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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Das wird uns die nächsten Jahrhunderte beschäftigen"14.06.2019

Antarktis wird instabil "Das wird uns die nächsten Jahrhunderte beschäftigen"

Mit großer Wahrscheinlichkeit seien die Eismassen in der westlichen Antarktis instabil geworden und kämen ins Rutschen, sagte der Klimaforscher Anders Levermann im Dlf. Ein Anstieg des Meeresspiegels in der Zukunft um dreieinhalb Meter sei möglich - und bedrohe Städte wie Hamburg, New York oder Shanghai.

Anders Levermann im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

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Die Front des Thwaites-Gletschers mit Eis unter der Wasseroberfläche im Südwesten der Antarktis im Oktober 2012. (picture alliance / Nasa / Jim Yungel )
Schmelze des Thwaites-Gletschers (picture alliance / Nasa / Jim Yungel )

Susanne Kuhlmann: Bis ein Prozess so richtig in Gang gekommen ist, vergehen Jahrzehnte, andauern kann er dann Jahrhunderte, denn das Ökosystem in den von Eismassen bedeckten Gebieten der Erde reagiert sehr langsam. Ist eine Veränderung aber erst einmal in Gang gekommen, ist sie nicht zu stoppen und wird sich früher oder später auch ganz woanders auswirken. Forscher haben nun Hinweise darauf, dass das Eis der westlichen Antarktis instabil wird. Das könnte dramatische Folgen für Hunderte Millionen Menschen haben, wie die Autoren in einer Studie schreiben, die das Fachblatt "The Cryosphere" veröffentlicht hat. Leitautor ist Anders Levermann, Professor für die Dynamik des Klimasystems am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Guten Tag, Herr Professor Levermann!

Anders Levermann: Guten Tag!

"Das wird uns die nächsten Jahrzehnte, Jahrhunderte beschäftigen"

Kuhlmann: Sie sind Sie dieser Instabilität im Eis der westlichen Antarktis auf die Spur gekommen?

Levermann: Also die Instabilität, die haben wir tatsächlich nicht gefunden, sondern die ist schon lange, lange in der Diskussion. Tatsächlich hat, als ich fünf war, ein amerikanischer Glaziologe das vorgeschlagen. Damals gab es noch keine Computer und keine Satellitendaten. Mittlerweile wissen wir, dass dort mögliche Instabilitäten schlummern. In 2014, an einem Montag im Mai, sind zwei Studien rausgekommen, die gesagt haben, jetzt ist es tatsächlich passiert, die Westantarktis ist instabil geworden in der Amundsensee.

Was wir jetzt gemacht haben, ist, wir haben geguckt: Ist denn damit jetzt schon alles passiert und müssen wir uns um die Antarktis keine Sorgen mehr machen? Und das ist natürlich nicht der Fall. Es gibt andere Gebiete in der Antarktis, die auch instabil werden können. Die haben wir untersucht und haben gefunden, dass die tatsächlich instabil werden können, aber langsamer wären als das, was wir jetzt schon destabilisiert haben. Das heißt, wenn Sie so wollen, ist das eine gute Nachricht einerseits, wenn noch anderes passiert in der Antarktis, dann werden diese Instabilitäten langsamer, aber die schlechte Nachricht ist, die schlimmste haben wir schon gestartet und das wird uns tatsächlich die nächsten Jahrzehnte, Jahrhunderte beschäftigen.

Anstieg des Meeresspiels um dreieinhalb Meter möglich

Kuhlmann: Wie dick ist die Eisschicht dort denn und wo oder auf welche Art und Weise könnte sie ins Rutschen kommen?

Levermann: Die ist ins Rutschen gekommen und der antarktische Eisschild ist insgesamt 4.000 Meter dick. Das kann man sich gar nicht vorstellen im Allgemeinen. Also ich versuche das immer mal wieder, aber es ist tatsächlich hart, wenn man so in die Luft nach oben guckt und überlegt, wie dick der ist. Das Entscheidende für uns aber ist, dass der Meeresspiegelanstieg, den wir durch die Westantarktis alleine bekommen können durch diese Instabilität, dreieinhalb Meter weltweit wären, und das wäre tatsächlich eine direkte Bedrohung von Hamburg, von New York, von Shanghai, von Kalkutta, das heißt, dort, wo wirklich viele, viele Menschen leben.

Nun muss man nicht gleich Angst haben, weil das passiert nicht über Nacht, aber es passiert mit großer Wahrscheinlichkeit zwingend, denn die Instabilität hat gestartet, und genauso wie wir uns an die Griechen erinnern als die, die uns die Demokratie geschenkt haben, so werden sich in Hunderten bis Tausend Jahren die Leute an uns erinnern als die, die die Westantarktis instabil gemacht haben.

Kuhlmann: Wie viel Unsicherheit steckt denn noch in Ihren Ergebnissen beziehungsweise wie sicher sind Sie?

Levermann: Tatsächlich ist unsere Studie ein Beitrag von vielen Beiträgen, die das untersuchen, die die Instabilitäten untersuchen. Wir haben nun, ich denke, das erste Mal tatsächlich die Geschwindigkeiten untersucht dort, sozusagen die ganze Antarktis betreffend, aber wir stehen da in keiner Form alleine. Das ist eine große Gruppe von Wissenschaftlern überall auf der Welt, die die Instabilität in der Amundsensee untersuchen, und wir können nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass es instabil geworden ist, aber es ist sehr, sehr wahrscheinlich, dass wir diese Instabilität haben.

Technischer Eingriff ist "eine horrende Vorstellung"

Kuhlmann: Haben wir noch Optionen, die den Prozess verzögern könnten?

Levermann: Wir selber müssen überlegen, ob wir tatsächlich in die Antarktis eingreifen wollen. Das ist eine ganz schön furchtbare Vorstellung für die meisten, denn die Antarktis ist der einzige Ort der Erde, wo Menschen wirklich nicht hindürfen. Das ist der einzige unberührte Ort, da dürfen nur Forscher hin, und das sind dann kleine Punkte auf einem großen Kontinent, der so groß ist wie Nordamerika, von Kanada bis Mexiko. Ob wir da wirklich hingehen wollen und mit Maschinen, wenn Sie so wollen, das Ganze stoppen wollen, das ist eine wirklich horrende Vorstellung für die meisten Leute, aber wir müssen leider sagen, dass wenn wir das nicht tun, wird uns der Meeresspiegelanstieg, der auch aus anderen Gründen - der Meeresspiegel steigt auch aus anderen Gründen an –, aber der aus der Westantarktis wird uns tatsächlich beschäftigen und auch dramatisch beschäftigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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