Donnerstag, 09. Februar 2023

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Armenier-Resolution im Bundestag
"Die Leugnung dieses Verbrechens ist eine zweite Tragödie"

Die Leugnung des Völkermords an den Armeniern habe sich "zu einer Art Teil des türkischen Patriotismus entwickelt", sagte der Schriftsteller Zafer Senocack. "Jeder türkische Patriot muss eigentlich dieses Verbrechen leugnen, um Patriot sein zu können, und das ist furchtbar." Man müsse aufpassen, dass sich nicht ein neuer Kulturkrieg zwischen Ost und West entwickle.

Zafer Senocack im Gespräch mit Rainer-Berthold Schossig | 01.06.2016

    Armenier erinnern bei einer Demonstration in Jerusalem an die Opfer des Völkermords 1915.
    Armenier erinnern bei einer Demonstration in Jerusalem an die Opfer des Völkermords 1915. (imago / Zuma press)
    Rainer-Berthold Schossig: Mit einem Jahr Verspätung wird der Bundestag morgen über eine Resolution zu den Massakern an den Armeniern im Osmanischen Reich abstimmen. Dabei kamen im Jahr 1915 etwa anderthalb Millionen Armenier ums Leben. Heute bedauert die Türkei die Verbrechen, lehnt eine Einstufung als Völkermord jedoch ab. Aber genau um diesen Begriff "Völkermord" geht es in der Resolution. Frage an den Schriftsteller Zafer Senocak, zurzeit in Istanbul: Wenn Hunderttausende Menschen systematisch interniert, vertrieben und umgebracht werden, wie soll man das denn anders nennen als Völkermord?
    Der Schriftsteller Zafer Senocak
    Der Schriftsteller Zafer Senocak (imago images / Horst Galuschka)
    Zafer Senocak: Ja, das ist eine rhetorische Frage. Ich habe da auch keine anderen Begriffe. Das was 1915 passiert ist, aber auch Ende des 19. Jahrhunderts gab es ja bereits zahlreiche Massaker an der armenischen Bevölkerung in Anatolien, das ist ein Prozess gewesen, der leider über Jahrzehnte gegangen ist und sehr unrühmlich und furchtbar für die armenische Bevölkerung im Osten Anatoliens geendet hat.
    Schossig: Weltweit ist sich ja eine Mehrheit von Historikern darüber einig, dass das 1915 ein Genozid an Armeniern und an anderen christlichen Minderheiten war, wie Sie gerade sagen. Warum dann aber immer noch in der Türkei so viel Widerstand bis hinauf zum Präsidenten? Der will ja das Wort Völkermord in der geplanten Armenien-Resolution gar nicht lesen.
    "Die Leugnung dieses Verbrechens ist eigentlich eine zweite Tragödie"
    Senocak: Ja, das ist eine wirklich tragische Geschichte. Nicht nur die Ereignisse, sondern auch die Leugnung dieses Verbrechens ist ja eigentlich eine zweite Tragödie, muss man sagen. Im Grunde genommen hat sich die Leugnung zu einer Art Teil des türkischen Patriotismus entwickelt. Jeder türkische Patriot muss eigentlich dieses Verbrechen leugnen, um Patriot sein zu können, und das ist furchtbar. Das ist eine Art Knoten, der bisher einfach nicht aufgeknüpft werden konnte, und ich hoffe, dass im Grunde genommen die nächsten Generationen einen anderen Blick gewinnen. Aber im Moment sieht es ja nicht so danach aus, weil die Türkei sich ja leider in eine Richtung entwickelt, in der ein kritischer Umgang mit der eigenen Geschichte, eine Art Erinnerungskultur gar nicht aufgebaut werden kann. Das Land ist ja mit der Gegenwart so stark beschäftigt und auch so kontrovers beschäftigt, dass diese Betrachtung der Geschichte und ein Aufbau einer demokratischen Erinnerungskultur nicht möglich scheint im Moment.
    Schossig: In der Europäischen Union heißt es ja auch, im Glashaus sitzen und Steine schmeißen, wenn man das so jetzt kritisiert. Das hat ja auch so eine symbolische Funktion, diese Resolution, wo wir aufpassen müssen als Europäer, dass wir da nicht selbstgerecht sind und von den Türken etwas erwarten an korrektem Patriotismus und Geschichtsaufarbeitung, was wir selber in Europa zu vergessen scheinen im Augenblick.
    Senocak: Das sind ja vollkommen richtige, aber zwei verschiedene Sachen. Das eine ist ja tatsächlich, dass wir im Moment einem Zeitgeist hinterherlaufen oder hineinrutschen, in der der Nationalismus wieder schick ist, in der sozusagen der Pathos der Nation und auch die Geschichtsklitterung wieder möglich ist. Das finde ich für ganz Europa hoch gefährlich. Das ist nicht nur eine türkische Frage, absolut richtig. Aber es ändert nichts am Leid der armenischen Bevölkerung, es ändert auch nichts am Leid der Armenier, das über Generationen weitergetragen wird, auch durch die Leugnung, aber es ändert auch nichts am Leid eines Menschen, der in Anatolien sein Haus und sein Leben verloren hat, und deswegen muss man einfach diese Dinge getrennt betrachten und gleichzeitig aber auch in Erinnerung rufen. Ich finde es ganz gut, dass der Deutsche Bundestag auch die deutsche Mitbeteiligung erwähnt an diesem Fall.
    Schossig: Und um die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches unter Wilhelm II. geht es ja auch.
    "Das relativiert diese Verbrechen nicht."
    Senocak: Absolut! Das ist auch ein Zeichen, dass es nicht darum geht, einen Sündenbock zu suchen, nämlich die Türkei heute oder das Osmanische Reich damals, sondern die Tragik des Nationalismus in Erinnerung zu rufen. Das ist das, was uns für die Zukunft wappnen kann gegen ganz, ganz schlimme Entwicklungen.
    Schossig: Gibt es für Deutschland eine Art Lehre aus den damaligen Ereignissen?
    Senocak: Deutschland ist nun eigentlich das Land in Europa, das wahrscheinlich aus den historischen Ereignissen die größten Lehren gezogen hat, natürlich auch notgedrungen durch die schrecklichen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, die Verbrechen am europäischen Judentum, aber auch durch eigene Leiden, durch die Niederlage 1945, und das hat dazu geführt, dass die Deutschen, glaube ich, als Volk, als Nation sich am meisten mit der eigenen jüngsten Vergangenheit beschäftigt haben. Das kann man weder für die Franzosen, noch für die Engländer, noch für die Türken, noch für irgendwelche anderen Nationen sagen. Leider ist die Menschheitsgeschichte voller solcher Verbrechen. Das relativiert diese Verbrechen nicht. Aber wir müssen an die Ursachen ran und an die Ursachen können wir nur ran, wenn wir wirklich in den Spiegel schauen und erst mal am eigenen Haarzopf uns ziehen.
    Schossig: Sie haben ein schönes Buch geschrieben mit dem wunderbaren Titel "Der gebrochene Blick nach Westen". Sie meinen den türkischen Blick. Wie könnte man denn zu einem sachlichen ostwestlichen Divan, sage ich mal, zurückfinden, ohne Unterstellungen, Drohungen, Beschimpfungen?
    "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen Kulturkrieg rutschen"
    Senocak: Ja. Dieses Buch ist zwar 20 Jahre alt, doch leider ist dieser Titel sehr aktuell, aktueller denn je. Heute entwickelt sich tatsächlich wieder so etwas wie ein Kulturkampf, in dem die Gräben tiefer geworden sind. Der Blick von West nach Ost ist sehr getrübt und da müssen wir alle sehr aufpassen, dass wir nicht in so einen Grabenkampf hineinrutschen, in so einen Kulturkrieg, in dem sozusagen der andere immer der Böse ist und Brücken überhaupt nicht mehr funktionieren. Es geht darum, wieder zu entdecken, wo die schwachen, die schlimmen Seiten der eigenen Geschichte und auch der anderen miteinander verknüpft sind, und gerade zwischen deutscher und türkischer Geschichte - das sehen wir jetzt wieder - gibt es viele, viele Verknüpfungen.
    Schossig: Kein Kulturkrieg bitte - das war der Schriftsteller Zafer Senocak zu der Resolution, über die morgen im Bundestag abgestimmt werden soll.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.