Donnerstag, 29. September 2022

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Architekturgeschichte
Mehr als Plattenbau

DDR-Architektur verbinden viele Menschen mit Plattenbauten. Dass es auch weniger gleichförmig im Hausbau zu DDR-Zeiten zuging, darüber wurde kürzlich auf Einladung des Leibniz-Institutes in Erkner bei Berlin diskutiert.

Von Andreas Beckmann | 23.01.2014

    Wenn von DDR-Architektur die Rede ist, geht es meist um Plattenbausiedlungen. Dabei stand der industrielle Wohnungsbau ursprünglich gar nicht auf der Agenda der SED. In den Anfangsjahren ihres Staates wollte sie vielmehr eine sogenannte "nationale Bautradition" entwickeln, die sich vor allem in den Stadtkernen widerspiegeln sollte, erklärt der Leipziger Historiker Christian Rau.
    "Man konzipierte die Zentren so, dass es einen zentralen Aufmarschplatz geben sollte, für Parteiveranstaltungen, also für die Herrschaftsrepräsentation der staatstragenden Partei und davon abgehend große Verkehrsstraßen in die einzelnen Stadtbezirke, aus denen dann eben die Massen in die Stadtzentren kommen sollten. Damit wollte man die klassenlose Gesellschaft zum Ausdruck bringen, dass sich alle Schichten der Werktätigen im Stadtzentrum treffen, zu großen Veranstaltungen zusammen kommen."
    Vorbild war die sowjetische Stadt. Für die hatte der Genosse Stalin neoklassizistische Fassaden vorgesehen, hinter denen vor allem Büros für die örtlichen Partei- und Verwaltungsfunktionäre eingerichtet wurden, seltener Wohnungen.
    "Repräsentative Wohnungen, aber nicht für den Normalbürger, sondern in diese Wohnungen im Stadtzentrum sind natürlich verdiente Genossen, ausgezeichnete Aktivisten, Funktionäre eingewiesen worden."
    Nach Stalins Tod wandte sich die DDR von dieser auch als Zuckerbäckerstil verspotteten Architektur ab und suchte Anschluss an die Bauweise der Moderne. Einer deren kreativster Vertreter in Ostdeutschland hieß Franz Ehrlich.
    "Ich persönlich finde an Franz Ehrlich spannend, dass er immer versucht hat, egal wie viele Schwierigkeiten es gab, seine künstlerischen Ideale durchzusetzen und dass er immer versucht hat, seinem vom Bauhaus geprägten Entwurfsgedanken treu zu bleiben."
    Die Architekturhistorikerin Tanja Scheffler rekonstruiert an der TU Dresden Ehrlichs Biografie. Unter den Nazis hatte er im KZ Buchenwald gesessen. Direkt nach dem Krieg entwarf er ehrgeizige Wiederaufbaupläne für Dresden. Weil er die "nationale Bautradition" ablehnte, geriet er bald ins Abseits. Doch dann gelang ihm ein Comeback als Baumeister, vor allem mit dem Funkhaus in der Berliner Nalepastraße, das wegen seiner herausragenden Akustik bis heute gefeiert wird. Ehrlich ließ sich mit der Stasi ein und eckte doch immer wieder an, erzählt Tanja Scheffler.
    "Viele große Bauprojekte ... wurden in Kollektiven ausgeführt. In der DDR war es häufig so, dass wenn ein Wettbewerb stattgefunden hatte, die drei besten gemeinsam in Klausur gegangen sind und man hat dann im Prinzip das Optimum aus allen Entwürfen gemacht. Das war eine Sache, dazu wäre Ehrlich nicht bereit gewesen. Ehrlich war von seinen Ideen überzeugt und wollte sie dann auch so durchsetzen."
    Das galt auch für den Wohnungsbau, dem die Partei jetzt Priorität einräumte.
    "Franz Ehrlich war der Meinung, dass es durchaus möglich ist, dass man mit wenig Geld viele Wohnung baut. Aber er war der Meinung, dass man den Architekten ein festes Budget geben sollte und sie sollen mit dem Budget klarkommen. Aber er war dagegen, dass eine dermaßen große Anzahl von gleich typisierten Wohnungen da sind."
    Gerade auf diese gleichförmigen Bauten, die sich aus vorgefertigten Platten schnell montieren ließen, setzte die Staatsführung seit den 60er-Jahren. So hoffte sie, vor allem in den Ballungszentren, den Bezirksstädten, der grassierenden Wohnungsnot Herr zu werden, erläutert der Historiker Christian Rau.
    "Es war unerheblich, ob das Zwei-Raum, Drei-Raum- oder Ein-Raum-Wohnungen waren, Wohnungen wurden nach Stückzahl geplant. Es war auch unerheblich, ob die gute Qualität hatten oder nicht."
    Meist war die Qualität mangelhaft, weil die angelieferten Platten häufig aus minderwertigem Zement oder Beton bestanden. Vor allem aber reichte die Zahl der neuen Wohnungen nie, um wenigstens den gleichzeitigen Verfall in den Altbauvierteln kompensieren zu können.
    "Ich kriege jetzt bezahlt, dass ich durch diese 14 Bezirksstädte fahre."
    Der in Hamburg geborene Architekturhistoriker Roman Hillmann untersucht derzeit im Auftrag der Wüstenrot-Stiftung, welche Teile des baulichen Erbes der DDR denkmalschutzwürdig sein könnten. Ihm hat es besonders eine Vorstadt von Rostock angetan, die Ende der 60er-Jahre für fast 30.000 Bewohner errichtet wurde.
    "Lütten Klein ist dadurch bestimmt, dass es sehr strenge Zeilenbauten hat, die wenig Relief haben, auf keinen Fall umknicken, sondern längliche Blocks in unterschiedlicher Größe, die rechtwinklig zueinander stehen. Das heißt das System der Ordnung ist extrem hoch. Gleichzeitig entstehen aber Raumgefüge, die doch recht differenziert sind, zum Beispiel allein durch die unterschiedliche Höhe der Bauten oder dass man Fluchtpunkte auf Hochhäuser hat, die man dann plötzlich sieht."
    Roman Hillmann faszinieren die Kontraste zwischen der strengen Gleichförmigkeit einerseits und einzelnen aus dem Rahmen fallenden Gebäuden andererseits. Die Menschen, die damals hier einzogen, hatten allerdings kaum einen Blick für solche ästhetischen Feinheiten.
    "Kindergärten und auch Verkaufsstellen, die wurden zwar alle mitgeplant in den großen Wohngebieten, aber weil eben Wohnungen übergeben werden mussten und nicht Kindergärten, wurde auf solche Gesellschaftsbauten, hieß das in der DDR, wurde immer mehr darauf verzichtet, was dann bei den Bewohnern immer mehr Unbehagen hervorgerufen hat."
    Erst nach der Wende, so Christian Rau, kam eine angemessene Infrastruktur und die Siedlungen wurden besser ans Verkehrsnetz angebunden. Energetische Dämmungen erhöhen heute den Wohnkomfort. Roman Hillmann sieht jede Veränderung unter Denkmalschutzgesichtspunkten mit gemischten Gefühlen.
    "Lütten Klein müsste man, so wie es ist, jetzt unter Denkmalschutz stellen. Es ist ein Ensemble, was nur als Ganzes funktioniert."
    Architekten, die sich nicht an die genormte Bauweise halten wollten, gaben in der Ära Honecker reihenweise auf oder gingen in den Westen, erzählt Tanja Scheffler von der TU Dresden.
    "Franz Ehrlich war überzeugter Kommunist. Für ihn stand das gar nicht zur Debatte. ... Einer der Neffen von Franz Ehrlich hat erzählt, dass der Onkel immer gesagt hat, wenn wir damals gewusst hätten, was die SED aus dem Kommunismus macht, dann wären wir dafür nicht ins KZ gegangen."
    Ehrlich entwarf weiter Pläne, von denen aber kaum einer realisiert wurde. Nach dem Ende der DDR zogen viele Bewohner der Plattenbauten aus. Doch angesichts neuer Wohnungsknappheit sind diese Viertel heute in Großstädten wie Berlin, Dresden oder Rostock wieder gefragt. Die meisten Teilnehmer der Tagung in Erkner waren sich deshalb mit Roman Hillmann einig, dass mit dem baugeschichtlichen Erbe der DDR pfleglich umgegangen werden sollte.
    "Das war ein Zeitphänomen der Nachkriegsmoderne und ist nicht an eine sozialistische Gesellschaft gebunden."