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StartseiteSport am WochenendeDer Bau von Sportstätten als Symbol21.09.2019

ArbeiterrechteDer Bau von Sportstätten als Symbol

Der Sport macht keine Politik. Von den großen Verbänden hat man so einen Satz in den letzten Jahren immer wieder gehört, wenn irgendwo die Menschenrechte verletzt oder Steuergelder verschwendet wurden. Mit Blick auf die nächsten Sport-Großveranstaltungen könnte sich dies allmählich ändern.

Von Felix Lill

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Das Khalifa International Stadion in der katarischen Wüstenstadt Doha, im Vordergrund eine Palme. (Peter Kneffel / picture alliance)
Das Khalifa International Stadion in Doha. (Peter Kneffel / picture alliance)
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Investitionen für die Gemeinschaft und keine toten Arbeiter mehr auf den Baustellen: Sportgroßveranstaltungen sollen künftig mehr werden, als eine kurze Party, die Berge von Schulden und ungenutzte Stadien hinterlassen.

Auf einer Konferenz der internationalen Bauarbeitergewerkschaft BWI in Berlin haben Vertreter von Gewerkschaften, NGOs und der Veranstalter über dieses Thema diskutiert. Und es herrscht zumindest eine positive Erwartungshaltung. Vielleicht sogar Optimismus.

Nachhaltigkeitsplan für Paris

Unter anderem in Paris, Gastgeber der Olympischen Spiele 2024 und bei Isabelle Sery. Sie vertritt die Austragungsstadt und arbeitet in der eigens für Olympia geschaffenen Behörde Solideo. Sery sagt:

"Wir haben für Olympia eine neue Stelle geschaffen, die für eine wirklich nachhaltige Durchführung der Spiele zuständig ist. Ihr gehören auch Gewerkschafter und Unternehmen an, sie sind von der Vorbereitung an mit dabei. Wir wollen sicherstellen, dass die Bauwerke nach Olympia nützlich für alle sind. Und dass im Vorfeld keine großen Probleme entstehen. Dafür werden wir zum Beispiel auch ein Register aller Unternehmen und Subunternehmen anlegen sowie eine Problemhotline führen, damit es zu keiner Ausbeutung oder Gefährdung der Gesundheit kommt."

Um das sicherzustellen, habe Paris 2024 die so genannte Sozialcharta unterschrieben. Die wichtigsten Punkte: Ungehinderter Zugang für Gewerkschaften bei Inspektionen auf den Baustellen. Betriebe, die Olympia-Aufträge annehmen, müssen gleichzeitig für Ausbildungsplätze sorgen. Und sie müssen auch Arbeitskräfte beschäftigen, die zuvor arbeitslos waren.

"Das hört sich alles gut an. Aber wir hätten gern noch konkretere Angaben, etwas, an das man sich konkret halten kann und das sich dann auch erzwingen lässt", sagt Pauline Bidaud von der Bauarbeitergewerkschaft CFDT. Aber auch sie befürwortet den Plan grundsätzlich.

"Die EM 2024 wird der neue Standard werden."

Die Nachhaltigkeits- und Fairnessoffensive von Paris ist eine Folge der Konzepte, zu denen sich Sport-Verbände wie das Internationale Olympische Komitee IOC, der Weltfußballverband FIFA und die Europäische Fußballunion zumindest auf dem Papier verpflichten. Dazu gehört auch die Einhaltung von Regeln, die die Vereinten Nationen in ihren Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte schon lange festgeschrieben haben: Staatlicher Schutz der Menschenrechte, Achtung der Menschenrechte durch Unternehmen, Zugang zu effektiven Rechtsmitteln. Außerdem die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation.

Das betrifft auch die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland 2024. Dietmar Schäfers von der Gewerkschaft IG Bau sieht eine positive Entwicklung:

"Im Zuge der Europameisterschaft wird nicht viel gebaut werden müssen, weil die Stadien schon stehen. Aber Renovierungen, Malerarbeiten und so weiter werden nötig sein. Dann gibt es die ganzen Lieferketten. Und bei der Planung hat der DFB in allen Städten Dialoge gefördert mit NGOs, Kirchen, Gewerkschaften und so weiter, um alle Gruppen miteinzubeziehen. Ich denke, das wird der neue Standard werden."

Dietmar Schäfers weiß, wovon er spricht. Seit Jahren führt der Gewerkschafter weltweit Inspektionen auf WM- und Olympiabaustellen durch. Wie aber die ganze Gesellschaft wirklich mitentscheiden kann, und wie die Rechte von Arbeitern tatsächlich geschützt werden, ist bisher unklar.

"Es gibt keinen Mechanismus, um all das zu erzwingen."

Nun finden die nächsten großen Sportevents in Ländern statt, deren eigener Anspruch ohnehin weitergeht als der von FIFA, UEFA oder IOC: Frankreich und Deutschland verletzen weniger Menschenrechte und verschwenden womöglich auch weniger Steuergelder als undemokratischere Staaten. Was die Umsetzung überarbeiteter Standards auch in solchen Gastgeberländern angeht, da ist Ambet Yuzon, Generalsekretär von BWI, skeptisch:

"Thomas Bach hat zum Beispiel gesagt, die ILO-Standards werden in der Ausschreibung für Olympia stehen. Aber verpflichten wird das nur die Länder, die die Standards zuvor als Staat ratifiziert haben. Und es gibt sowieso keinen Mechanismus, um all das zu erzwingen."

Ein Test könnte China sein. In Peking finden 2022 die Olympischen Winterspiele statt, aber zu diesem Datum gelten die neuen Regeln noch nicht. Es wird noch Jahre dauern bis sich zeigt, wie fair und nachhaltig die Sportveranstaltungen der Zukunft wirklich werden. Gewerkschafter wie Ambet Yuzon halten die Erwähnung der UN-Prinzipien im Regelwerk der großen Sportorganisationen trotzdem für einen Fortschritt:

"Joseph Blatter sagte noch, sie machen doch nur Fußball. Die haben nicht mal ihre Verantwortung anerkannt. Aber nach unseren Beschwerden, auch bei der OECD, haben wir jetzt Anerkennung. Und das ist ein großer Schritt. Wir haben jetzt einen Weg, auf dem wir offiziell Probleme ansprechen können."

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