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Architekt und Künstler

Unter den mehr als 250 Werken in der Ausstellung in Marseille sind nicht nur beeindruckend schöne, aus Holz gebaute Architekturmodelle. Auch viele Gemälde, Zeichnungen und Plastiken werden gezeigt. In seinem Spätwerk wird Le Corbusier zum Künstler-Architekten.

Von Kathrin Hondl | 13.10.2013

"Le Corbusier revient à Marseille", steht auf den Ausstellungsplakaten: "Le Corbusier kehrt nach Marseille zurück". Aber es müsste wohl eher heißen: Marseille kehrt zurück zu Le Corbusier und würdigt nun mit einer großen Ausstellung den Architekten, den die Marseiller früher schlicht "le fada" nannten: den Bekloppten. Und "la maison du fada", das "Haus des Bekloppten" so nannten sie in Marseille Le Corbusiers berühmte "Cité Radieuse" oder "Unité d’Habitation" – die "Wohneinheit", erbaut in den Jahren 1947 bis 52: ein imposantes achtstöckiges Beton-Gebäude auf gewaltigen Pfeilern mit mehr als 300 komfortablen, meist zweistöckigen Wohnungen aber auch einem Hotel, einer Schule, einer Turnhalle, Geschäftsstraßen und Restaurants. Ein Wohnblock als vertikales Stadtviertel, das war die Grundidee. Auf der Dachterrasse von Le Corbusiers beeindruckender Wohnmaschine gibt es seit diesem Sommer das Kunstzentrum MAMO, eine Initiative des Designers Ora Ito. Das Meisterwerk von Le Corbusier, sagt er, wurde in Marseille viel zu lange vernachlässigt.

"Sie hätten sehen müssen, in welch erbärmlichem Zustand diese Dachterrasse war, als ich sie gekauft habe. Das war eine Ruine! Wir mussten auch Mauern zerstören, die später hinzugefügt wurden. Im Grunde mussten wir in Zusammenarbeit mit der Fondation Le Corbusier und dem Denkmalschutz alles nach den Originalplänen wieder neu aufbauen."

In der restaurierten ehemaligen Turnhalle auf dem Dach des Corbusier-Baus sind nun die Arbeiten zeitgenössischer Künstler zu sehen. Und auch sonst strahlt die Dachterrasse der "Cité Radieuse" wieder in ihrer alten avantgardistischen Pracht und mit einer atemberaubenden Aussicht auf das Mittelmeer. Der Wohnblock im Süden von Marseille ist gewissermaßen auch der Ausgangspunkt der Ausstellung, die ein paar Kilometer weiter im Hafen-Hangar zu sehen ist: "Le Corbusier und die Frage des Brutalismus". Denn Le Corbusiers vertikale Betonstadt wurde in den 50er Jahren von Architekturkritikern zum Paradebeispiel für den neuen Architekturstil der Nachkriegszeit erklärt, den "Brutalismus", für den unter anderem roher Beton - "béton brut" - als sichtbares Baumaterial charakteristisch ist.

"Viele Historiker, sagt Ausstellungskurator Jacques Sbriglio, meinen, dass die brutalistische Ästhetik mit den Traumata des Zweiten Weltkriegs und den Bedrohungen des Kalten Krieges zu tun hat. Auch die Betonbunker, die die deutschen Truppen an den französischen Küsten errichteten gelten als Vorbilder. Als ob die neue Beton-Architektur die Bevölkerung schützen müsste und also das Trauma der Geschichte seinen Ausdruck in der brutalistischen Architektur fände."

Le Corbusier selbst hat sich allerdings nicht als "brutalistischen Architekten" verstanden. Die Ausstellung von Jacques Sbriglio präsentiert jetzt das Spätwerk der Jahre 1945 bis 65 als "romantischen Brutalismus":

"In dieser Zeit entwickelt Le Corbusier ein kulturelles Gesamtkonzept für die Architektur – eine Synthese der Künste, wo er in und um die Architektur andere Kunstformen wie Malerei oder Skulptur integrieren will. Das unterscheidet ihn von anderen Großmeistern der modernen Architektur wie Frank Lloyd Wright oder Mies van der Rohe. Er positioniert sich als Künstler-Architekt, der stetig daran erinnert, dass Architektur in erster Linie für Menschen gemacht ist und vor allem, dass Architektur eine Kunst ist, in der moderne Technik nur eine dienende Rolle hat."

Und so sind unter den mehr als 250 in der Ausstellung gezeigten Werken nicht nur beeindruckend schöne, aus Holz gebaute Architekturmodelle – wie das des Parlamentspalastes in der indischen Planstadt Chandigarh - , sondern auch viele Gemälde, Zeichnungen und Plastiken. Aktstudien sind darunter und Bilder, denen man ansieht, dass sich Le Corbusier besonders von der Malerei Picassos inspirieren ließ. Picasso wiederum, das dokumentiert ein Foto in der Ausstellung, besuchte 1949 die Baustelle der Cité Radieuse in Marseille. Le Corbusier, der sich in den 20er- und 30er-Jahren vor allem, als bis heute auch umstrittener Theoretiker der modernen Architektur hervorgetan hatte, Le Corbusier kehrt mit dieser reich bestückten Spätwerk-Ausstellung in Marseille als Künstler zurück ins kollektive Bewusstsein. Ob nun Brutalist oder nicht: Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Kurator Jacques Sbriglio, wurde der Theoretiker ein Poet.