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StartseiteCorsoApple, Wirtschaftsethik und Theater02.11.2012

Apple, Wirtschaftsethik und Theater

Monologe über eine Kultmarke

Mike Daiseys Theatermonolog "Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs" sorgte in den USA für heftige Kontroversen. Stück und Autor kamen in Verruf, weil Daisey - mit einem Schuss dichterischer Freiheit - grobe Menschenrechtsverletzungen bei der Herstellung von iPhone und iPad reklamiert. Das kontrovers diskutierte Stück feiert jetzt in Dortmund Premiere.

Von Peter Backof

Ein Mann mit Visionen: Apple-Mitbegründer Steve Jobs hatte viele gute Eigenschaften. Post mortem sind jetzt auch kritische Stimmen zu hören. (picture alliance / dpa / John G. Mabanglo)
Ein Mann mit Visionen: Apple-Mitbegründer Steve Jobs hatte viele gute Eigenschaften. Post mortem sind jetzt auch kritische Stimmen zu hören. (picture alliance / dpa / John G. Mabanglo)

"Ich will einen Router. Unser alter Router, der 802 Punkt 11 G. G, das ist sooo langsam. Der neue Router, der ist 802 Punkt 11 N. N, das ist schnell, oooch."

Andreas Beck in der Rolle des Gut-Hundert-Kilo-Manns Mike Daisey: ein Monolog von gut einer Stunde, nahezu wortwörtlich – mit allen gottverdammten Amerikanismen übersetzt - für die deutsche Erstaufführung von "Die Agonie und die Exstase des Steve Jobs". Exstatisch ist zunächst Mike Daisey selbst: Drei Jahrzehnte lang war er glühender Verehrer jedes neuen Apple-Produkts. Der Router also: Gekauft!

"Weil ich ihn haben will! Weil er weiß ist und klein und viereckig und ein perfektes Design im Bauhaus-Stil hat!"

Der Plot: Es ist wunderbar, wie die Geräte ein bisschen nach verbranntem Plastik riechen, wenn man sie das erste Mal einschaltet. Schon der Geruch von Apple-Geräten: besonders, irgendwie anders. Und dann kippt die Stimmung. Im Stück und zuvor im Leben des Autors, obwohl nie klar ist – das ist die formale Eigenheit – in Dortmund wie bei Daisey im Original, ob man einen Tatsachenbericht hört oder eine Theaterfiktion.

Daisey will also Testfotos auf seinem neu gekauften iPhone gefunden haben. Die zeigen nichts besonderes. Paletten, eine Arbeiterin bei Foxconn in Shenzhen, China, dem aktuell größten Hersteller für Elektronika weltweit. Das macht ihn stutzig: Wie wird das iPhone eigentlich hergestellt?

Er recherchierte dann wirklich 2010 vor Ort, bei Foxconn. Und beschreibt seine Eindrücke nachher hochemotional, in der Metaphorik von Tolkiens "Herr der Ringe": als wäre er vom Auenland ins dunkle Mordor gekommen. Bei Foxconn werde "sein Schatz", das iPhone, in Hallen mit zwanzig-, dreißigtausend Menschen in reiner Handarbeit zusammengebaut, in 12-, 13-, 14-Stunden-Schichten und unter unsäglichen gesundheitlichen Bedingungen. Ein Schlag ins Gesicht des Apple-Fans.

"Steve Jobs hatte viele Eigenschaften, aber vor allen Dingen zwei: Er war ein visionäres … Arschloch!"

Eine der Beleidigungen in diesem Stück, die einfach Daiseys persönliches Abfallen vom Apple-Kult spiegeln. Anne-Kathrin Schulz, Dramaturgin am Theater Dortmund und Regisseurin Jennifer Whigham haben zusammen übersetzt für diese deutsche Erstaufführung:

"Als wir begonnen hatten und als Mike Daisey damit aufgetreten ist, kannten noch kaum Leute Foxconn. Plötzlich: Nachrichten: Beschäftigen Sie Minderjährige in ihrem Werk? Dann gab's Aufstände in einem anderen Werk, also plötzlich gibt es Schnipsel aus dieser Welt, die zu uns durchdringen, in den deutschen, internationalen Mainstream."

Wenige Tage nach der Broadway-Premiere starb Steve Jobs, so schlug das Thema Wellen. Im Januar 2012 dann wurde ein Ausschnitt in der Serie This American Life von einem Verbund von 500 US-Radiostationen gesendet und erreichte weit über eine Million Hörer: Die, wie auch die Redaktion von This American Life hielten das Stück aber für eine journalistische Arbeit. Daisey hatte bei der Auftragserteilung nicht klar gestellt, dass es sich um Dokufiction handelt.

Agonie und Exstase ist de facto: eine Collage. Daisey mischte – in gutmenschlicher Absicht - persönliche Erlebnisse mit künstlerischen Zuspitzungen und Berichten von Journalisten oder ehemaligen Arbeitern über Foxconn, auf die er im Internet gestoßen war. Einige Details über Menschenrechtsverletzungen hat er erfunden. Autor und Redaktion mussten sich entschuldigen, beziehungsweise richtigstellen. Anne-Kathrin Schulz:

"Wo dann der Fokus, bedauerlicherweise, wie wir finden, von diesem wichtigen Thema Wirtschaftsethik total wegging zu so 'nem Kampf: Kultur, also Theaterkultur, gegen Journalismus. Aber das ist ja gar nicht das Thema des Stücks. Wir finden auch das Thema des Stücks viel wichtiger als die Frage, ob Mike Daisey jetzt journalistisch korrekt arbeitet."

Im Theater Dortmund wird das Stück umgesetzt in intimer Studioatmosphäre. Weniger als hundert Plätze, gemütliche Sofas: Eine Nerd-Bude ist angedeutet.

Die Foxconn-Zentrale in Shanghai, China (picture alliance / dpa / Weng Lei)Die Foxconn-Zentrale in Shanghai, China (picture alliance / dpa / Weng Lei)Es ist nicht von der Hand zu weisen: Jenseits aller Übertreibungen von Mike Daisey gibt es bei Foxconn wirklich ein arbeitsethisches Problem. Die Kernthese: Man müsste nach Lebensmitteln und Kleidung auch über fair hergestellte Unterhaltungselektronik nachdenken. Anne-Kathrin-Schulz:

"Was bei Apple die Sache noch ein kleines bisschen anders macht, ist, dass es eine Firma ist, die - wie wir seit ein paar Monaten wissen - 100 Milliarden Cash auf der Bank hat, eigentlich sehr kurzfristig reagieren könnte."

In den USA wird aktuell diskutiert, ob man nicht mehr Produktionsstufen wieder ins Land holen könne. Contra: Jedes iPhone würde dann (noch einmal) 65 Dollar mehr kosten, sagt Apple bislang dazu. Ein großes Thema derzeit also, weit über einen Theaterabend hinaus.

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