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StartseiteKultur heuteAntisemitisch?21.02.2004

Antisemitisch?

Klage gegen Baupläne der Jüdischen Gemeinde in Leipzig

Seit 1996 gehört das Ariowitsch-Haus der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig. Die möchte das Gebäude nun als Begegnungszentrum nutzen und einen Gemeindesaal anbauen. Doch einige der Anwohner fühlen sich von den Bauplänen der jüdischen Gemeinde bedroht. So bedroht, dass sie vor dem Verwaltungsgericht Klage eingereicht haben. Offiziell geht es dabei um den Bau des Gemeindesaals. Die Begründung in der Anklageschrift weckt jedoch Zweifel. So wird argumentiert, ihre Sicherheit sei durch ein jüdisches Begegnungszentrum in der Nachbarschaft nicht mehr gewährleistet - und: durch die Einrichtung des Gemeindehauses sinke der Wert ihres Eigentums. Ein Skandal, der öffentlich gemacht werden muss, findet der Leipziger Thomaskirchenpfarrer, Christian Wolff:

Anna Engel

Nicht immer verläuft Versatändigung so harmonisch wie hier: Die Praesidentin der Weltunion fuer progressives Judentum, Ruth Cohen, spricht zum 75. Jahrestag der ersten Konferenz 1928 in Berlin Juli 2003, im Berliner Juedischen Gemeindehaus. (AP)
Nicht immer verläuft Versatändigung so harmonisch wie hier: Die Praesidentin der Weltunion fuer progressives Judentum, Ruth Cohen, spricht zum 75. Jahrestag der ersten Konferenz 1928 in Berlin Juli 2003, im Berliner Juedischen Gemeindehaus. (AP)

Beide Gründe können sich ja nicht auf den Saal beziehen, sondern beziehen sich eben auf die Einrichtung des Gemeindezentrums als solches – es sind also grundsätzliche Einwendungen. Das ist für mich der Grund zu sagen: dieses ist in meinen Augen skandalös und steht in der Tradition ja, des Antisemitismus weil, - man muss sich das ja mal überlegen; Juden als Sicherheitsrisiko, - so hat schon Göbbels argumentiert. Und noch schlimmer wird es ja – ein jüdisches Gemeindehaus ist eine Entwertung vorhandenen Eigentums. Also da muss ich sagen, da ist ein Grenze überschritten.


Der Streit um das Ariowitsch-Haus ist keinesfalls neu. Bereits im Oktober 2002 sollte mit dem Bau des Zentrums begonnen werden. Doch für eine öffentliche Auseinandersetzung scheint zu viel auf dem Spiel zu stehen. Immerhin bewirbt sich Leipzig für die Olympischen Spiele 2012 und da passen antisemitische Tendenzen denkbar schlecht ins Programm der Weltoffenheit.

Nach andauernden Stasivorwürfen und Spendenaffären scheint für viele ein weiterer Imageschaden der Stadt weitaus bedrohlicher zu sein als der Streit um einen jüdischen Gemeindesaal.

Nur so lässt sich erklären, warum die regionale Presse sich bisher bei diesem Thema vornehm zurückgehalten hat. Auch Pfarrer Wolff vermisst das Engagement der regionalen Medien.

Es wundert mich sehr, dass zum Beispiel Bild Leipzig bis jetzt mit keinem Ton auf die Sache eingegangen ist und zwar wundert’s mich deswegen so sehr, weil ja bekanntermaßen der Axel Springer Verlag in seinen Unternehmensgrundsetzen stehen hat, die deutsch-jüdische Aussöhnung.


Neben der Klage gegen den Bau und dem mangelnden Interesse der Medien gibt es weitere Probleme, die die Nutzung des Ariowitsch-Hauses weiter verzögern.

Die Zuschüsse – die öffentlichen Zuschüsse – verfallen, wenn nicht in diesem Jahr begonnen wird mit dem Bau - und wir haben noch das Problem – auch das ist ein Kommunikationsproblem, dass noch nicht ausreichend private Spendengelder ähm eingegangen sind – die auch noch nötig sind. Es ist noch sehr viel zu tun – und das größte Problem, was ich sehe, was zu lösen ist, ist das Kommunikationsproblem. nämlich, dass ein Bewusstsein dafür erzeugt wird, dass ist eine Sache der gesamten Bevölkerung der Stadt Leipzig. Ja und zwar aus der Historie heraus, ja.

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