrorangriffe gewöhnt haben, und verliert der Terror damit an Wirkmächtigkeit? Darüber möchte ich jetzt sprechen mit dem Soziologen Armin Nassehi von der LMU München. Guten Morgen!

Armin Nassehi: Guten Morgen, Frau Rohde!

Rohde: Herr Nassehi, kann man nach der besonnenen Reaktion der Deutschen auf diesen jüngsten Anschlag sagen, Terror ist jetzt ein ganz normales Risiko in unserer Gesellschaft geworden, so wie etwa Unfälle beim Autofahren?

"Ich glaube nicht, dass es ein normales Risiko geworden ist"

Nassehi: Ich glaube nicht, dass es ein normales Risiko geworden ist, aber es ist sozusagen etwas geworden, woran man sich in der Tat, dadurch, dass es öfter vorkommt, gewöhnt hat. Man glaubt, man würde diesen Satz ja gar nicht sagen, das hört sich ja eigentlich schrecklich an, aber wie wir ja sehen, läuft das alles nach einem relativ klaren Skript ab.

Also das Skript heißt, dass alle ihre Rollen spielen, wir suchen jetzt nach den Tätern, wir suchen auch nach Definitionen, was eigentlich Terror ist. Man ist relativ schnell dabei, zu sagen, dass dieser Begriff des Terrors einerseits ein terroristischer Begriff ist, auf der anderen Seite auch sehr stark entlastet, weil man denkt, wir wissen jetzt, welches Muster da jetzt eigentlich abgespielt wird, aber jetzt gerade bei diesem Dortmunder Fall sehen wir ja, dass fast nichts in ein Muster passt, und das produziert eine merkwürdige Form einerseits von Gelassenheit, andererseits aber auch eine Aufgeregtheit, weil man es gar nicht so richtig einordnen kann.

Also was nennen wir eigentlich Terror? Wir nennen meistens Terror das, was mit Islamistischem zusammenhängt. Jetzt weiß man nicht, ob es tatsächlich Islamistisches ist. Ist ein Anschlag eigentlich auf ein Flüchtlingsheim auch Terrorismus oder nicht? Der Begriff taucht da nicht auf. Also zurzeit gibt es ein bisschen Verwirrung, aber in der Tat, da haben Sie recht, mit einem gelassenen Ton.

Rohde: Sie haben eben gesagt, dass das eigentlich schrecklich ist, wenn man sich daran gewöhnen würde. Warum eigentlich?

Nassehi: Na ja, ich meine, der Terror soll ja gewissermaßen doch das Außeralltägliche bleiben, und gewöhnen würde ja heißen, dass es womöglich gar nicht mehr so einen starken Informationswert hat. Der tiefere Sinn von Terror, wenn man das so sagen darf, besteht ja genau darin, Dritten vorzuführen, dass Unsicherheit herrscht und dass so etwas wie ein Ausnahmezustand herrscht, und Terror ist immer ein Ausnahmezustand.

Ich meine, wir haben ja vieles von den Betroffenen, auch von Fußballern, jetzt in den letzten Tagen gehört, wie schrecklich diese Situation selbst ist. Sich daran zu gewöhnen, heißt ja, dass man womöglich davon ausgehen muss, dass es etwas ist, womit wir in der Zukunft weiter rechnen müssen. Also der Innenminister, Bundesinnenminister, hat das ja schon in einer lapidaren Formulierung gesagt, vielleicht müssen wir damit tatsächlich leben lernen. Ob man sich damit so abfinden soll, das ist die Frage.

"Wir fürchten uns fast immer vor den falschen Dingen"

Rohde: Wissenschaftler verweisen ja schon seit Langem darauf, dass beim Terrorismus die Angst groß ist, selbst Opfer eines Terroranschlags zu werden, aber die tatsächliche Gefahr eben viel geringer. Kann man jetzt vielleicht sagen, dass diese gefühlte Bedrohung und die reale Bedrohung durch den Terror in ein gesünderes Verhältnis rücken?

Nassehi: Gesünder ist vielleicht auch eine starke Formulierung, aber das kennen wir ja aus ganz unterschiedlichen Risikozusammenhängen. Wir fürchten uns fast immer vor den falschen Dingen. Also die Dinge, die wirklich gefährlich sind, die sehen wir meistens gar nicht so richtig, und das, was in den Medien vorkommt, das, was sichtbar ist, und Terrorismus ist ja sozusagen vorgeführte Gewalt, das produziert womöglich mehr Unsicherheit als nach Wahrscheinlichkeitsrechnungen für den Einzelnen tatsächlich relevant ist. Das ist ja eben der Sinn des Terrors. Also Terror zielt ja eigentlich nicht auf die konkreten Opfer, sondern es zielt auf das Publikum, es zielt auf diejenigen, die zuschauen.

Es zielt letztlich auf diejenigen, die ein Unsicherheitsgefühl haben sollen, obwohl es gar keine objektive Unsicherheitslage gibt, und dann gibt es eben auch die entsprechenden, in den Medien ablaufenden Programme, bei denen jeder, der daran beteiligt ist, irgendwie das Problem dafür verwenden kann, sein eigenes Süppchen zu kochen. Die einen sagen, wir haben die Sicherheit im Griff, die anderen sagen, seht ihr, hätten wir die Grenzen nicht aufgemacht. Und die Dritten werden wahrscheinlich feststellen, wie politische Fehler gemacht worden sind. Das finde ich eigentlich das Merkwürdige an der Geschichte, dass ein Programm abgespult wird, zu dem unser Gespräch gerade übrigens auch gehört.

"Es ist weniger ein Ritual als gewohnte Reaktionen"

Rohde: Das ist genau die Frage auch der Rituale. Also Gesellschaften, die sich in widrigen Bedingungen oder, die widrigen Bedingungen ausgesetzt sind, die versuchen sich ja häufig durch Rituale zu beruhigen. Das sagen Soziologen ja auch immer wieder. Welche Rituale hat die Gesellschaft denn etabliert im Angesicht des Terrors?

Nassehi: Rituale und Gewohnheiten sind unterschiedliche Dinge. Also ein Ritual wäre ja sozusagen ein Muster, das wir kennen und das gewissermaßen, wenn man in der religiösen Sprache bleiben will, liturgisch abgespult wird. Das ist hier eigentlich weniger der Fall. Es ist weniger ein Ritual als gewohnte Reaktionen.

Also man kann ja wahrscheinlich schon erwarten, dass man relativ genau weiß, wer eigentlich was wann wie sagt, wenn man jetzt etwa an den Streit zwischen Uli Hoeneß und Philipp Lahm auf der einen Seite vom FC Bayern und AfD-Politiker in Bayern, die sich wechselseitig gewissermaßen die Schuld geben an solchen Geschichten – die einen sind Anti-AfD, die anderen sagen, seht ihr, es ist die Flüchtlingspolitik –, dann sind das ja weniger Rituale als Skripte, bei denen man sagen kann, die Rollen sind relativ klar verteilt. Rituale würden ja heißen, wir kennen die Bedrohung und versuchen, sie damit eigentlich unschädlich zu machen. Ich würde das gar nicht ein Ritual nennen.

Rohde: Rechtspopulistische Parteien erklären ihre Fundamentalopposition zur Einwanderung ja oft mit der Terrorgefahr. Kann man jetzt sagen, dass die Gelassenheit der Menschen angesichts von Attentaten den Rechtspopulisten schadet?

Nassehi: Ich glaube ja, dass es ihnen tatsächlich schadet. Also zumindest ist die Koalition, die man ja fast formulieren kann, zwischen Rechtspopulisten und islamistischem Terror. Es gilt übrigens auch für den rechtsradikalen Terror etwa gegen Flüchtlingsheime – den nennen wir ja meistens nicht so – im Moment nicht aufgeht, aber es ist in der Tat eine Art von Koalition. Beide Seiten sind eigentlich daran interessiert, dass es zu öffentlichen Destabilisierungen kommt, und wenn es nur Destabilisierungen in öffentlicher Kommunikation ist, und das ist nicht der Fall, und man kann sagen, dass die öffentliche Diskussion in Deutschland eine zivilisiertere Form annimmt, als die Extremen auf den unterschiedlichen Seiten es sich wünschen, und das lässt ja ein bisschen hoffen.

"Dieser Terrorismus verändert unsere Gesellschaft nicht"

Rohde: Würden Sie dann sagen, jetzt auf lange Sicht, dass der Terrorismus seine Wirkung verliert mit jedem weiteren Anschlag?

Nassehi: Das ist eine schwierige Frage, ob es seine Wirkung verliert. Man könnte auch an eine Steigerungslogik denken, dass man sozusagen immer mehr "militärisch" – in Anführungsstrichen – erreichen können muss. Da sind unterschiedliche Szenarien denkbar. Ich gehe davon aus, dass diese Art von Terrorismus natürlich weiter in Europa da sein wird. Ich glaube, vieles wird davon abhängen, ob es den Sicherheitsbehörden tatsächlich gelingt, hier vielleicht Erfolge zu erzielen, und wenn das der Fall sein wird, dann kann man vielleicht davon ausgehen, dass diese terroristische Strategie nicht so funktioniert.

Wenn man an die letzten Anschläge denkt, muss man ja sagen, handelt es sich bei vielen womöglich um Trittbrettfahrer und gar nicht um so etwas wie eine Art von, man könnte sagen, militärischer Gesamtstrategie, was ja auch wieder ein Hinweis darauf ist, dass der Terrorismus selber zu einem Muster geworden ist. Also Ihre Frage ist nicht ganz eindeutig zu beantworten, aber es ist ja keineswegs so, dass dieser Terrorismus unsere Gesellschaft hier in den Grundfesten verändert und erschüttert. Insofern werden wir wahrscheinlich nach den nächsten Malen ähnliche Gespräche wie jetzt wieder führen.

Rohde: Sagt der Soziologe Armin Nassehi von der LMU München. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben heute Morgen!

Nassehi: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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