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Arbeit für kurze Zeit

Bei einer Arbeitslosenquote von offiziell 8,4 Prozent ist die Erwerbslosigkeit ein zentrales Thema im französischen Präsidentschaftswahlkampf. Viele Franzosen können sich nur mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, davon profitiert die Zeitarbeitsbranche. Margit Hillmann berichtet aus Paris.

    Im Büro einer großen Pariser Zeitarbeitagentur, Rue Surene: In rot-weiß eingerichteten Räumen kümmern sich eifrige und auffallend junge Mitarbeiter um die Jobvermittlung von Führungspersonal aus allen Berufszweigen und um Stellen in kaufmännischen Berufen. Eine Mitarbeiterin telefoniert gerade mit einer Bewerberin, die sich auf eine Internetanzeige der Agentur gemeldet hat.

    Sie erklärt den Aufgabenbereich, Arbeitszeiten und wie lange der Einsatz dauern wird. Dann fragt die Agenturmitarbeiterin wieder nach, ob die Bewerberin denn noch am Job interessiert sei. Schließlich wird ein Gesprächstermin in der Agentur vereinbart.

    Die Zeitarbeit bietet privaten Jobvermittlungsagenturen in Frankreich ein saftiges Geschäft: Seit den frühen 80ern ist die Nachfrage der Unternehmen regelrecht explodiert und wächst auch heute noch kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Die Vorteile der Zeitarbeit sind für die Unternehmen einfach zu verlockend: unkompliziertes und kurzfristiges Einstellen von Personal auf Zeit und je nach Bedarf, arbeitsrechtlich unverbindliche Arbeitsverhältnisse - und damit Kosteneinsparung. Das gilt inzwischen ebenfalls für qualifizierte Arbeitskräfte. Auch ihre Stellen werden immer häufiger von Zeitarbeitsfirmen besetzt. Sophie Loustau, Geschäftsführerin der Zeitarbeit-Agentur in der Rue Surene:

    "Wir arbeiten vor allem für die großen Unternehmen. - insbesondere aus dem Servicebereich, Ernährungsindustrie, Pharma-Industrie - der Industrie ganz allgemein."

    Je höher die gefragte Qualifikation, umso eng gefasster ist auch das verlangte Profil der Bewerber, weiß die Geschäftsführerin:

    "Von den Führungskräften werden zwischen 5 und 10 Jahren Berufserfahrung verlangt. Ihr Alter liegt also etwa bei 30 oder 35 Jahre. Für Bewerber über 45 habe ich nur sehr wenig Arbeitsangebote. Wenn es denn mal vorkommt, melden sich auch extrem viele Bewerber, Seniorführungskräfte, die dringend Arbeit suchen und selten noch etwas finden."

    Trotz der engen Auswahlkriterien können sich die französischen Zeitarbeitsfirmen nicht über einen Mangel an Bewerbern beklagen. Nicht etwa, weil die Zeitarbeit so beliebt ist, heute ist jeder Arbeitslose froh - auch ein überdurchschnittlich qualifizierter, wenn er überhaupt einen Job findet, und sei es auch ein Zwei-Wochen-Einsatz. Das gilt vor allem auch für junge Arbeitssuchende wie zum Beispiel Chlothilde, 34 Jahre alt. Sie ist gleich nach ihrem Ethnologiestudium in die Zeitarbeit eingestiegen. Seit nunmehr zehn Jahren hält sie sich so über Wasser: Bürojobs, Kantinenarbeit - eben alles was so anfällt, sagt Chlothilde:

    "Die Jobs können zwei Tage, zwei Wochen oder auch mehrere Monate dauern, je nachdem, zu was man bereit ist. Aber wenn die Arbeit knapp ist, nimmt man alles was sich anbietet. Ich habe in Kantinen gearbeitet, viel Büroarbeit, Telefonzentrale, Kopiershop, Textverarbeitung und so weiter."

    Anfangs hat die Zeitarbeit Chlothilde nichts ausgemacht. Im Gegenteil: Sie hatte das Gefühl, über mehr Freiheiten zu verfügen. Das hat sich inzwischen geändert. Sie wünscht sich mehr finanzielle Sicherheit und eine berufliche Perspektive. Auf die Dauer, sagt sie, ist es psychologisch doch schwierig. Man weiß ja nie, was morgen kommt.

    "Am schlimmsten ist das Prekäre, die permanente Unsicherheit. Und das hat in den vergangenen Jahren auch noch zugenommen. Wenn ich zum Beispiel zu wenig Arbeit habe, bin ich froh, wenn überhaupt was kommt, und akzeptiere alle Konditionen. Und selbst wenn ich nicht arbeite, muss ich ständig auf Abruf bereit sein, weil ich das Geld brauche, aber auch, weil ich auf meinen Ruf bei der Agentur achten muss. Ich muss ständig bereit und sehr flexibel sein."

    Die Zeitarbeitern ganz selbstverständlich abgeforderte Flexibilität wird jedoch nicht honoriert. Im Gegenteil: Sie sind nicht selten schlechter bezahlt als fest angestellte Kollegen.

    Für Ethnologiestudentin Chlothilde könnte sich dies nun bald ändern. Seit einigen Monaten arbeitet sie als Bürokraft beim staatlichen Energieunternehmen Gaz de France. Dort hat man ihr nun eine Festanstellung in Aussicht gestellt. Sollte es klappen, sagt die 34-Jährige, greife ich sofort zu. Dann könnte sie sich auch endlich mal einen richtigen und vor allem bezahlten Urlaub leisten.


    Programmtipp: Vor dem ersten Wahlgang am Sonntag berichtet "Europa heute" in dieser Woche in einer fünfteiligen Serie täglich über die wichtigsten Themen im französischen Wahlkampf.