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StartseiteCorsoDie dunkle Seite des Dr. Sommer17.04.2020

Archiv der "Bravo"Die dunkle Seite des Dr. Sommer

Mehrere "Bravo"-Ausgaben der Jahre 1956 bis 1994 gibt es nun kostenlos im Netz. Das soll, so die Eigenwerbung der Jugendzeitschrift, "ein wenig Licht in dunkle Zeiten“ bringen. Doch das Stöbern im "Bravo"-Archiv erweist sich schnell auch als Zeitreise in die Düsternis.

Von Kathrin Hondl

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Die allererste Ausgabe der Bravo erscheint am 26. August 1956 unter dem Namen "Die Zeitschrift für Film und Fernsehen". (Bauer Media Group/BRAVO)
Die allererste Ausgabe der "Bravo" erscheint am 26. August 1956 unter dem Namen "Die Zeitschrift für Film und Fernsehen" nun ist unter anderem auch sie Online kostenlos zugängig. (Bauer Media Group/BRAVO)
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Januar 1973. "Jede Menge hübsche Mädchen müssen Federn lassen im neunten James Bond Film", berichtet "Bravo". Im "Starschnitt" gibt es die Oberarme des Schwimmers Mark Spitz." Und "Bravo Song der Woche" ist David Bowies "All the young dudes" in der Version der Band Mott the Hoople. "Deutschlands größte Zeitschrift für junge Leute" liefert auch gleich eine, nun ja, etwas kuriose deutsche Übersetzung: "Alle jungen Spinner bringen das Neue"

"Habt ihr herausgefunden, was David Bowie meint? Wenn nicht, lasst euch keine grauen Haare wachsen. Tschüß, bis zum nächsten Mal!"

Ok, Tschüß dann. Etwas handfester sind die Informationen im Januar 1968.

Supermittel gegen Segelohren

Die Bee Gees sind auf Platz 1 der Bravo-Hitparade. Das "Bravo Girl 67 ist gewählt – großer Bericht über die Siegerin": Anita Gillert, 17, die ihren Erfolg: "mit Familie, Fans und Bier vom Faß (– mit Scharf-S –) "in Meßkirchs einzigem Beatschuppen" feierte. Und selbst die Kleinanzeigen versprechen Außergewöhnliches:

"Sie haben abstehende Ohren? Wer ärgert sich denn noch darüber? Es ist doch so einfach, diese selbst nach dem modernen A-O-BE-Verfahren zu korrigieren."

Ja, das waren noch Zeiten... Auf dem Titelbild ist übrigens der Schlittschuhläufer Hans-Jürgen Bäumler zu sehen. "Ich bin kein Eisheiliger!" zitiert ihn die "Bravo" und bringt relevante Informationen für potentielle Groupies:

"Das Frühstück lässt sich Hans-Jürgen etwa gegen 10.30 auf Zimmer 203 des Parkhotels in Bremen kommen."

Wow! Aber weiter - im Dezember 1976 meldet "Bravo", woran heute nun wirklich niemand mehr gedacht hätte:

"Keine andere englische Band tut so viel für ihre deutschen Fans wie Smokie."

Liebe, die Grenzen überwindet

Aber nicht nur pophistorische Sonderfälle wie die Band Smokie poppen auf im "Bravo"-Archiv. Hin und wieder gibt es sogar Hinweise auf die Zeitgeschichte - knallharte deutsche Wirklichkeit der 70er:

"Über Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen hinweg liebt Roland Riedel aus Franken ein Mädchen in der DDR."

Von Roland Riedels deutsch-deutschen Liebesnöten ist es dann nicht mehr weit zur Top-Rubrik jeder "Bravo"-Ausgabe: "Was dich bewegt" – Sprechstunde bei "Dr. Sommer und seinem Team". Doch ausgerechnet Dr. Sommers Kummerkasten erweist sich im Rückblick auch als Gruselkabinett. "Mein Problem ist: Ich bin schwul", schreibt da zum Beispiel ein "Junge, 13, ohne Ortsangabe". Und was antwortet Dr. Sommer?

"Nur weil du bei nackten Jungen ein steifes Glied kriegst, glaubst du, schwul zu sein. Wenn du erstmal Erfahrungen mit Mädchen gemacht hast, sieht die Sache wahrscheinlich gleich ganz anders aus. Also mach dir vorerst keine Sorgen."

Schockierende Antwort auf Missbrauchsverdacht

Krass ist auch die Antwort auf den höchst alarmierenden Brief eines jungen Mädchens – eine "Christl aus Österreich" erzählt da, sie werde von ihrem Vater erpresst, immer wenn sie etwas gekauft bekomme, müsse sie sich vor ihm ausziehen, der Mutter dürfe sie davon nichts erzählen. Was ziemlich eindeutig nach schweren Missbrauchserfahrungen klingt, beantwortete das "Dr. Sommer-Team" 1976 so:

"Warum Mutter es nicht wissen darf? Weil auch was von dir ausgeht, nämlich deine Fantasie über Männer, die dir nachsteigen. Dein Vater hat es echt schwer. Du spielst unwillkürlich dauernd so, als ob das alles wirklich so passierte, (dabei sind es Wünsche) und das bringt ihn hoch. Es würde ihn auch schwer belasten (im Gewissen und etwa vor Gericht). Du bist auch hinter ihm her."

Spätestens nach diesem Dr. Sommer-Beitrag ist klar: Das "Bravo"-Archiv mag vielleicht wie versprochen "ein wenig Licht in dunkle Corona-Zeiten" bringen – aber es lässt auch tief blicken in ziemlich düstere Zeiten.

Die ausgewählten Ausgaben der "Bravo" zwischen 1956 und 1994 können Sie auf den Seiten des "Bravo"-Archivs kostenfrei herunterladen.

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