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Anti-Salafismusnetzwerk in Bayern
"Salafisten dürfen nicht die besseren Sozialarbeiter sein"

Wie kann man verhindern, dass Jugendliche in die Fänge von Salafisten geraten? Die bayerische Staatsregierung versucht es - angesichts alarmierender Zahlen - mit dem Aufbau eines Netzwerks. Schwerpunkte sind Schulen, aber auch Gefängnisse, weil sich dort besonders viele junge Menschen radikalisieren.

Von Michael Watzke | 01.12.2015
    Mit einem Plakaten auf dem Rücken versuchen Teilnehmer der von Salafisten organisierten Koran-Verteilaktion "Lies" auf der Zeil in Frankfurt am Main die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
    Teilnehmer der von Salafisten organisierten Koran-Verteilaktion (dpa / Boris Roessler)
    "Kommt, kommt in unsere Reihen des Islamischen Staates! Ein Leben in Gehorsam..."
    Das ist Silvio Steffen Koblitz alias Abu Azzam al-Almani.
    "... und den Schrecken für Kufar. Und den Schrecken für Kufar."
    Der Islam-Konvertit Koblitz war mal Facharbeiter. Jetzt ist er Propaganda-Arbeiter des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) und kämpft in Syrien. Radikalisiert hat er sich in Deutschland. Bayerns Verfassungsschutz-Präsident Burkhard Körner weiß...
    "... dass diese Radikalisierung in einer unheimlichen Schnelle vor sich geht. Wir haben Fälle, wo zwischen Beginn der Radikalisierung und Ausreise nur wenige Monate liegen."
    Radikalisierung früh verhindern
    Wer Radikalisierung verhindern will, muss also schnell handeln. Das will die bayerische Staatsregierung nun mit einem Anti-Salafismus-Netzwerk. Vier Ministerien arbeiten dabei zusammen. Etwa die bayerische Sozial-Ministerin Emilia Müller, die in Augsburg den Verein "Ufuq" unterstützt. "Ufuq" ist eine nicht-staatliche Organisation, die junge Muslime vor dem Abdriften in extrem-religiöse Milieus in Hinterhof-Moscheen oder dem Internet bewahren will – etwa durch politische Bildung. Das bayerische Sozialministerium finanziert zwei neue "Ufuq"-Jugendberater in Augsburg.
    "Diese müssen erkennen, wo Jugendliche möglicherweise anfällig sind für Versprechen radikaler Ideologen. Salafisten dürfen nicht die besseren Sozialarbeiter sein."
    Ein Foto des IS-Kämpfer Denis Cuspert, das die Terrorgruppe verbreitet hat.
    Ein Foto des IS-Kämpfers Denis Cuspert, das die Terrorgruppe verbreitet hat. (picture alliance / dpa)
    Das gilt auch und vor allem für die deutschen Gefängnisse. Hier radikalisieren sich besonders viele junge Männer. Etwa Dennis Cuspert alias "Deso Dogg".
    "Willkommen in meiner Welt voll Hass ..... "
    Der Kreuzberger Hass-Rapper ist mittlerweile in Syrien gefallen – als Kämpfer für den IS. Seine salafistische Karriere begann, als er wegen schwerer Körperverletzung im Knast saß. Bayerns Justizminister Winfried Bausback hält Strafgefangene mit Migrations-Hintergrund für besonders anfällig für islamistische Propaganda.
    "Die sind meist deshalb inhaftiert, weil ihre bisherigen Lebenswege gescheitert sind. Sie sehnen sich oftmals danach, einer großen – in Anführungszeichen – Sache anzugehören und einmal auf der vermeintlichen Gewinnerseite zu sein."
    Justizminister Bausback plant deshalb eine zentrale Koordinierungsstelle für den Strafvollzug. Sie soll herausfinden, welche Gefangenen besonders gefährdet sind und deren Außenkontakte überwachen. Oft ist es allerdings schon zu spät, wenn Jugendliche hinter Gittern landen. Wichtig ist Präventionsarbeit an den Schulen – etwa durch Islamunterricht, sagt Bayern Kultusminister Ludwig Spaenle.
    "Es ist ein staatliches Fach mit entsprechendem Lehrmaterial und die Erhöhung der Reichweite. Das heißt natürlich, eine deutliche Anhebung der Zahl der Schulen ist hier wichtig."
    Schwierige Umsetzung
    Am Modellversuch Islamkunde nahmen im vergangenen Jahr 11.500 Schüler – gerade mal 12 Prozent aller muslimischen Jugendlichen in Bayern. Kultusminister Spaenle will das Programm nun mit zusätzlichen Millionen deutlich ausbauen und Islamkunde als Regelfach einführen. Das Problem: Die vielen muslimischen Gemeinden und Verbände in Deutschland sind untereinander zerstritten über die Lehrinhalte. Dabei ist Eile geboten. Der Islam-Wissenschaftler Hazim Fouad sagt...
    "dass die Gesamtanzahl der Salafisten bundesweit sich in den vergangenen Jahren fast verdoppelt hat von 2011 3.800 auf gegenwärtig 7.000. Das heißt, wir haben es mit einem Trend zu tun, dass die überwältigende Mehrheit der Personen, die ausreisen, um sich den Dschihadisten anzuschließen, zu 99 Prozent aus der salafistischen Szene stammen."
    Zwar ist nicht jeder Salafist ein Terrorist, aber fast jeder islamistische Terrorist war oder ist ein Salafist.