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AntisemitismusKippa auf, Kippa ab

Juden könnten nicht überall in Deutschland ungefährdet Kippa tragen, sagt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein. Unser Kommentator fragt sich, warum die Kopfbedeckung ständig als Gradmesser für Antisemitismus herhalten muss.

Von Gerald Beyrodt

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Infoveranstaltung in der Jüdischen Gemeinde in Rostock. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Religiös gesehen ist im Judentum eine Kopfbedeckung dann wichtig, wenn man einen Segensspruch spricht (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
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Muss sich das Land so etwas anhören? Muss Deutschland das ertragen? Womit hat die Gesellschaft das verdient? Sagt doch der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein tatsächlich, dass Juden nicht immer und nicht überall in Deutschland Kippa tragen können. Mir war das bekannt, und ich würde vielerorts nicht auf die Idee kommen, mit der Kippa herumzulaufen. Aber es geht hier nicht um mich. Es geht um Deutschland.

Viele Jahre hat Deutschland couragiert Vergangenheit bewältigt und die letzten Jahre überwiegend damit zugebracht, sich selbst zu versichern, nicht antisemitisch zu sein, was angesichts der Faktenlage auch nicht einfacher wurde. Das zerrte an den Nerven der Mehrheitsgesellschaft. Als die Muslime am Antisemitismus schuld sein sollten, ging es ja noch, aber dann hieß es, der Antisemitismus komme aus der Mitte der Gesellschaft. Viele mussten wirklich immer wieder betonen, dass sie keine Antisemiten seien und dass derlei Vorwürfe doch völlig absurd seien und dass Antisemiten immer nur die anderen seien. Das Dumme war: Es bleiben kaum noch "andere" übrig, nachdem sich alle so großzügig vom Antisemitismus freigesprochen hatten.

"Ich will nicht begafft werden"

Und jetzt sagt Felix Klein der Mehrheitsgesellschaft, dass man ein Problem nicht dadurch löst, dass man es ignoriert, und hält ihr vor, sich nicht für Antisemitismus zu interessieren. Und ja, sagt er, wir haben zwar einen Rechtsstaat, aber der müsse seine Mittel auch einsetzen. So müssten Polizisten besser geschult werden, was Antisemitismus überhaupt ist, um ihn zu erkennen. Felix Klein ist doch von Hause aus Diplomat. Geht es noch undiplomatischer? Mir tut die sensible Mehrheitsgesellschaft wirklich leid. Und deshalb überlege ich, die Kippa häufiger aufzusetzen.

Die Kippa ist der Gratmesser: Wenn ich sie trage und nichts passiert, ist alles okay. Dummerweise habe ich gar kein so großes Bedürfnis, sie immer und überall zu tragen. Religiös gesehen ist im Judentum eine Kopfbedeckung dann wichtig, wenn man einen Segensspruch spricht, also zum Beispiel vor einem Glas Wein oder Orangensaft oder vor dem Essen in der Kantine. Ich trage in der Kantine aber keine Kippa. Ich will einfach nicht begafft werden. Aber ich sollte unbedingt Kippa tragen, um der Gesellschaft zu zeigen, dass alles in Ordnung ist.

Ich muss sie auch unbedingt am kommenden Donnerstag am Vatertag in der bayerischen Provinz oder auch in Brandenburg tragen, wenn der Alkoholpegel Stund um Stunde steigt. Oder beim Al-Qds-Tag in Berlin, wo demnächst wieder Hunderte dafür eintreten, dass Jerusalem judenfrei wird. Bestimmt wird das alles ganz easy mit der Kippa. Wenn nicht, ist es halt mein Pech.

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