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Antisemitismus-Vorwürfe gegen Kempinski-Hotel"Ein erschreckender Ausdruck von Feigheit"

Sollte das Berliner Kempinski-Hotel wirklich aus Rücksicht auf arabische Gäste die Vorwahl Israels aus dem Telefonbuch genommen haben, dann sei das "ein erschreckender Ausdruck von Feigheit und mangelnder Zivilcourage", sagte der Erziehungswissenschaftler und Publizist Micha Brumlik im Deutschlandfunk.

Micha Brumlik im Gespräch mit Philine Sauvageot | 11.08.2016

Das Hotels Kempinski in Berlin, aufgenommen am 11.08.2016.
Das Hotel Kempinski in Berlin. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Micha Brumlik, als Sohn jüdischer Flüchtlinge 1952 in der Schweiz geboren, hätte aber nicht so drastische Schlussfolgerungen gezogen, wie der Filmproduzent Claude Lanzmann, dem die Streichung Israels in der Telefonliste des Hotels aufgefallen war. Lanzmann schilderte die Geschichte in einem polemischen Artikel in der "FAZ".
Man könne von der Streichung der Telefonnummer nicht darauf schließen, dass das Kempinski-Hotel die Meinung vertrete, Israel müsse ausgemerzt werden und von der Landkarte verschwinden, sagte er. Dennoch sei der Vorfall als moderner Antisemitismus zu bewerten, der sich als Antizionismus tarne.

Das Interview in voller Länge:
Philine Sauvageot: Zürnt Claude Lanzmann hier zu Recht?
Micha Brumlik: Ich finde ja, wenn es richtig ist, was sein Informant gesagt hat, dass die Hotelleitung aus Gründen der Rücksicht auf mögliche arabische Gäste das so verfügt hat, dann ist das ein erschreckender Ausdruck von Feigheit und mangelnder Zivilcourage, geradezu eine Karikatur darüber, wenn man aus – lassen Sie es mich so sagen – Geldgier moralische und politische Prinzipien hintanstellt.
Sauvageot: Das heißt, wenn Ihnen das so in dem Hotel passiert wäre, wären Sie genauso ergriffen und erzürnt gewesen wie Lanzmann?
Brumlik: Na, so erzürnt nicht. Ich hätte vermutlich die Assoziation, dass das letzten Endes dazu führt, dass der Staat Israel mit all seinen jüdischen Bewohnern von der Landkarte getilgt werden soll, so nicht gezogen. Ich hätte es auf einen Mangel an Zivilcourage und Feigheit zurückgeführt, aber das ist schlimm genug. In gewisser Weise ähnelt das den unterschiedlichen Versuchen, auch sogenannter menschenrechtlicher Organisationen, durch einen Boykott in Israel dort politisch etwas zu ändern.
Sauvageot: Das heißt, die Begriffe ausradiert oder ausgemerzt, die Lanzmann gewählt hat, die hätten Sie nicht gewählt, diese Sprache ist nicht angemessen oder übertrieben?
Brumlik: Ich finde es der Sache nach übertrieben, ja.
Sauvageot: Wie bewerten Sie diesen geschilderten Vorfall? Ist das schon ein Fall von Antisemitismus?
Brumlik: Nicht direkt, aber es ist ein indirekter Beitrag zu einer Form von, so finde ich schon, antisemitisch gefärbtem Antizionismus, ja.
Sauvageot: Das heißt, es ist vielleicht eine moderne Form von Antisemitismus?
Brumlik: Also es bewegt sich in dieser modernen Form, wo Antisemitismus ja kaum noch in der klassischen Form vorkommt, sondern sich vor allem als Antizionismus tarnt.
Sauvageot: Jetzt spricht Lanzmann in seinem Artikel allerdings auch von Besatzung, deutet es auch nur an. Das sind so Stellen, die sehr vage sind. Es war eine Stelle, wo er beschreibt, wie junge Kinder in der Eingangshalle spielen in kurzen Hosen, er beschreibt sie auch nicht weiter, sagt aber, es kam ihm vor wie eine Besatzung.
Brumlik: Ja, das finde ich natürlich außerordentlich problematisch.
Sauvageot: Was genau meinte er damit?
Brumlik: Offenbar meinte er, dass diese Kinder wie eine Besatzung wirkten, und nachdem, was er beklagt hat, scheint ja deutlich zu sein, dass die Mehrzahl oder eine große Zahl von Gästen arabischer Herkunft ist, und das hat bei ihm diesen Eindruck erweckt. Das finde ich allerdings problematisch.
Sauvageot: Ja, eigentlich eine Form von Rassismus auch gegenüber einer anderen Gruppe.
Brumlik: Ja, genau, das passt dann wieder zu einer weitverbreiteten Stimmung, dass es hierzulande zu viele arabische Menschen gibt.
Sauvageot: Was haben Lanzmanns Zeilen in Ihnen ausgelöst, als Sie den Artikel gelesen haben?
Brumlik: Ich konnte mir das überhaupt nicht vorstellen. Auf der anderen Seite habe ich mich dann daran erinnert, dass Claude Lanzmann gerade in den letzten Jahren deutliche, überdeutliche Worte nicht gescheut hat, etwa in seiner Kritik an Elie Wiesel. Manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass er seine Worte nicht mehr sehr sorgfältig abwägt und seinen Gefühlen ungehemmt Lauf gibt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er – was ihn persönlich gewiss sehr erschüttert hatte – seine ehemalige Frau Angelika Schrobsdorff in Berlin mit zu Grabe getragen hat, und das hat er sehr deutlich geschildert. Er war also ohnehin in einer sehr aufgeregten Stimmung.
Sauvageot: Das heißt, Sie verzeihen Lanzmann, der auch bekannt ist für Affektives, Expressives, diesen emotionalen Austritt?
Brumlik: Na ja, wer bin ich, also dass ich ihm da was verzeihe, aber ich würde es mir so erklären, ja.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.