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ARD aktuell
Senden aus neuer Kulisse

24 Millionen Euro hat die ARD in ihr neues Nachrichtenstudio investiert: Tageschau und Tagesthemen präsentieren nun die Weltlage vom imposanten Moderationstisch, per 18 Meter großem Flachbildschirm und mit neuem Jingle. Selbst Carmen Miosaga lässt das nicht kalt und gesteht: "Ich habe Füße".

Von Klaus Deuse | 26.04.2014

    Ein Redakteur sitzt im Regieraum der ARD-Tagesschau vor eine Reihe Fernseh- und Computermonitoren.
    Die "Tagesschau" und "Tagesthemen" senden aus einem neuen ARD-Studio: Moderator Claus-Erich Boetzkes. (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
    Ist das noch die allseits geschätzte Tagesschau? Gut, den Gong, der zu den Nachrichten wachrütteln soll, gibt es noch. Aber nicht mehr mit dem gewohnten Wumms, sondern nur noch gedämpft. Und die Fanfare kommt auch ziemlich entschärft daher. Kritiker sprechen gar von einer Art akustischem Feng-Shui. Ja, und dann diese Stimme aus dem Off:
    "Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau"
    Man muss wohl ein eingefleischter Cineast sein, um zu erkennen, dass es sich um die Stimme von Angelina Jolie handelt. Genauer gesagt: um die Stimme der Synchronsprecherin Claudia Urbschat-Mingues. Offenbar ist man stolz wie Oskar, die deutsche Stimme von Angelina Jolie vors Mikro geholt zu haben. Für mehr Informationsgehalt sorgt das allerdings nicht. Ein wirklich echter Coup wäre es gewesen, die Nachrichten auch noch von der deutschen Stimme von Brad Pitt lesen zu lassen. Und damit zu Nachrichtenmann Torsten Schröder, um den man sich gleich zu Beginn der Tagesschau Sorgen machen muss. Hinter ihm lauert schließlich überlebensgroß ein pro russischer Milizionär mit Gewehr im Anschlag. Dagegen wirkt Torsten Schröder fast wie ein Liliputaner. Das liegt an der halbrunden 18 Meter großen Medienwand hinter ihm, auf die die Bilder projiziert werden und auf die die Tagesschau-Macher ganz besonders stolz sind.
    Ja, diese digitalen Dimensionen. Zuschauer, die einen Flachbildschirmgerät mit Monstermaßen besitzen, planen nun womöglich einen Durchbruch der Wohnzimmerzimmerwand oder gleich einen Anbau, um die Tagesschau problemlos verfolgen zu können. Einen Tag nach Torsten Schröder fürchtet man übrigens, dass zwei riesige blaue Müllsäcke herabstürzen und den Kollegen Jens Riewa unter sich begraben könnten. Die aus dem Rahmen fallenden Bilder auf der Wand, von der sich die Verantwortlichen eine Emotionalisierung der Nachrichten versprechen, wirken erschlagend und bergen die Gefahr, den Nachrichtengehalt zu verschütten. Aber in diesem neuen Studio ist einfach alles groß.
    Auch die Moderationstische, die wie überdimensionale Pantoffeltierchen anmuten und auch gut in der Kommandozentrale von Raumschiff Enterprise aufgehoben wären. Verantwortlich zeichnet allerdings nicht Captain Kirk, sondern sinnigerweise der gleiche Designer, der auch die monströsen Moderationsmöbel im ZDF-Heute-Studio kreiert hat. Nun ist der Mensch bekanntlich ein Gewohnheitstier, mag sich an die neue Tagesschau gewöhnen. Und mag also sein, dass der Zuschauer demnächst auch seine privaten Fotos im Format zehn mal zehn Meter abziehen lässt. Caren Miosga jedenfalls, die Moderatorin der Tagesthemen, scheint sich in den Dimensionen des neuen Studios wohlzufühlen.
    Frau Miosga hat in einem Interview bekannt, dass ihr dieses Studio neue Arbeitsmöglichkeiten bietet und sagte wörtlich:
    "Ich bin lebendig und habe Füße."
    Und die zeigt sie jetzt auch, samt Beinen, wenn sie vor der 18-Meter-Medienwand losgelöst vom Pantoffeltierchen-Tisch herumwandelt. Mit Pumps, deren Absätze auf dem Boden hörbar klackern. Entweder ist billiges Laminat verlegt worden, oder die Mikrofone in dem Studio sind ihr Geld wert.