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StartseiteCampus & Karriere"Kinder werden nicht als Judenhasser geboren"27.03.2018

Antisemitismus an Schulen"Kinder werden nicht als Judenhasser geboren"

Seit Jahren mehren sich antisemitische Übergriffe an Schulen. Häufig würden Eltern diese nicht melden, um Normalität für ihre Kinder zu bewahren, sagte Elio Adler vom Verein Werteinitiative im Dlf. Doch die Diskussion sollte nicht tabuisiert werden. Man müsse herausfinden, woher der Antisemitismus der Kinder komme.

Elio Adler im Gespräch mit Michael Böddeker

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Der Spruch "Gegen jeden Antisemitismus!" prangt an einer Wand  (picture alliance / dpa/ Arne Dedert)
"Es sollte die Pflicht geben, dass solche Vorfälle gemeldet und analysiert werden", sagte Elio Adler im Dlf. (picture alliance / dpa/ Arne Dedert)
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Michael Böddeker: Beleidigungen und auch Gewalt auf dem Schulhof hat wahrscheinlich so ziemlich jeder in der eigenen Schulzeit schon mal erlebt, aber auch wenn immerhin die Fälle von körperlicher Gewalt statistisch gesehen eher rückläufig sind, es gibt immer wieder schlimme Vorfälle, die Aufsehen erregen und vor allem auch Vorfälle mit antisemitischem Hintergrund. Aktuellstes Beispiel: der Fall an einer Berliner Grundschule, wo ein jüdisches Mädchen bedroht worden sein soll. Ein Fall, der auch eine Debatte anstößt. Überhaupt spielten Großstädte wie Berlin leider eine führende Rolle, das sagte heute der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und auch der Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter hat reagiert, er fordert, die Ursachen hinter solchen Vorfällen zu klären. Über das Thema sprechen wir jetzt mit Elio Adler vom Verein "Werteinitiative. jüdisch-deutsche Positionen", ebenfalls in Berlin ansässig. Guten Tag!

Elio Adler: Guten Tag!

Böddeker: Wie beurteilen Sie denn die Lage an den deutschen Schulen? Nehmen Vorfälle mit antisemitischem Hintergrund tatsächlich zu, hören Sie oft davon?

Adler: Definitiv. Wir sehen eine ganz klare Entwicklung. Leider ist Antisemitismus nichts Neues, es gab immer so 20, 25 Prozent, man sagt Bodensatz antisemitischer Verhaltensweisen und auch Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen. Was aber in den letzten wenigen Jahren passiert ist, ist, dass das Level der Aggression deutlich zugenommen hat, dass der Konsens, dass derartiges Verhalten inakzeptabel ist, leider nicht mehr so vorhanden ist.

Böddeker: Immerhin zwölf antisemitische Vorfälle soll es 2017 allein an Berliner Schulen gegeben haben, so die Antidiskriminierungsbeauftragte für Berliner Schulen, aber womöglich werden ja auch gar nicht alle Fälle gemeldet.

Adler: Ganz sicher. Die Eltern versuchen verständlicherweise, die Normalität für ihre Kinder zu erhalten, und da es im Wesentlichen, in Anführungszeichen, "erfreulicherweise" nur Verbalattacken oder Schubsereien oder Rangeleien gewesen sind, haben die Eltern das in der Regel nicht weitergemeldet und was draus gemacht. Das ist verständlich. Die Dunkelziffer ist sehr, sehr hoch. Ich weiß von viel, viel mehr Fällen, wo Eltern solche Erlebnisse von ihren Kindern erzählt bekommen und eben nichts machen wollen. Eine Sache, die sich daraus ableitet, ist eigentlich, dass man die Diskussion darüber nicht tabuisieren darf, dass man die Schulleiter zum Beispiel dazu zwingen muss, sie anhalten muss dazu, derartige Vorfälle zu melden. Schulleiter versuchen verständlicherweise, ihre Schulen vor schlechtem Ruf und vor Schlagzeilen oder Negativschlagzeilen zu schützen, das bringt aber am Ende nichts. Die Sachen werden dadurch nur nach hinten verschoben, eskalieren zu einem späteren Zeitpunkt. Es sollte also die Pflicht geben, dass solche Vorfälle gemeldet werden und analysiert werden und man das gemeinsame Muster daran versucht zu finden.

Böddeker: Das heißt, Sie würden sich wünschen, dass alle Vorfälle dieser Art gemeldet werden, also auch, wenn es, in Anführungsstrichen, "nur" verbale Ausfälle sind?

Adler: Die Sachen sollen ja nicht als Straftaten gemeldet werden, sie sollen einfach gemeldet werden als Entwicklungen, die eine Rolle spielen. So wie Veränderungen im Drogenkonsum an Schulen eine Rolle spielen würden, so wie homosexuellenfeindliche Dinge eine Rolle spielen würden, ist eben leider im Moment das Thema Antisemitismus und Juden ein wieder hochkochendes Thema. Und darum nicht im strafrechtlichen Sinne gemeldet, darum soll man es auch anonymisieren, nicht die Namen der Kinder, die Täterkinder und auch die Opferkinder, irgendwie öffentlich machen, aber die Vorfälle zentral sammeln und auswerten. Die Auswertung alleine macht aber nur Sinn, wenn dem auch dann Konsequenzen folgen, und da gibt es auch einige Vorschläge auf dem Tisch.

"Freiheitlich-demokratische Grundordnung ins Bewusstsein rufen"

Böddeker: Welche wären das?

Adler: Vorschläge sind, dass man die Muster dahinter erkennt, dass man sieht, sind das negative Einflüsse von zu Hause, aus dem Freundeskreis, stecken da irgendwelche Vereine oder Organisationen dahinter, wo zufälligerweise diese Kinder gehäuft hingehen, sind es bestimmte Bevölkerungsgruppen, die betroffen sind. Und dann kann man versuchen, zielgenau die Quellen dieser Hetze, die Quellen der antisemitischen Indoktrination zu finden und trockenzulegen. Wir dürfen nicht vergessen, Kinder werden nicht als Judenhasser geboren. Gerade jetzt ein Kind in der zweiten Klasse ist sicher nicht antisemitisch qua Geburt, das muss irgendwo in den letzten Jahren seines Lebens passiert sein, und man muss finden, wo das herkommt.

Böddeker: Was Sie gerade umrissen haben, ist ein bisschen Ursachenforschung und auch Reaktionen auf Vorfälle, die stattgefunden haben, aber vielleicht könnte man ja auch schon präventiv wirksam werden. Zum Beispiel schlägt Grünen-Politiker Cem Özdemir vor, schon zu Schuljahresbeginn eine Vereinbarung zwischen Lehrern und Eltern zu unterzeichnen mit ganz klaren Regeln und auch einer Absage an Rassismus. Könnte so was helfen?

Adler: Das ist ein sehr guter Vorschlag. Es ist ein Zeichen, dass wir als Gesellschaft Erwartungen an unsere Gesellschaft stellen. Wir als Verein versuchen, die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ins Bewusstsein zu rufen und diese zu stärken, und genau ein gesteigertes Wertebewusstsein würde sich in einer solchen Vereinbarung niederschlagen. Es muss klar sein, für unser Zusammenleben hier gelten Regeln, die Gesellschaft hat Erwartungen an die, die Teil der Gesellschaft sein möchten, und das ist verbunden mit einer klaren Formulierungen dieser Erwartungen zunächst, mit Werteinhalt als Zweites und mit Sanktion oder Repression als Drittes, wenn dagegen verstoßen wird.

Böddeker: Elio Adler ist Vorstandsvorsitzender des Vereins "Werteinitiative. jüdisch-deutsche Positionen", und wir haben über Antisemitismus an deutschen Schulen gesprochen. Vielen Dank für das Interview!

Adler: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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