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Arbeiten bis zum Tod

Die Selbstmordserie bei France Télécom geht weiter: Seit 2008 haben sich 44 Angestellte der Firma das Leben genommen, davon neun allein in diesem Jahr. Eine Beraterfirma, die in dem Großkonzern ermittelte, sprach von einem brutalen Arbeitsklima.

Von Bettina Kaps |
    Pierre Morville sitzt erschöpft zu Hause am Tisch. Den ganzen Tag lang hat der Gewerkschaftsvertreter wieder mit der Unternehmensleitung von France Télécom verhandelt. Seit Oktober, seit der französische Staat den Großkonzern France Télécom zum Handeln gedrängt hat, treffen sich die Gewerkschaften nun schon täglich mit der Geschäftsführung, um einen neuen Sozialvertrag auszuhandeln.

    "Ich glaube, dass die Firmenleitung jetzt die Folgen aus der Krise zieht, auf den unteren Ebenen kommt das allerdings nicht an. France Télécom ist ein riesiger Konzern mit einer sehr komplexen Hierarchie. Nicht alle Direktionen haben verstanden, wie schlimm die Krise ist. An der Basis herrscht nach wie vor enormes Misstrauen."

    Die Verunsicherung nimmt sogar zu, sagt Morville. Denn seit Januar haben sich nach Angaben der Unternehmensleitung neun weitere Mitarbeiter das Leben genommen, und die Selbstmordserie hält an:

    "Erst heute, mitten in der Sitzung, habe ich erfahren, dass sich ein Angestellter in Lyon umgebracht hat. Die Fortschritte, die wir auf nationaler Ebene erzielen, werden von unseren Kollegen nicht wahrgenommen."

    Die hohe Zahl von Selbsttötungen unter den Beschäftigten setzt den Konzern immer stärker unter Druck. So ermittelt die Staatsanwaltschaft jetzt gegen die Chefs eines toten Mitarbeiters. Und die Arbeitsaufsichtbehörde urteilte in einem Untersuchungsbericht, dass Didier Lombard, bis Februar Vorstandschef der France Télécom, und zwei weitere Topmanager das Leben der Beschäftigten mit ihrer Unternehmenspolitik unmittelbar in Gefahr gebracht hätten. Ausdrücklich verweisen die Arbeitsinspektoren auf "die Politik des Konzernumbaus und des Managements" seit 2006. 30.000 Stellen wurden seither rigoros abgebaut, sagt Pierre Morville.

    "Das waren keine Entlassungen und keine freiwilligen Kündigungen. Die Beschäftigten wurden vielmehr rausgeekelt, ohne Kollektivvertrag, ohne Sozialplan. Um eine so hohe Zahl von Kündigungen zu erreichen, wurde auf sehr, sehr viele Angestellte extremer Druck ausgeübt. Ihre Arbeit wurde permanent schlecht gemacht. Das hat ein Trauma erzeugt."

    Dies bestätigt auch Danièle Linhart. Die Soziologin untersucht die Entwicklungen in der modernen Arbeitswelt. Sie beobachtet, dass viele moderne Firmen ihre Angestellten gezielt in die Isolierung treiben und ständig verunsichern, in der Absicht, sie so zu Höchstleistungen anzuspornen.

    "France Télécom hat diese Strategie auf die Spitze getrieben. Aber auch in anderen Firmen gibt es ein Management, das seine Angestellten unter immensen Druck setzt. Die Beschäftigten werden isoliert und sie müssen sich ständig neu beweisen. Nie können sie das Gefühl entwickeln, dass sie ihren Arbeitsplatz verdient haben. Das ist symptomatisch für die Modernisierung der Unternehmen in Frankreich."

    Diese Art von Management sei in Frankreich ganz besonders schnell und massiv eingeführt worden.

    Internationale Vergleiche haben ergeben, dass Franzosen damit ganz besonders schlecht zurechtkommen, weil sie eine stark ausgeprägte Berufsehre haben, sagt Danièle Linhart.

    "Franzosen räumen der Arbeit besonders große Bedeutung ein. Und deshalb leiden sie mehr als andere unter der Arbeit. Sie investieren sich mit ihrer ganzen Person. Amerikaner haben eine vertragliche Beziehung zum Job: sie tun, was man ihnen sagt, auch wenn sie es für wenig sinnvoll halten. Für Franzosen steht die Ehre auf dem Spiel."

    Als Gewerkschaftsvertreter für die leitenden Angestellten bei France Télécom ist Pierre Morville jetzt für alle sechs Verhandlungsbereiche mit der Konzernleitung zuständig, die zur Vermeidung von Stress führen sollen. Der wichtigste Punkt betrifft die Arbeitsorganisation. Bisher setzte jeder Manager seinem Untergebenen in Zwei-Augen-Gesprächen Zielvorgaben, sagt Morville. Von der Erfüllung dieser Ziele hingen das Gehalt und die Karriere des Einzelnen ab. Über dieses Vorgehen wird jetzt debattiert.

    "Das ist völlig neu in Frankreich: Direktion und Gewerkschaften von France Télécom verhandeln über die Art des Managements. Wir Gewerkschaftsvertreter verlangen, dass die Ziele in Zukunft kollektiv gelten, für eine ganze Abteilung. Außerdem fordern wir, dass es wieder eine richtige Personalabteilung gibt. Bisher fungieren die Manager wie Personalchefs. Die Direktion akzeptiert unsere Wünsche offenbar. Für uns sind das Elemente, die das Arbeitsklima entscheidend verbessern können."