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StartseiteAus Religion und GesellschaftFür immer Endzeit22.04.2020

ApokalypseFür immer Endzeit

Das Ende der Welt ist schon oft vorhergesagt worden. Auch heute haben apokalyptische Szenarien Konjunktur, etwa in der Klimaschutzbewegung oder im Zuge der Corona-Krise. Doch eines haben alle bisherigen Endzeiterwartungen gemeinsam: Sie erfüllten sich nicht.

Von Christian Röther

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Ausgetrockneter Boden, rauchende Schlote, eine Vogelschar am dunklen Himmel: die Apokalypse (Illustration) (imago/Panthermedia)
Ausgetrockneter Boden, rauchende Schlote, eine Vogelschar am dunklen Himmel: Sieht so die Apokalypse aus? (imago/Panthermedia)
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Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was bald geschehen muss. (Off 1,11)

People are suffering, people are dying. And our ecosystems are collapsing. We are at the beginning of a mass extinction. (Greta Thunberg)

Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe. (Off 1,3)

Am 30. Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang / am 30. Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang (Golgowsky Quartett - Am 30. Mai ist der Weltuntergang)

Untergangsstimmungen

Sprechchöre: Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr unsere Zukunft klaut ...

Freitags herrscht Untergangsstimmung. Verbunden mit der Hoffnung, dass dieser Untergang noch abzuwenden sei. Das treibt die "Fridays for Future"-Bewegung auf die Straße.

Eine Erdkugel mit der Aufschrift "Es gibt keinen Planet B" steht vor dem Brandenburger Tor. Die Bewegung Fridays for Future hatte zum globalen Klimastreik aufgerufen.  (dpa / Zentralbild / Jens Büttner)Steht das Ende der Welt bevor? "Klimastreik" von Fridays for Future in Berlin (dpa / Zentralbild / Jens Büttner)

Die Menschheit ohne Zukunft. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Weltuntergang prophezeit wird. Schon seit Jahrhunderten sagen unzählige Prediger und Propheten das Ende vorher – sollten die Menschen ihr Verhalten nicht grundlegend ändern. Auch die Initiatorin von "Fridays for Future", Greta Thunberg, fordert auf zur Umkehr – wie viele vor ihr. Nur beruft sich die Schwedin dabei nicht auf eine prophetische Gabe, sondern auf wissenschaftliche Fakten.

Die Vorstellung, dass die Welt einst – oder auch schon bald untergehen könnte, diese Vorstellung ist tief verwurzelt im westlichen Denken und in der westlichen Kultur. Das hängt auch mit der Bibel zusammen, genauer: dem letzten Buch des Neuen Testaments. Die Offenbarung des Johannes, besser bekannt als die Apokalypse. Sie prophezeit das Ende der Welt, die letzte Schlacht des Guten gegen das Böse.

Dann machten sich die sieben Engel bereit, die sieben Posaunen zu blasen. (Off 8,6)

"Die Welt wird in schrecklichen Ereignissen zugrunde gehen"

"Das letzte Buch der Bibel ist darauf gerichtet, das Gericht Gottes über die Welt zu beschreiben", erläutert Jens Schröter, Professor für Neues Testament an der Humboldt-Universität Berlin:

"Die Welt wird in schrecklichen Ereignissen zugrunde gehen, die dort in mehreren Visionsschilderungen erzählt werden."

Jens Schröter ist an der Humboldt-Universität Berlin Professor für Neues Testament (privat)Jens Schröter ist an der Humboldt-Universität Berlin Professor für Neues Testament (privat)

Der erste Engel blies seine Posaune. Da fielen Hagel und Feuer, die mit Blut vermischt waren, auf das Land. Es verbrannte ein Drittel des Landes, ein Drittel der Bäume und alles grüne Gras. (Off 8,7)

Schröter: "Und am Ende steht die Vision von einem neuen Himmel und einer neuen Erde und einem neuen Jerusalem. Also die Sicht dieses Buches ist, dass die gegenwärtige Welt vergehen muss, und dass eine neue Welt an deren Stelle treten muss."

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr. (Off 21,1)

Nach dem Ende der Welt geht es weiter – ein Aspekt, der heute meist vergessen wird, wenn von der Apokalypse die Rede ist.

"Auf den Trümmern das Paradies"

Schröter: "Wenn heute landläufig von Apokalypse als einem Schreckensereignis gesprochen wird - oder auch in Filmen oder so als Apokalypse etwas bezeichnet wird, was den schrecklichen Untergang beschreibt, dann ist das natürlich etwas viel Verkürzteres als das, was die jüdische und die christliche Literatur mit diesen sogenannten apokalyptischen Schriften meint."

Nämlich die Gewissheit, dass das Böse besiegt werden wird und so eine neue, bessere Welt entsteht.

Und wir singen im Atomschutzbunker / Hurra diese Welt geht unter / Hurra diese Welt geht unter / Auf den Trümmern das Paradies (K.I.Z mit Henning May – Hurra die Welt geht unter)

Der Sänger Henning May (imago / VIADATA)Der Sänger Henning May (imago / VIADATA)

"Auf den Trümmern das Paradies" - die Band K.I.Z und der Sänger Henning May bringen auf den Punkt, wie die Bibel die Apokalypse beschreibt: Man muss sie nicht fürchten, sondern darf auf sie hoffen.

Ein frühchristlicher Prophet oder Seher

Das Wort "Apokalypse" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Entschleierung", "Enthüllung" oder "Offenbarung". Deswegen heißt das letzte Buch der Bibel auch "Offenbarung des Johannes". Der Autor, der sich selbst Johannes nennt, erhebt darin den Anspruch, Gottes Plan für die Menschheit zu offenbaren.

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist ergriffen und hörte hinter mir eine Stimme, laut wie eine Posaune. (Off 1,10)

Viel ist über diesen Johannes allerdings nicht bekannt, erklärt Jens Schröter:

"Offenbar ein frühchristlicher Prophet oder Seher, der hier in dieser Art und Weise die Visionen niederschreibt. Und dass der Name Johannes ein authentischer Name ist, ist durchaus wahrscheinlich."

Die Forschung ist sich einig, dass es sich bei diesem Johannes weder um den Apostel Johannes handelt, einen Begleiter Jesu, noch um den Verfasser des Johannesevangeliums. Der letzte Johannes der Bibel schrieb die Offenbarung wahrscheinlich auf der griechischen Insel Patmos. Er wird deshalb auch Johannes von Patmos genannt.

Schreckensszenarien sollen Hoffnung machen

Wann er den Text verfasste, ist nicht abschließend geklärt – wohl irgendwann um das Jahr 100. In diesen Jahren werden die jungen christlichen Gemeinden im Römischen Reich verfolgt. Die tagtägliche Verfolgung – das ist der Anlass für den Text. Die Offenbarung soll den Verfolgten Trost spenden und Zuversicht: Das Gute wird am Ende siegen.

Die Sonne wurde schwarz wie ein Trauergewand und der ganze Mond wurde wie Blut. Die Sterne des Himmels fielen herab auf die Erde - wie ein Feigenbaum seine unreifen Früchte abwirft, wenn er vom Sturmwind geschüttelt wird. Der Himmel wurde weggezogen wie ein Buch, das zusammen gerollt wird; und alle Berge und Inseln wurden von ihrer Stelle weggerückt. (Off 6,12-14)

Schröter: "Diese Schreckensszenarien haben nicht ihren Sinn darin, dass sie Angst einjagen wollen oder Menschen mutlos machen wollen. Sondern genau im Gegenteil."

Hände versuchen, die letzten Sonnenstrahlen des Tages einzufangen. (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)Können Schreckensszenarien Mut machen? (picture alliance / dpa / Maximilian Schönherr)

Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. (Off 21,4)

Apokalyptische Literatur

Von Stil und Inhalt her ist die Offenbarung des Johannes keineswegs einzigartig. Es gibt viele ähnliche jüdische und christliche Schriften – die jüdischen teils ein paar hundert Jahre älter. Johannes nimmt sie sich zum Vorbild.

Schröter: "Diese Art von Literatur zielt darauf, zu schildern, dass das Ende der Geschichte darin enden wird, dass Gott den Sieg davonträgt. Und zwar so, dass er das Böse vernichtet und etwas Gutes an dessen Stelle setzt. Dass er die Sünder bestraft und die Gerechten belohnt."

Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht. (Off 12,21)

Die Johannesoffenbarung ist die älteste bekannte apokalyptische Schrift des Christentums. Und sie ist die einzige apokalyptische Schrift im Neuen Testament. Auch im Alten Testament, der Hebräischen Bibel des Judentums, findet sich nur eine einzige Schrift, die zur apokalyptischen Literatur gezählt werden kann: das Buch Daniel.

Die Johannesoffenbarung war lange Zeit umstritten

Doch es gibt eben noch viel mehr apokalyptische Schriften aus den Jahrhunderten um die Zeitenwende. Nur wurden diese Schriften nicht in die Bibel aufgenommen. Fast wäre es so auch der Offenbarung des Johannes ergangen, erklärt der evangelische Theologe Jens Schröter:

"Die Johannesoffenbarung ist eine derjenigen Schriften des Neuen Testamentes, die längere Zeit umstritten waren. Also es war nicht einfach klar von Anfang an, dass die Johannesoffenbarung zum Neuen Testament dazugehören würde."

Hätten die Kirchenväter die Offenbarung damals ebenfalls aussortiert, würde unsere Kultur heute wohl anders aussehen.

Schröter: "Die Offenbarung des Johannes gehört zu den sehr intensiv rezipierten Büchern der Bibel. Sie ist in der bildenden Kunst häufig dargestellt worden. Also etwa dieses Bild von Christus als dem Siegreichen, das haben wir von früher Zeit an im Christentum."

Auch das oft gemalte Motiv von Christus als Lamm ist besonders prägend in der Offenbarung des Johannes. Genauso die vier apokalyptischen Reiter. Seit Jahrhunderten verbreiten sie Angst und Schrecken in Malerei, Musik, Literatur und Film – bis hin zu Computerspielen.

Holzschnitt von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1498 mit der Darstellung der apokalyptischen Reiter. (picture alliance / dpa)Holzschnitt von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1498 mit der Darstellung der apokalyptischen Reiter. (picture alliance / dpa)

Die Offenbarung des Johannes hat also nicht nur die christliche Kunst geprägt, sondern auch die westliche Kultur als Ganzes. Etwa durch die "Zahl des Tieres", 666. Sie soll für den Teufel stehen, den Antichristen. Auch die 666 stammt aus der Offenbarung. Genauso das "A und O", von dem wir sprechen, wenn etwas sehr wichtig ist: das "Alpha und das Omega".

Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. (Off 21,13)

Ebenfalls aus der Offenbarung: das "Buch mit sieben Siegeln", von dem wir sprechen, wenn wir etwas nicht verstehen.

Schröter: "Es gibt sehr sehr vielfältige Bezugnahmen, weil es eben ein so intensives Buch ist, was mit unglaublich eindrücklichen und starken Sprachbildern arbeitet."

Apokalypse als Popkultur

Das stärkste Sprachbild ist wohl der Begriff Apokalypse selbst – etwa wenn Francis Ford Coppola den Vietnamkrieg als Apokalypse deutet, im Titel seines Antikriegsfilms "Apocalypse Now". In der berühmtesten Szene greifen US-amerikanische Kriegshubschrauber ein vietnamesisches Dorf an – zu Richard Wagners "Ritt der Walküren". Die todbringenden Helikopter als moderne apokalyptische Reiter.

In Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" attackieren Kampfhubschrauber zu Wagner-Klängen ein Dorf. (dpa / United Archives)In Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" attackieren Kampfhubschrauber zu Wagner-Klängen ein Dorf. (dpa / United Archives)

And I heard, as it were, the noise of thunder. One of the four beasts saying, 'Come and see.' And I saw, and behold a white horse (Johnny Cash – The man comes around)

Und überhaupt: Wie viele Filme wären nie gedreht worden, wenn es die Offenbarung des Johannes nicht in die Bibel geschafft hätte – wie viele Lieder wären nie geschrieben worden?

There's a man going around taking names / And he decides who to free and who to blame / Everybody won't be treated all the same / There will be a golden ladder reaching down / When the man comes around (Johnny Cash – The man comes around)

In einem seiner letzten Stücke setzt sich auch Johnny Cash mit der Offenbarung des Johannes auseinander. Er singt vom Jüngsten Gericht, vom "Königreich des Alpha und des Omega". Und von Armageddon – dem Ort, an dem laut der Offenbarung die letzte Schlacht geschlagen wird.

Johnny Cash und seine Frau June Carter im Jahr 2002 in Nashville (AP Archiv)Johnny Cash und seine Frau June Carter im Jahr 2002 in Nashville (AP Archiv)

An Anfang und Ende des Songs zitiert Cash auch wörtlich aus der Offenbarung des Johannes:

And I heard a voice in the midst of the four beasts. And I looked and behold, a pale horse. And his name that sat on him was Death. And Hell followed with him. (Johnny Cash – The man comes around)

"Und ich hörte die Stimme des vierten Wesens rufen. Und da sah ich, und siehe, ein fahles Pferd; und der auf ihm saß, heißt der Tod; und die Hölle zog hinter ihm her." (Off 6,7-8)

Kriege, Krisen und Krankheiten

Die Offenbarung des Johannes hat die westliche Weltsicht beeinflusst. Seit Jahrhunderten leben Menschen in dem Bewusstsein, dass jederzeit alles vorbei sein kann – weil das am Ende der Bibel so prophezeit wird. Immer wieder wurden Kriege, Krisen und Krankheiten gedeutet als Zeichen der bevorstehenden Apokalypse. Und zwar nicht nur durch "Endzeitsekten" oder einzelne Verwirrte.

Im Gegenteil: Apokalyptische Erwartungen sind Allgemeingut, Populärkultur – durchdringen heutige Massenbewegungen. Die richten sich wahlweise gegen den "Untergang des Abendlandes". Oder proben den "Aufstand gegen das Aussterben" der Menschheit.

Ein Transparent im Protestlager der Bewegung Extinction Rebellion vor dem Kanzleramt in Berlin (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)Ein Transparent im Protestlager der Bewegung Extinction Rebellion vor dem Kanzleramt in Berlin (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)

"Ich kann mir durchaus vorstellen, dass durch die intensive Rezeption von apokalyptischen Bildern und Texten so etwas auch in das Bewusstsein eingegangen ist. Sodass man eben möglicherweise mit einem Ende der Welt zu rechnen hat", so Jens Schröter, Neutestamentler an der Humboldt-Universität Berlin.

Eine Welt ohne Endzeiterwartungen?

Natürlich wird die Möglichkeit eines Weltuntergangs nicht nur im letzten Buch der Bibel entworfen. Auch viele andere Bibelstellen sind von solchen Erwartungen geprägt. Und auch viele andere Kulturen kennen apokalyptische Erzählungen von Endzeit und Weltuntergang – von den Germanen bis zu den Azteken.

Doch die Offenbarung des Johannes hat eben eine ganz besondere kultur- und bewusstseinsprägende Kraft entfaltet. Wegen ihrer Bild- und Wortgewalt – und sicher auch, weil sie so prominent am Ende der Bibel platziert wurde.

Schröter: "Wenn es im Endeffekt anders ausgegangen wäre und die Johannesoffenbarung nicht in den Bestand des Neuen Testamentes gelangt wäre, würde manches auch in der Christentumsgeschichte sicher anders aussehen. Und das würde wahrscheinlich auch die christliche Sicht auf Geschichte, auf Geschichtstheologie in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen. Das ist so, aber historische Prozesse haben eben auch solche Zufälligkeiten und Bedingtheiten an sich."

"Keine Anleitung für Fundamentalisten"

Weil sie Teil der Bibel geworden ist, kann die Offenbarung des Johannes auch politisch instrumentalisiert werden. Und das schon seit Jahrhunderten – durch fundamentalistische Prediger, aber auch durch weltliche Herrscher. Sie nutzen das Mobilisierungspotential der Offenbarung für ihre Zwecke: Sie verleihen irdischen Kriegen und Konflikten heilsgeschichtliche Dimensionen und stilisieren sie zum Endkampf des Guten gegen das Böse, wie er im letzten Buch der Bibel beschrieben wird.

Jens Schröter lehnt solche politisch-religiösen Deutungen der Offenbarung ab:

"Man muss bei diesen Schriften – wie bei anderen Schriften auch – beachten, dass sie in einen bestimmten historischen Kontext gehören. Und dass sie auch von der Art und Weise der Darstellung – also von ihrer literarischen Gattungen her – Schriften sind, die sehr stark mit symbolischer Sprache arbeiten. Und die man deshalb auch in ihrem geistesgeschichtlichen, in ihrem religionsgeschichtlichen und auch in ihrem sprachlichen Kontext betrachten muss. Also es ist keine – um es ganz zugespitzt zu sagen – keine Anleitung für Fundamentalisten, heute das Weltende zu berechnen oder nun den Kampf der Guten gegen die Bösen auszurufen."

Auch die Nationalsozialisten bedienten sich bei der Offenbarung des Johannes. Einige befeuerten die NS-Propaganda von Endkampf und nationaler Erlösung, indem sie ein "Tausendjähriges Reich" ausriefen. Ebenfalls ein Motiv aus der Offenbarung.

"Am 30. Mai ist der Weltuntergang"

Auf der einen Seite ist die Offenbarung des Johannes also oft mit tödlichem Ernst ausgelegt worden, mit fundamentalistischem Eifer. Auf der anderen Seite wird mit der Apokalypse auch viel Unfug getrieben: Man nimmt sie so gar nicht ernst, sondern macht sich darüber lustig.

"Morgen letzer Tag" verkündet ein Schild, welches vor einem dicken Vorhang hängt. (imago images / CHROMORANGE)"Morgen letzer Tag" - bloß welches Morgen? (imago images / CHROMORANGE)

Wie das Golgowsky Quartett im Jahr 1954:

Am 30. Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang / am 30. Mai ist der Weltuntergang / wir leben nicht, wir leben nicht mehr lang

Doch auch dieser deutsche Nummer-Eins-Hit könnte einen ernsten Hintergrund haben. Es gibt ganz unterschiedliche Deutungen, welcher 30. Mai mit dem Lied gemeint sein könnte.

Luftangriffe oder Kometen als Apokalypse?

Zum einen der 30. Mai 1942, zwölf Jahre, bevor das Lied geschrieben wird. In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai flog die britische Luftwaffe besonders schwere Angriffe auf die Stadt Köln. Die Bomben zerstörten tausende Gebäude, hunderte Menschen starben.

So könnte dieses scheinbar heitere Lied darauf hinweisen, dass in der Geschichte der Menschheit schon ungezählte Welten untergegangen sind – in Katastrophen, Schicksalsschlägen, Kriegen und Verbrechen. Verantwortlich für all diese Weltuntergänge ist aber nicht irgendein übernatürliches Böses. Sondern es sind meistens Menschen.

Obwohl er also schon so oft berechnet worden ist, in den Schriften gesucht und in den Sternen gedeutet: Den einen übernatürlichen Weltuntergang hat es eben nie gegeben.

Die Apokalypse fällt aus

Darauf verweist eine andere mögliche Deutung des Schlagers "Am 30. Mai ist der Weltuntergang": Sie bezieht sich auf den Mai 1910.

Teleskopaufnahme das Halleyschen Kometen. (picture alliance/Photoshot)Der Halleysche Komet zieht immer mal wieder an der Erde vorbei - hier eine Teleskopaufnahme aus dem Jahr 2009 (picture alliance/Photoshot)

In diesem Monat näherte sich der Halleysche Komet der Erde – und löste teils Panik aus und Hysterie, wie so viele Kometen vor ihm und nach ihm. Doch dann passierte: nichts. Die Erde drehte sich einfach weiter.

Denn eines haben all die apokalyptischen Erwartungen und Bewegungen gemeinsam - ob in der Antike, im Mittelalter oder in unserer Zeit: Sie wurden enttäuscht. Der Weltuntergang kam nicht – und war er noch so genau berechnet worden.

Vielleicht ist es doch eher das, worüber sich der Schlager des Golgowsky Quartetts lustig macht. Die Endzeit dauert an, doch die Apokalypse fällt aus.

Diese Sendung wurde Anfang März 2020 produziert und geht daher nicht explizit auf die aktuellen Entwicklungen im Rahmen der Corona-Pandemie ein.

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