Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Architektur kontra Akustik
Deutsches Lifting für das Opernhaus Sydney

Nach der Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg wird viel über die richtige Akustik von Konzerthäusern diskutiert. Sollte ihr Klang perfekt designt werden oder wäre ein eigener Klang nicht wünschenswert? Vor dieser Frage stehen aktuell deutsche Akustikexperten in Sydney. Das berühmte Opernhaus soll klangtechnisch auf den neuesten Stand gebracht werden.

Von Susanne Lettenbauer | 06.02.2017

    Das Opernhaus in Sidney
    Das Opernhaus in Sydney (imago stock&people/blickwinkel/McPhoto/BerndxLeitner)
    Endlich sitzt man drin, in dieser Weltkulturerbe-Oper von Sydney, die vorletzte Karte im Sonderverkauf für die berühmte Auster. Auf der Bühne Puccinis Oper "La Bohème". Und tatsächlich. Die Akustik - für Opernkritiker ein Albtraum, im Gegensatz zur weltberühmten Hülle. Im Opern- und auch im benachbarten Konzertsaal besteht seit Jahren das Problem, erklärt der australische Opernmitarbeiter Chris Barling:
    "Wenn man hier einen Ton auf der Bühne spielt, gibt es einen Nachhall von bis zu zweieinhalb Sekunden. Die Orchestermusiker hören sich und den Nachbarn also mit einer gewissen Verzögerung und wissen gar nicht, ob sie im Takt spielen."
    Jürgen Reinhold, Akustikexperte der Münchner Firma BBM soll das jetzt ändern. Nach gut 40 Jahren seit der Eröffnung des spektakulären Hauses 1973 soll die Oper akustisch und technisch grundlegend saniert werden. Eine Mammutaufgabe. Nach 14 chaotischen Jahren Bauzeit in den 1960er-Jahren und einer 15-fachen Kostensteigerung ein längst überfälliger Schritt. Die Elbphilharmonie mit zehn Jahren Bauzeit und einer Verzehnfachung der Kosten - ein Klacks daneben.
    "Ich glaube das Hauptproblem ist einfach, diese Hülle war vorgesehen für ein kleines Sprechtheater und da wäre sie richtig gewesen, aber nicht für ein Weltopernhaus, was sie eigentlich sein wollen", sagt Jürgen Reinhold.
    Der Akustikexperte bringt aus Deutschland ein neues Soundsystem mit
    Seit einem Jahr tüftelt Reinhold an einer Optimierung der Akustik. Die Zeit drängt. Bis zur Silvesterparty 2017 soll die Akustik perfekt sitzen - ohne zu viel zu verändern.
    "Da sind die Freiheitsgrade nun wiederum gar nicht groß, weil das Gebäude als World Heritage-Gebäude gelistet ist, das jüngste Gebäude überhaupt auf der Welt, das World Heritage wurde. Und damit sind wir relativ gebunden und können nicht so frei agieren wie wir es manchmal tun können."
    Als die Pläne zum liebevoll von den Australiern "offene Auster" genannte Gebäude in den 60er-Jahren vom dänischen Architekten Jørn Utzon der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, sollte die Opernbühne eigentlich in den heute benachbarten Konzertsaal integriert werden, ein viel größerer Raum für bis zu 2.700 Zuschauer. Doch die Musiker vom Sinfonieorchester wehrten sich, so der deutsche Ingenieur:
    "Das Sydney Symphonie-Orchestra, damals wie heute sehr stark und präsent hier, hat gesagt, wir wollen allein den großen Saal. Und es wurde dann die Entscheidung getroffen, dass die Oper in diese kleine Hülle reingeht, die letztendlich zu klein ist und heute sehr viele Kompromisse birgt und das versuchen wir zu verändern."
    Der Akustikexperte bringt aus Deutschland vor allem ein neues Soundsystem mit, "Vivace" - ein elektronisches Raumakustiksystem - Mikrofone und Lautsprecher - mit denen der Orchesterklang als 3D-Klangbild moduliert wird.
    An der Saaldecke hängen riesige, flache, durchsichtige Scheiben
    Bislang war der Versuch der Klangverbesserung im Opernhaus von Sydney reine Flickschusterei. An der Saaldecke hängen riesige, flache, durchsichtige Scheiben, die hoch- und runtergefahren werden können. Warum? Chris Barling vom Team des Opera House Sydney:
    "Wir nennen sie hier die Plastikscheiben oder Donuts. Eigentlich heißen sie 'acoustic clouds', Akustikwolken, sie helfen den Klang zu steuern. Als man diesen Saal gebaut hat, hat man nämlich nur an das Publikum gedacht, dass der Klang in den Zuschauersaal geleitet wird, aber nicht daran, dass auch die Orchestermusiker sich hören müssen."
    Akustikdesign also für einen Multimedia-Showroom, in dem sich Liederabende abwechseln mit Koch- und Akrobatenshows, Live-Konzerten mit Videokünstlern, Auftritte von Bands wie der US-amerikanischen Independent-Band Wilco aus Chicago oder - vom Dalai Lama. Akustisch ein Unding, weiß Jürgen Reinhold. Aber er will es schaffen, die zwei Räume, den Opernsaal und den Konzertsaal, allround fit zu machen. Er verbaut technische Finessen, mit denen er akustisch problemlos vom Kammermusiksaal zur Rockarena springen kann.
    Doch will man das, müssen sich die Verantwortlichen der Opernhäuser fragen lassen. Überall auf der Welt derselbe brillante, akustisch austauschbare Klang? Das wäre das Ende der Individualität. Auch wenn der Klang in Sydney oder der in der Elbphilharmonie Schwächen haben - wieviel wert wäre ein großer Wiedererkennungswert? Anderthalb Jahre geben die Verantwortlichen dem Techniker Zeit für das Akustiklifting von Sydneys offener Auster. Bis 2021. Man darf gespannt sein, ob die Sydney Oper dann auch noch klanglich- individuellen Wiedererkennungswert hat.