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StartseiteKultur heuteAntisemitismus in Ungarn15.01.2012

Antisemitismus in Ungarn

Kulturjournalist über eine Tagung an der Berliner Schaubühne

Antisemitismus spiele zwar keine zentrale Rolle in Ungarns politischer Kultur, dennoch würden antisemitische Stereotype als Mittel zur Diskriminierung anderer genutzt, resümiert der Kulturjournalist Jochanan Shelliem die Ergebnisse einer Tagung an der Berliner Schaubühne mit prominenten Geistesgrößen Ungarns.

Jochanan Shelliem im Gespräch mit Michael Köhler

"Die Fidesz-Partei von Viktor Orbán reitet auf dieser Welle mit ihrer Regierung mit zwei Drittel Mehrheit und höhlt die Demokratie in Ungarn aus" (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
"Die Fidesz-Partei von Viktor Orbán reitet auf dieser Welle mit ihrer Regierung mit zwei Drittel Mehrheit und höhlt die Demokratie in Ungarn aus" (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Michael Köhler: Es hat sich herumgesprochen, dass die nationalkonservative, rechtspopulistische Regierung Ungarns nicht nur offen antisemitische Züge trägt, sondern auch in die Leitung von Kulturinstitutionen massiv eingreift, sie austauscht. An der Berliner Schaubühne diskutierten heute Mittag einige prominente Geistesgrößen Ungarns, unter ihnen die Philosophin Agnes Heller, der Pianist Andras Schiff, der Publizist Paul Lendvai und der Theaterwissenschaftler Ivan Nagel, und mein Kollege Jochanan Shelliem hat daran teilgenommen, die Veranstaltung beobachtet. Herr Shelliem, war man sich denn zu Beginn eigentlich dieser Grunddiagnose einig, dass es Antisemitismus in Ungarn flächendeckend gibt, oder wurde das angezweifelt?

Jochanan Shelliem: Angezweifelt wurde das nicht, aber es gibt ein Problem, das die Diskussion beherrscht. Man muss es übersetzen. Es klingt alles so K&K-freundlich, was da gesagt wird. Es ist immer eine gedämpfte Sprache. Auch Paul Lendvai, der naturalisierte Österreicher und ehemals Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF, betonte bei seiner Analyse des Antisemitismus zu allererst die Relation. In Ungarn würden nicht wie in Weißrussland Journalisten erschossen, oder wie in der Ukraine Politiker für die Taten ihrer Regierungszeit strafrechtlich belangt – nein, der Antisemitismus spiele keine zentrale Rolle in Ungarns politischer Kultur, und doch werden antisemitische Stereotype durch die an der Regierung beteiligte Jobbik-Partei als Mittel zur Diskriminierung anderer genutzt [Anm. der Red.: Die Jobbik-Partei ist derzeit nicht an der Regierung in Ungarn beteiligt]. Die Fidesz-Partei von Viktor Orbán reitet auf dieser Welle mit ihrer Regierung mit zwei Drittel Mehrheit und höhlt die Demokratie in Ungarn aus, betreibt einen Machterhalt und baut sich durch maßgeschneiderte Gesetze ein zementenes Podium. Paul Lendvai sagte zum Beispiel:

Paul Lendvai: "Es gibt keine Konfrontation mit der Vergangenheit - weder Konfrontation, noch Aufarbeitung -, es gibt erschütternde Untersuchungen, wie wenig vor allem die jungen Menschen wissen und die extrem Rechte besonders stark ist zwischen 20 und 35 Jahre."

Shelliem: Und auf dieser Basis, auf dieser Grundlage erst, sei die schwachsinnige Berichterstattung zum Beispiel über Dominique Strauss-Kahn zu verstehen, wo unzählige Male von seiner jüdischen Nase die Rede gewesen ist. Und in diesem Klima hetzt zum Beispiel auch der rechtsextreme Schriftsteller Surka gegen alles und jedes. Selbst bei der Übergabe des schönsten Theaters von Budapest an den Rechtsradikalen György Dörner, der mit der entarteten krankhaften liberalen Hegemonie des neuen Theaters ein Ende machen will. Da reihen sich die Vorurteile aneinander. Man kann auf dieser Welle also surfen, um andere schuldig zu sprechen.

Köhler: Herr Shelliem, dabei war auch die Philosophin Agnes Heller, die ja schon die Besetzung der Nazis 1944 erlebt hat, deren Vater deportiert wurde, in Auschwitz ermordet wurde, später von den Kommunisten´56 von der Uni geschmissen wurde, also die ganz besonders hellhörig sein müsste und die auch angefeindet wird in Ungarn, weil sie sich zu Wort meldet. Hat sie sich auch geäußert, wurde das gleichermaßen gesehen?

Shelliem: Agnes Heller hat sich wie immer mit klaren Worten geäußert. Sie hat verschiedene Topper zum Beispiel gebracht, mit denen andere diffamiert werden, weil der Trick besteht für die Regierung Orbán, sich grundsätzlich als Opfer ausländischer Mächte darzustellen, und das ist so eine der Wunden, wie Agnes Heller sagt, von Ungarn, wie der Vertrag von Trianon, als 1920 nach dem Ersten Weltkrieg Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebietes abtreten musste. Das ist eine Wunde, und es werden verantwortlich gemacht fremdherzige Menschen, so Agnes Heller.

Agnes Heller: "Alle, die sich gegen die Regierung ausrichten, haben ein fremdes Bett. Das muss man so interpretieren. Sie sind nicht wirkliche Ungarn."

Shelliem: Fünf Philosophen zum Beispiel wurden vor Kurzem in einer Medienkampagne – auch Agnes Heller – der Korruption bezichtigt, und das waren drei jüdische und zwei deutschstämmige, also alles fremdherzige Ungarn. Die Ungarn selbst sind gut, verarmt, von Elend bedroht, aber gut.

Köhler: Es gab ja auch eine Solidaritätsadresse, an der kein geringerer als Jürgen Habermas teilgenommen hat, um für Agnes Heller Solidarität auszusprechen. – Ein weiterer, sehr prominenter Teilnehmer war der große Pianist Andras Schiff, der ja im "Berliner Tagesspiegel" am Wochenende schon gesagt hat, das ist nicht mehr mein Land, da fahre ich nicht mehr hin, da trete ich nicht mehr auf, und er verband das mit einer Forderung und sagte, Europa muss endlich Druck machen. – Heute in der Schaubühne ging so etwas wie ein, ich will das mal einen Berliner Aufruf nennen, von der Bühne aus. Oder ist das zu viel gesagt?

Shelliem: Nein, nein. Man will spenden. Für die Stimme, die einzige Stimme der Opposition, die jetzt vom Netz getrennt wird, "Klubradio" mit 500.000 Hörern, die gerade ihre Frequenzen verliert, will man spenden. Man will sich akkurat in zwei Jahren wieder treffen an dieser Bühne und Andras Schiff sprach auch von konkreten Drohungen, die er hat. Und er will bis dahin, bis sich nicht etwas verändert hat – er plädiert aber dafür, Fidesz nicht zu verbieten, weil das sei eine gefährliche Sache -, er will bis dahin nicht in Ungarn spielen.

Köhler: Jochanan Shelliem nahm an einer Veranstaltung teil in der Berliner Schaubühne, an der prominente Ungarn teilnahmen, über Antisemitismus. Vielen Dank für diese Eindrücke und den Bericht davon.

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