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StartseiteKultur heuteSchreibübungen auf der Sträflingsinsel 18.09.2014

"Anton Tschechows Reise nach Sachalin"Schreibübungen auf der Sträflingsinsel

In Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Literaturmuseum der Russischen Föderation zeigt das Deutsche Literaturarchiv in Marbach jetzt eine Ausstellung über Anton Tschechow - genauer: die Reise des Schriftstellers von Moskau auf die Pazifikinsel Sachalin.

Von Christian Gampert

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Er sei "in der Hölle" gewesen, auf der Insel Sachalin, schrieb Anton Tschechow, aber auch "im Paradies", nämlich in Ceylon, auf der Rückreise, wo er schwarzäugige Frauen beschlief, "im Kokoswald in einer Mondnacht". Kurz: "ich kann sagen: ich habe gelebt!" Schönes Resultat einer Reise, die Tschechow 1890 unternommen hatte, um endlich der sozialen Realität auf die Spur zu kommen. Er hatte nämlich tiefe Zweifel an seinem schriftstellerischen Talent; die Erzählungen und Feuilletons, mit denen er großen Erfolg hatte, hielt er für "bedeutungslos". Er interessierte sich für Gefängnisse, für das System aus Überwachen und Strafen, und die Sträflingsinsel Sachalin schien ihm geeignet, etwas über die russische Gesellschaft zu erfahren - und eine neue Schreibtechnik zu probieren, die Dokumentation.

In der Tat unterscheidet sich der Bericht über Sachalin beträchtlich von dem Rest seines Werks. In Sachalin war zu besichtigen, wie Russland einen asiatischen Landstrich mithilfe von verurteilten Verbrechern kolonisierte - zuerst mussten sie ihre Strafe verbüßen, dann wurden sie in der Nähe der Gefängnisse angesiedelt. Die Verurteilten arbeiteten wie Sklaven unter unwürdigsten Bedingungen im Wald und in Bergwerken, auch beim Eisenbahnbau. Wirkliche Schwerverbrecher waren neben politischen Gefangenen interniert.

Der schon damals an Tuberkulose leidende Tschechow nahm eine mehrmonatige, entbehrungsreiche Reise per Bahn, Schiff und Pferdewagen auf sich, um seinen Realitätshunger zu stillen - der feine Katalog aus der Reihe "Ferne Spuren" vollzieht das nach. In Sachalin verschaffte Tschechow sich unter dem Vorwand, eine Volkszählung durchzuführen, Zugang zu den Straflagern und Gefängnissen. Und für das aus seinen Notaten entstehende Buch sammelte er Fotografien, die dann gar nicht veröffentlicht wurden, aber nun erstmals - in Marbach (!) - in einer Ausstellung zu sehen sind. Sie stammen aus dem Staatlichen Literaturmuseum in Moskau, und wenn der Marbacher Direktor Ulrich Raulff diese Zusammenarbeit in Tschechowscher Manier als "völlig normal" hinstellt, dann ist das natürlich eine kokette Untertreibung.

Nein, es ist in diesen Zeiten eher ungewöhnlich, dass Kulturinstitutionen den wieder beginnenden Kalten Krieg durch intellektuelle Kontakte unterlaufen. Der Direktor des staatlichen russischen Literaturmuseums, Dimitri Bak, hielt also eine fulminante Rede über Tschechow, sagte aber natürlich nichts Politisches. Das tat dann, im Interview, der in Berlin lebende ungarische Schriftsteller Györy Dalos, der Tschechows Reise im Jahr 2000 nachvollzogen hatte und der in die Ausstellung einführte.

"Ich bin auch nicht begeistert, was Putins Russland heute macht. Ich hatte bestimmte Hoffnungen mit Putin verknüpft, damals, als ich auf Sachalin war. Weil ich dachte: jetzt kommt vielleicht die Normalität."

Heute, sagt Dalos, sehe er eher russische Großmachts-Träume. Dalos konnte 2000 auf seiner Reise nach Sachalin beobachten, wie die sowjetischen Strukturen sich langsam auflösten und die Menschen begannen, in einer neuen Zeit zu leben - mit all den hässlichen Begleiterscheinungen wie Verunsicherung, Konsumterror und Massenarmut. Und wie Tschechow wollte auch Dalos der Routine entkommen, "an den Rand" gehen, in die Isolation der Insel.

"Ich war nicht so tief engagiert wie ein Russe engagiert sein kann. Aber mich interessierte schon die Situation der Sowjetunion beziehungsweise der ehemaligen Sowjetunion, und Sachalin war für mich eine Metapher. Für diese halbwegs zerstörte Welt, die aber noch in der Vergangenheit lebte."

Die Ausstellung kombiniert Tschechows Notate mit den beeindruckend lakonischen Fotos von 1890 - großartige, weite, aber auch trostlose Landschaften und trübe Bilder aus den Straflagern, wo die ausgemergelten Menschen mit Handschellen an Schubkarren angeschmiedet waren und so auch schlafen mussten. Die menschliche Rohheit der Arbeitslager steht neben den Verführungen der Rückfahrt - in Ceylon schrieb Tschechow: "Ich habe mich sattgesehen an Palmenwäldern und bronzefarbenen Frauen". Daheim in Moskau gab es dann eher anderes zu beobachten.

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