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StartseiteWirtschaft am Mittag"Wir müssen aufhören, wirtschaftliche Schäden auf einen Lockdown zu schieben"19.10.2020

Anti-Corona-Maßnahmen"Wir müssen aufhören, wirtschaftliche Schäden auf einen Lockdown zu schieben"

In der deutschen Wirtschaft wächst die Sorge über einen erneuten Lockdown. Doch nicht staatliche Maßnahmen, sondern das Coronavirus selbst rufe ökonomische Schäden hervor, sagte Volkswirt Jens Südekum im Dlf. Gerate die Situation außer Kontrolle, zögen sich Firmen und Konsumenten von alleine zurück.

Jens Südekum im Gespräch mit Katja Scherer

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Leere, unbesetzte freie Stühle und Tische im Aussenbereich im Kapellenhof der Residenz in München am 14.10.2020 infolge der Coronapandemie. (picture alliance / Sven Simon)
Wenn Menschen Angst haben, bleiben sie zu Hause und konsumieren auch nichts - ist Volkswirt Jens Südekum überzeugt (picture alliance / Sven Simon)
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In Deutschland macht angesichts hoher und steigender Corona-Infektionszahlen wieder der Begriff "Lockdown" die Runde. Am Wochenende (17./18.10.2020) hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) insgesamt über 13.000 Neuinfektionen gemeldet.

In der Wirtschaft stemmt man sich gegen einen erneuten Lockdown - mit der Begründung, eine solche staatliche Maßnahme werde die wirtschaftlichen Probleme von Unternehmen, Handel und Gewerbe durch die Coronakrise massiv verschärfen. Der Düsseldorfer Volkswirt Jens Südekum befürwortet dagegen frühzeitige und lokale Lockdowns. Sie könnten verhindern, dass zu einem späteren Zeitpunkt weitaus drastischere Maßnahmen ergriffen werden müssten, sagte er im Deutschlandfunk. Wichtig sei aus ökonomischer Sicht vor allem, dass die Hilfsmaßnahmen für Unternehmen und Gewerbe aufrecht erhalten würden.


Katja Scherer: Herr Südekum, neue Lockdowns werden von vielen gefürchtet. Warum halten Sie diesen Schritt für richtig?

Jens Südekum: Ich glaube, die entscheidende Frage ist nicht, welche wirtschaftlichen Schäden hätte ein zweiter Lockdown, wenn er kommt, sondern die entscheidende Frage ist, kriegen wir die Virusverbreitung wieder unter Kontrolle. Wenn wir das nicht schaffen, dann werden die wirtschaftlichen Schäden ohnehin extrem sein, und zwar erst mal unabhängig davon, ob man jetzt Lockdown-Maßnahmen verhängt oder nicht, sondern weil sich einfach Konsumenten und Firmen dann von ganz alleine zurückziehen, und dann sind die wirtschaftlichen Schäden ohnehin schon davon da. Ich glaube, jetzt Lockdown-Maßnahmen, die frühzeitig eben verhindern, dass die Virusverbreitung sich eben wieder so exponentiell ausbreitet, die können dann insofern Sinn haben, dass man sagt, man macht lieber heute etwas, was weniger drastisch ist, aber ausschließlich um zu vermeiden, dass die Situation außer Kontrolle gerät und wir dann morgen oder übermorgen viel, viel drastischere Maßnahmen dann eben ergreifen müssten.

"Wenn Leute Angst haben, bleiben sie automatisch zu Hause"

Scherer: Im Sommer gab es eine Studie vom Robert Koch-Institut, die hat gezeigt, dass sich, zumindest damals, Menschen vor allem bei privaten Events angesteckt haben und weniger in Restaurants, Hotels oder auch Büros. Wenn man jetzt gerade der Wirtschaft einen neuen Lockdown verordnet, setzt man dann nicht an der falschen Seite an?

Südekum: Gut, welche konkreten Maßnahmen ergriffen werden sollten, das kann ich als Ökonom schwer beurteilen, das ist ja eher jetzt eine gesundheitspolitische Frage. Was man aber sagen kann, ist jetzt eben im Dienstleistungssektor – da gibt es so Vergleichsstudien zum Beispiel aus den USA –, dass der wesentliche Effekt aus menschlichem Verhalten ohnehin unabhängig von Lockdown-Maßnahmen resultiert. Man hat dort zum Beispiel verglichen Regionen mit und ohne Lockdown, die nur ein paar Kilometer voneinander entfernt sind, aber die getrennt wurden eben durch eine Bundesstaatengrenze, wo unterschiedliche Regelungen dann galten. Man ziemlich klar gesehen, auch in den Regionen ohne Lockdown waren die Restaurants auch leer, ganz einfach, weil die Konsumenten nicht gekommen sind. Das heißt, es war weniger sozusagen diese staatliche Verordnung, die die wirtschaftlichen Schäden hervorgerufen hat, sondern einfach menschliches Verhalten ganz allgemein, weil Leute, wenn sie eben Angst haben, wenn die Situation außer Kontrolle gerät, dann bleiben sie ganz automatisch zu Hause, unabhängig davon, ob es einen Lockdown gibt oder nicht.

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"Wirtschaftliche Schäden kommen vom Virus an sich"

Scherer: Wenn man sich jetzt mal anschaut, viele Unternehmen, die haben ihre Reserven, ihre finanziellen Rücklagen schon lange aufgebraucht oder schon fast aufgebraucht, wenn man jetzt tatsächlich noch mal einen neuen Lockdown verordnet, muss man dann nicht mit einer enormen Pleitewelle in der deutschen Wirtschaft rechnen?

Südekum: Wir rechnen ohnehin mit sehr stark steigenden Insolvenzzahlen, sobald eben jetzt – ist ja jetzt gerade passiert – die Antragspflicht jetzt wieder da ist. Die Bundesbank rechnet mit starken Insolvenzzahlen im ersten Quartal 2021. Natürlich könnte sich jetzt wohl etwas darin wieder auswirken, denn aufgezehrtes Eigenkapital oder die Inanspruchnahme von KfW-Krediten, das wird dann viele Unternehmen irgendwann überfordern, und das hätte dann natürlich diese logische Konsequenz.

Scherer: Das heißt, das muss man aber aus Ihrer Sicht in Kauf nehmen?

Südekum: Ja, wie gesagt, diese wirtschaftlichen Probleme, die hängen nicht ausschließlich an diesen Lockdown-Maßnahmen. Das heißt, wir müssen, glaube ich, aufhören, alle wirtschaftlichen Schäden, die das Coronavirus hervorruft, immer nur auf diese Lockdown-Maßnahmen zu schieben, sondern die wirtschaftlichen Schäden kommen von dem Virus an sich und nicht von den staatlichen Lockdown-Maßnahmen.

"Zwei Drittel unserer Absatzmärkte liegen in Europa"

Scherer: Ein Land, was ja mit Lockdowns auch gute Erfolge erzielt hat, ist China. Kann man das denn mit der Situation hier vergleichen? Wir haben ja in der EU die Situation, dass es eh eine große Freizügigkeit gibt, trotz Coronavirus nach wie vor, das heißt, wenn nur wir jetzt durch Lockdowns versuchen, dieses Virus einzudämmen, aber in den Nachbarstaaten immer noch die Zahlen sehr hoch sind, ist dann nicht die Gefahr, dass es dann wie ein Pingpongball quasi immer zurückkommt?

Südekum: Ja, das ist richtig. Jetzt die Infektionsseite ist da das eine, was die rein wirtschaftliche Seite angeht, stimmt es aber natürlich auch. Selbst wenn es Deutschland gelänge, die Virusverbreitung unter Kontrolle zu halten und damit dann auch die unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen, ist es natürlich so, wir sind sehr stark abhängig, was in anderen Ländern passiert, insbesondere in Europa. Wenn unsere gesamten Absatzmärkte wieder in Probleme reinkommen, dann werden diese Probleme natürlich auf uns auch wieder zurückschwappen. Wir haben jetzt ein Glück, nämlich gerade, dass in China die Situation sich deutlich entspannt hat, aber ausruhen können wir uns darauf auch nicht, denn zwei Drittel unserer Absatzmärkte liegen in Europa. Das heißt, was dort passiert, das hat für uns doch deutlich noch unmittelbarere Auswirkungen als China.

Scherer: Kann man denn über lokale Lockdowns hinaus noch irgendwas tun, also können Sie noch irgendwas empfehlen, was die Regierung tun sollte, um vielleicht dann auch gerade diese Wellenbewegungen mit Europa, was Infektionszahlen und Wirtschaft angeht, um da irgendwie gegenzusteuern?

Südekum: Wichtig scheint mir jetzt aus ökonomischer Sicht eben noch zu sein, dass man die Hilfsmaßnahmen, dass man das auch (unverständlich) aufrechterhält. Was wir jetzt gar nicht brauchen, ist, dass jetzt eben alle wieder so ein bisschen in Panik zurückverfallen und ihre Ausgaben drosseln, weil das ist natürlich dann der direkte Weg in die Rezession. Deswegen ist es wichtig, dass die Versicherungsinstrumente, die wir in der ersten Welle hatten, dass die dann eben auch wieder in Aussicht gestellt werden und man eben nicht sagt, ja, tut uns leid, jetzt ist aber leider das Geld alle. Das wäre faktisch und ökonomisch falsch, und das wäre jetzt eben aus konjunktureller Sicht, was die Konsumentenpsychologie angeht, auch fatal.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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