Donnerstag, 09. Dezember 2021

Antiasiatischer Rassismus im Sport„Eine Kultur des Aushaltens“

In Deutschland leben 1,1 Millionen Menschen mit asiatischem Migrationshintergrund. Viele von ihnen müssen zunehmend Rassismus und Gewalt erdulden. Doch langsam wächst der Widerstand gegen antiasiatischen Rassismus. Welche Rolle kann der Sport dabei spielen?

Von Ronny Blaschke | 17.10.2021

Martin Hyun posiert an eine Wand gelehnt.
Unser Autor Martin Hyun. (Felix Park)
Die Neunziger Jahre sind von rassistischen Gewaltverbrechen geprägt. Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen. Die Ablehnung gegen Menschen mit Zuwandererbiografie nimmt zu. Das merkt damals auch Martin Hyun, ein talentierter Eishockeyspieler aus Krefeld. Seine Eltern sind Anfang der 70er-Jahre aus Südkorea eingewandert. Martin Hyun erlebt schon als junger Spieler Rassismus.
"Wörter, die gefallen sind: sowas wie ,Schlitzauge‘, ,Japse‘ oder ,Fidschi‘ oder ,spiel doch auf dem Reisfeld‘. Und ich bin mir sicher, die Schiedsrichter müssen das mitbekommen haben, aber entschieden sich nicht dafür, da irgendwie einzugreifen. Und die Botschaft ist ja auch ganz klar: ,Du bist nicht Teil dieses Spiels. Du gehörst hier nicht hin. Du gehörst in ein vietnamesisches Restaurant. Da bist du Teil des Spiels, aber nicht auf dieser Eisfläche.‘"
Es bleibt nicht bei Diskriminierungen. Manchmal wird Martin Hyun von Neonazis umzingelt, einmal sogar verprügelt. Doch er trainiert hart und schafft es in die Deutsche Eishockey-Liga DEL, als erster Spieler mit koreanischen Eltern. Leichter wird sein Alltag aber nicht: "Es gibt viele, viele Beispiele. In Kassel, auch bei einem DEL-Spiel, wurde gerade ich von einem Sicherheitsmitarbeiter aufgehalten. Und dann fragt er mich, welche Funktion ich im Team habe. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ein Asiate wie ich Eishockey spielt."

Die Ablehnung bewegt sich in Wellen

Der antiasiatische Rassismus ist nicht neu. Seit der Kolonialzeit sind Ablehnung und Hass an politische Entwicklungen geknüpft. Das imperialistische Japan im Zweiten Weltkrieg, der Widerstand der Kommunisten im Vietnam-Krieg gegen die USA oder nun der wirtschaftliche Aufstieg Chinas: Immer wieder werden Menschen aus Asien im Westen pauschal als Bedrohung wahrgenommen.
Auch Sportler müssen früh mit Vorurteilen leben: In den 1940er Jahren ist Victoria Draves eine der besten Wasserspringerinnen in den USA. Zuvor hatte sie den Namen ihres philippinischen Vaters abgelegt, aus Sorge vor Übergriffen. Der antiasiatische Rassismus hat aber noch andere Facetten: Es existieren auch viele gut gemeinte Vorurteile, sagt die kanadische Forscherin Courtney Szto: "Asiatische Einwanderer wurden in den USA schon in den 60er Jahren gegen die schwarze Bürgerrechtsbewegung in Stellung gebracht. Damals wurde den Afroamerikanern oft gesagt: ,Schaut auf die Asiaten, die hart arbeiten und keinen Ärger machen.‘ Und auch heute noch werden Minderheiten gegeneinander ausgespielt. Asiatische Amerikaner gelten als fleißige Bildungsaufsteiger. Diese Fähigkeit wird schwarzen oder indigenen Amerikanern häufig abgesprochen."

Das Klischee der "Mustermigranten"

Im westlichen Sport gelten asiatischstämmige Athleten häufig als "Mustermigranten". Zum Beispiel Jeremy Lin: im vergangenen Jahrzehnt ein anerkannter Basketballer in der NBA. Oder Park Ji-sung: Der südkoreanische Fußballer gewann mit Manchester United 2008 die Champions League. Alle drei wurden in Medien als fleißig und schweigsam beschrieben. So erhärten sich Klischees, wonach Menschen mit asiatischem Migrationshintergrund zwar disziplinierte Diener sein können, aber keine Führungskräfte.
Die Wissenschaftlerin Courtney Szto sagt dazu: "Historisch gesehen, sind asiatische Amerikaner in der Popkultur unsichtbar. Ob im Film, in den Nachrichten oder im Sport: Wir werden nicht als Hauptfiguren gezeigt, sondern als Nebendarsteller, die hin und wieder für einen Lacher sorgen sollen. Und dann kommt der biologistische Rassismus dazu. Asiatischstämmigen Menschen wird oft die Athletik abgesprochen. Und so sind wir auch in den Führungsgremien des Sports nicht präsent."

Workshops als Verpflichtung

Das Engagement gegen antiasiatischen Rassismus im Sport steht am Anfang, auch in Deutschland. 2018 wendet sich der ehemalige Profispieler Martin Hyun mit einer Anfrage an die 14 Vereine der DEL – nur drei Vereine reagieren darauf. Er sagt: "Im Eishockey sehe ich immer noch eine Kultur des Schweigens, des Aushaltens. Wenn du damit an die Öffentlichkeit gehst, dann ist es oft so, dass es Konsequenzen hat für dich. Dass du etwa keinen Verein findest, dass du für immer eine Persona non grata bist in dem Sport."
In ihrer Initiative "Hockey is Diversity" setzen sich Martin Hyun und seine Mitstreiter für Sanktionen gegen Rassismus ein. Auch für eine Meldeplattform und für eine günstigere Ausrüstung. So dass Jugendliche aus Familien mit niedrigem Einkommen mitspielen können. In Workshops spricht Hyun über unbekannte Meilensteine seiner Sportart: über die kanadische "Colored Hockey League" aus dem frühen 20. Jahrhundert. Oder über die indigenen Mi’kmaq, die schon sehr früh Eishockeyschläger entwickelt haben.
Martin Hyun sagt: "Das ist auch eine Forderung von uns. Dass man nicht nur in einer Pressemitteilung erzählen kann, dass in der Liga Spieler aus 19 Nationen spielen. Aber diese Diversität spiegelt sich nicht in den Geschäftsstellen wieder. Dann ist das für mich nicht ehrlich gemeint, nicht authentisch. Und das darf nicht auf freiwilliger Basis geschehen, sondern es muss verpflichtend sein, dass alle Klubs, nicht nur die Spieler, sondern auch die Geschäftsleitung, ein Diversity-Training erhalten."
Martin Hyun arbeitet mit Organisationen in den USA zusammen, wo viele Projekte bereits weiter sind. Beim Baseballteam der Miami Marlins etwa ist Kim Ng als Geschäftsführerin aktiv. Als erste Chefin mit asiatischen Wurzeln im amerikanischen Spitzensport. Ein solcher Schritt ist im deutschen Eishockey noch unrealistisch.