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StartseiteFirmenporträtArbeitsplatz mit Ausblick20.05.2011

Arbeitsplatz mit Ausblick

Firma aus Mecklenburg-Vorpommern ist Spezialist für Rotorenblätter

Die Energiewende der Bundesregierung soll den Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben. Hoffnungsträger soll unter anderem die Windkraft sein. Die Firma Rotor Energy ist Spezialist für die Reparatur von Rotorblättern und steht trotz luftiger Einsatzgebiete auf sicherem Fundament.

Von Peter Marx

Windräder der Firma Rotor Energy in Mecklenburg-Vorpommern. (Peter Marx)
Windräder der Firma Rotor Energy in Mecklenburg-Vorpommern. (Peter Marx)
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Der Ausblick - ein Traum; der Arbeitsplatz – ein Albtraum: 100 Meter über der Autobahn A 20 zwischen Wismar und Rostock turnen Silvio Penke und Stefan Eggert auf ihrer schmalen Arbeitsplattform umher und reparieren die über 20 Meter langen Rotorblätter einer Windkraftanlage. In ihren weißen Monteursanzügen sind sie vom Boden aus kaum zu erkennen. Eggert laminiert kleine Risse an den Blättern; Penke schleift die Reparaturstellen ab:

"Ja, ja, selbst ein kleiner Schaden kann zum großen Schaden tendieren. Also Feuchtigkeit, Nässe kann eindringen ins Blatt, und damit den Schaumkern. Das ist ein Erosionsschaden am Blatt ja. Das Blatt läuft ja bei Nennleistung mit knapp 200 Kilometern pro Stunde, saust es durch den Wind. Und da verschleißt natürlich die Vorderkante. Erosionsschäden durch Partikel, die durch die Luft fliegen. Meistens sind es Erosionsschäden und Blitzeinschläge noch die halt nicht auf den Rezeptor gingen. Dann ist der Schaden meistens noch größer."

An Dutzenden Stellen hängen Klebestreifen am Rotor-Blatt, beschriftet mit Zahlen und Buchstaben, angebracht von Kollegen der beiden Monteure:
"Also, mit 1.8 ist die Position und BL steht für Blatt. So ist jeder Schaden gekennzeichnet und aufgenommen.""

Penke startet den Elektromotor der u-förmigen Hebebühne mit den circa 20 Zentimeter breiten Laufstegen. Langsam rollen die Gummireifen der Bühne an der Außenwand des Stahlmastes nach unten. Vier Stahlseile, die am Maschinenfundament gesichert sind, halten die Bühne in der Waagerechten. Alle zwei Jahre werden die Windkraftanlagen überprüft. Entdeckt werden teilweise erhebliche Schäden, erzählt der 36jährige Penke:

"Eine Schaumreparatur von zwei Metern, also in einer Länge. Alles was man mit Bühne repariert, ist kostengünstiger, als wenn man das ganze Blatt abmontieren muss."

Der letzte Satz ist gleichzeitig auch so was wie die Geschäftsidee von Erwin Kunz gewesen, als er die Firma Rotor Energy gründete: "Das ist so entstanden, dass ich vor zehn Jahren bei einer anderen Service-Firma im Westen angefangen hatte, und dann hat es sich mit den Jahren so ergeben, dass man halt den Wunsch hatte, es selber zu machen. Und 2006 habe ich halt den Schritt gewagt, die Firma Rotor Energy zu gründen.""

Alleine, ohne Mitarbeiter, aber mit dem Vertrag über die Wartung von dreißig Windenergieanlagen in der Tasche ist Kunz in sein "persönliches Abenteuer" gestartet. Heute hat er seinen Firmensitz in einer blaugelb gestrichenen Halle am Rande von Petschow, ein Dorf bei Rostock. Im Büro klingen die Telefone ununterbrochen, auf dem Fußboden stapeln sich Aktenordner.
"Das Geschäft läuft rund", sagt Kunz, der heute über 500 Wartungsverträge hat und zufrieden lächelt:

"Doch, kann man so sagen. Damals habe ich alleine angefangen, jetzt sind wir 20 Mitarbeiter. Meistens sind es Rotorblattreparaturen, Begutachtung, Turmservice. Wir machen auch Anlage-Montage. Offshore sind wir auch schon tätigt, im Offshore-Geschäft. Alle diese Felder umfasst das halt."

Wobei Kunz vor allem das neue Offshore-Geschäft im Auge hat. Dafür entwickelt er gerade eine spezielle Hebebühne, die den stärkeren Winden auf See sicher standhält. Damit nicht genug:

"Ein nächstes ist in Planung, Offshore, zwei Parks. Einmal in Deutschland, Offshore-Park Alpha Ventus. Das war der erste, der jetzt gebaut wurde und dann in Belgien ist es noch Windpark Forten Banks, ist auch noch ein Offshore-Park. Das sind die großen Projekte in diesem Jahr. Wir haben vor, unsere Palette, nach der neuen Situation die sich jetzt ergibt, zu erweitern. Das wir jetzt auch Kleinwind-Anlagen vertreiben wollen und halt auch aufbauen, den Service dafür machen. Das wäre unser nächstes Standbein, was wir machen wollen."

"Und das Auslandgeschäft nicht vergessen", fügt der 34-jährige Firmenchef noch lachend hinzu, der konkurrenzlos in Mecklenburg-Vorpommern seinen Rotor-Service anbietet.

"Weltweit sind wir unterwegs. Letztes Jahr hatten wir auch einen Auftrag in Amerika. Das waren knapp 100 Anlagen in der Nähe von Chicago und San Francisco. Also ist immer sehr spannend!"

Peter Marx unterhält sich in luftiger Höhe mit einem Mitarbeiter von Rotor Energy (Peter Marx)Peter Marx unterhält sich in luftiger Höhe mit einem Mitarbeiter von Rotor Energy. (Peter Marx)Neu sind Aufträge aus Afrika. Immer öfters kommen jedoch Aufträge aus den europäischen Nachbarländern dazu: von Privatleuten, von Betreibergesellschaften und von Herstellern. Zufrieden lehnt sich Kunz, der Landwirtschaft studiert hat, in seinen Sessel zurück. Der Umsatz seiner Firma ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen und liegt inzwischen bei 1,5 Millionen Euro. Tendenz weiter steigend. Wofür Kunz zwei Gründe nennt: einmal die Atomkatastrophe in Japan, die den Absatz von Windkraftanlagen ankurbeln wird, und die Modernisierung der meisten Anlagen, die sich bereits seit zehn Jahren und länger drehen.
Einziges Manko: Ihm fehlen Mitarbeiter. Der Markt in Mecklenburg-Vorpommern ist leer gefegt:

"Ich sage mal, jeder der ein bisschen lernfähig ist und den Job gerne machen will, der kann das auch machen und lernen. Das ist alles kein Problem. Wir suchen auch noch Mitarbeiter. Industriekletterer, Servicetechniker, die auf Bühnen arbeiten oder auch im Aufbau tätig sein wollen. Alles in der Richtung."

Bernd Eichman streicht auf der Plattform die Rotorspitze rot an. Er ist der vorerst letzte Mitarbeiter, der bei Rotor Energy angefangen hat. Früher arbeitete er in einer lauten Werfthalle in Warnemünde, heute genießt er den Blick über die ruhige Landschaft. Angst?

"Nein", sagt er laut und sein Kollege Silvio Penke ergänzt:

"Nein, selbst wenn jetzt ein Bühnendefekt auftritt, wir sind ja geschult im Rettungskonzept und haben auch Rettungsgeräte an Bord. Selbst wenn die Bühne jetzt nicht funktionieren würde, ausfallen würde, also runter kommt man eigentlich immer. Also es ist vorgeschrieben, dass man einen Rettungskurs belegt auch jährlich, damit man sich entsprechend auch evakuieren kann aus dem Maschinenhaus oder aus der Plattform."

Kurze Pause auf der Hebebühne. Mit einem Fernglas schauen die Monteure entlang der Autobahn A 20. Und manchmal werden sie dabei zu Voyeuren wider Willen. Der lustige Aspekt ihrer gefährlichen Arbeit:

"Na ja, auch Dinge, die manche nicht glauben, dass man sie entdeckt. Das war zum Beispiel, wenn ein Auto unten steht und zwei sich treffen. Sie haben sich nicht entdeckt. Wir standen 20 Meter daneben mit der Anlage."

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