Dienstag, 20.10.2020
 
Seit 10:08 Uhr Sprechstunde
StartseiteCorso"Mehr als nur Cancel Culture"07.05.2020

Antilopen Gang gegen Oliver Pocher "Mehr als nur Cancel Culture"

Um sich für seine RTL-Talkshow aufzuwärmen, schießt Oliver Pocher gegen Influencerinnen. Die Düsseldorfer Rap-Gruppe Antilopen Gang hat mit einem Diss-Track indirekt zum Boykott gegen ihn aufgerufen. Eine angemessene Reaktion? Ja, meint DLF-Redakteur Kolja Unger.

Von Kolja Unger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Comedian Oliver Pocher verkleidet als US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump kommt am 07.04.2016 in Berlin zur 25. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo. Der Echo wird in 31 Kategorien vergeben. Foto: Jens Kalaene/dpa | (Jens Kalaene / dpa)
Oliver Pocher setzt auf eine ähnliche Social Media-Strategie wie der amerikanische Präsident - und erntet einen Diss-Track (Jens Kalaene / dpa)
Mehr zum Thema

Glosse Wenn Oliver Pocher zum Mini-Trump wird

Von Ernst Busch bis Antilopengang Wenn Lieder politisch sind

Cancel Culture Patsy l'Amour laLove: "Verhältnisse, die skandalös sind, müssen skandalisiert werden"

Die Düsseldorfer Hip-Hop-Gruppe Antilopen Gang ist bekannt für ihre links-politischen Texte. Immer wieder mahnten sie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus an. Etwa in ihrem 2014 erschienen Track "Beate Zschäpe hört U2". Wegen dem hatte sie schon der Moderator Ken Jebsen vor Gericht gezerrt, weil sie ihm in einem Vers eine "Umdeutung des Holocausts" vorwarfen. Damals konnten die Rapper den Rechtsstreit im Sinne der Kunstfreiheit für sich entscheiden. Jetzt hat die Antilopen-Gang auf Youtube einen anderen Moderator ins Visier genommen:

"Kleine miese Type", heißt der Diss-Track der Band gegen Oliver Pocher. Der Refrain ist übrigens ein Sample von Pochers Mentor, Harald Schmidt, der sich damals von seinem Co-Moderator getrennt hatte, weil auch er mit dessen Auftreten nicht einverstanden war.

Ab Freitag, den 15. Mai moderiert Pocher im Fernsehen seine eigene Late-Night-Show auf RTL mit dem Titel "Pocher - gefährlich ehrlich!". Quasi als Vorbereitung hat er sich auf seinen Social-Media-Kanälen schon mal auf ein Feindbild eingeschossen und attackiert dort junge Influencer*innen.

Anne Wünsche als Angriffsziel

Für seine Social Media-Schmutz-Kampagne hat sich Oliver Pocher vor allem die  "Berlin Tag und Nacht"-Darstellerin und Influencerin Anne Wünsche als Angriffsziel ausgesucht. Pocher wirft ihr vor, Likes gekauft zu haben, ihre Kinder für Instagram-Reichweite zu missbrauchen. Später kramt er dann auch noch ein uraltes Porno-Video der Schauspielerin heraus.

Das ist schätzungsweise auch der ausschlaggebende Punkt für die Antilopengang gewesen, sich einzuschalten. Sie kritisieren Pocher dafür, dass er sich auf Instagram moralisch gibt und vor den Strategien der Influencern warnt sich aber  selbst so unmoralisch verhalte und jemanden als ehemalige Pornodarstellerin outet. Indirekt könnte man den Track auch als einen Boykott-Aufruf verstehen, da am Ende des Videos der Hashstag "Lösch dich Pocher" zu lesen ist.

Kritik statt Zensur

Nun ist der Battle-Rap ja tief eingeschrieben in die Hip-Hop-Kultur. Der Angriff auf Pocher ist nicht mehr oder weniger als ein klassischer Diss-Track und als solcher weniger Ausdruck einer sogenannten "Call-Out Culture", also der Praxis, eine Debatte zu beenden, indem man andere Akteure für "gecancelt" erklärt und sie somit ausschließt.

Die Antilopen Gang ist sich komplett bewusst, dass in dem Konflikt zwischen Pocher und Wünsche ein Macht-Ungleichgewicht vorliegt. Sie kritisieren ihn ja auch an einer Stelle dafür, dass er nach unten tritt. Und Pocher wird vermutlich nicht aus der Diskussion ausgeschlossen, weil ein paar Rapper auf YouTube ihn mit - für seine Maßstäbe verhältnismäßig harmlosen - Spitzen bedenken.

Reichweite nutzen gegen Slut-Shaming

Mit ihrem Diss-Track verstärken sie vielmehr die Stimmen, die ihrer Ansicht nach zu wenig Gehör finden. Nämlich die der Frauen, die von Pocher implizit mitangegriffen werden, wenn er Wünsche als Porno-Darstellerin outet: Frauen, die Opfer von Sexismus - etwa in Form von Slut-Shaming - werden.

Keine Cancel Culture also, sondern ein Diss-Track als feministische Kritik, indem sie am Ende ihres Videos einen Post der feministischen Aktivistin, Huschke Mau, einspielen. Darin analysiert sie, wie Pocher sein Kontrahentinnen als Sexualobjekte herabsetzt, um sie zu beschämen.

Man kann sich natürlich fragen, warum muss man sich überhaupt mit Pochers Unter-der-Gürtel-Linie-Schlägen auf Instagram beschäftigen? Fakt ist: Er hat eine enorme Reichweite, und wenn man kritisieren möchte, wie die Debattenkultur in den sozialen Medien verläuft, dann sollte man auch selbst dazu beitragen – oder, wie es die Antilopen Gang gemacht hat - denen eine Stimme verleihen, die wirklich was zu sagen haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk