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StartseiteEine WeltArmutsbekämpfung und Versöhnung27.10.2007

Armutsbekämpfung und Versöhnung

Große Herausforderungen für das kleine Burundi

Seit der Unabhängigkeit Burundis 1962 hat der Konflikt zwischen der Mehrheit der Hutu und der Minderheit der Tutsi das Land bestimmt. Im August 2000 wurde dann der Vertrag für Frieden und Versöhnung unterzeichnet. Doch bis heute hat sich Burundi nicht erholt. Hunderttausende Vertriebene und Flüchtlinge sind zurückgekehrt: Sie gilt es wieder eingegliedern, doch das Land zählt zu den allerärmsten der Welt. Das schafft neue Konflikte im Kampf um das knappe Ackerland.

Von Susanne Grüter

Menschen im Flüchtlingslager Gatumba, Burundi, vor Opfern des Hutu-Überfalls vom 13.8.2004 (AP)
Menschen im Flüchtlingslager Gatumba, Burundi, vor Opfern des Hutu-Überfalls vom 13.8.2004 (AP)

Tänzer in Leopardenfell und Trommelgruppen im rot-grünen Gewand haben sich versammelt. Ein neues Versöhnungszentrum wird im Norden Burundis eingeweiht - als Anlaufpunkt für alle aus der umliegenden Region, die Streit mit dem Ehemann, der Familie oder den Nachbarn haben. Es soll helfen, Konflikte beizulegen, bevor sie mit der Machete ausgetragen werden.

Viele Honoratioren sind zur Feier gekommen. Reden werden gehalten. Auch Francois Ndarugirire schaut vorbei. Der 53jährige Lehrer ist im Nebenberuf traditioneller Schlichter.

"Die meisten Konflikte gibt es mit Flüchtlingen, die schon nach den blutigen Auseinandersetzungen 1972 geflohen sind und jetzt wieder zurückkommen. Die haben Probleme, weil sie ihr Eigentum nicht mehr vorfinden. Aber die, die nach den Massakern 1993/94 geflohen sind, haben meistens jemanden am Ort gelassen, entweder den Großvater oder den Onkel, der auf Haus und Grundstück aufgepasst hat, und da entstehen heute weniger Probleme."

Noch etwa 100.000 burundische Flüchtlinge leben zur Zeit in Tansania, viele von ihnen schon seit 1972. Laut internationaler Vereinbarung müssen sie bis 2009 in ihre Heimat zurückkehren. Hinzu kommen die sogenannten "Deplazierten", die intern Vertriebenen. Eine fast unlösbare Aufgabe für den kleinen, ostafrikanischen Agrarstaat, der gleich eine Vielzahl von Problemen zu bewältigen hat: Armut, Hunger, Dürren, Landknappheit, Überbevölkerung, Aids und Bildungsnotstand.

Viele Vertriebene können überhaupt nur dank ausländischer Unterstützung überleben. Francoise Ntirampeba hat besonderes Glück gehabt. So gut wir ihr geht es den meisten anderen Flüchtlingen nicht. Die 29jährige Tutsi betreibt ein kleines Restaurant im Städtchen Gasorwe im Norden. Die Deutsche Welthungerhilfe ermöglichte ihr, ein bescheidenes Haus zu bauen und einen Kühlschrank zu kaufen. Jetzt bekocht Francoise täglich über 50 Gäste.

Sie war noch ein Kind, als der Hutu-Tutsi-Konflikt ausbrach. Sie wurde plötzlich auf der Straße von anderen Kindern als Kakerlake beschimpft.

"Ich war dann bei meiner Tante und hörte, wie jemand sagte, dass es jetzt sehr schwierig wird und sie jetzt überall nach Tutsi suchen. Ich
wusste überhaupt nicht, was Tutsi sind, ich dachte, das sind Banden, die kommen, um zu stehlen, ich habe es überhaupt nicht verstanden damals. Und dann kam plötzlich jemand mit einem Knüppel und wollte auf mich einschlagen. Meine Tante ist dazwischen gegangen und hat mich gerettet. Wir haben gesehen, dass die anderen Tutsi geflohen sind, und unsere Familie ist dann auch weggegangen."

Zwei Verwandte von Francoise wurden getötet. Als 1993 der gewählte Hutu-Präsident ermordet wurde, kam es zu Ausschreitungen gegen die Tutsi. Diese wiederum lösten eine Gewaltwelle gegen die Hutu aus. Francoise ist zurückgekehrt. Sie und ihre Familie empfinden keinen Haß.

"Heute spielt der ethnische Konflikt keine große Rolle mehr, ich fühle mich sicher. Das ist nicht das, was die Leute spaltet, sondern heute geht es allen darum, etwas zu verdienen, einen Vorteil zu haben und sich zu bereichern."

Auch der Schlichter Francois Ndarugirire sieht das ähnlich.

"Offen sieht man keine Konflikte zwischen Hutu und Tutsi, wenngleich es sie unterschwellig schon noch gibt, aber sie sind nicht wirklich nennenswert. Die meisten Burundier sind Bauern. Die haben alle die gleichen Sorgen, sie machen alle die gleiche Arbeit. Zwischen ihnen gibt es keine ethnische Rivalität."

Es geht vor allem um Landbesitz. Es gibt nicht genug Flächen für die Rückkehrer. Francois Ndarugirire ist um einen gerechten Ausgleich bemüht. Versöhnung und Bekämpfung der Armut sind die großen Themen in Burundi. Das empfinden auch neutrale Beobachter so.

Marianne Kühn lebt seit 30 Jahren in der Hauptstadt Bujumbura.

"Nicht nur die Armut an sich, sondern auch dieses menschliche Verhalten hat sich hier geändert durch die Armut. Man ist aggressiver geworden, und die Kriminalität hat hier einen enormen Zuwachs gehabt, und die Menschen haben auch eine andere Mentalität angenommen."

Die Berlinerin hat bei verschiedenen deutschen Hilfsprojekten mitgearbeitet und engagiert sich schon lange für burundische Kinder. Den Bürgerkrieg hat sie hautnah miterlebt, das Land bis auf ein paar Tage damals nicht verlassen.

"Es war eine zeitlang, da traf man sich nicht auf Partys, da traf man sich vor der Kirche, weil wieder eine Beerdigung war. Das war eine schlimme Zeit, muss ich sagen. Unser ganzes Personal kam dann mit Kind und Kegel hierher. Bei uns in der Garage waren über 40 Personen, die dann hier bei uns geschlafen haben, und die von uns versorgt wurden, weil die Militärs hier durch die Gegend jagten, und da waren viele Auseinandersetzungen."

Vor dem Krieg, sagt Marianne Kühn lag das Jahreseinkommen bei rund 200 $, heute verdienen die meisten hier vielleicht die Hälfte. Daran kann man ablesen, wie sehr der Bürgerkrieg das Land zurückgeworfen hat. Mit einer erkennbaren Wende rechnet Marianne Kühn nicht.

"Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden, aber keiner sagt wie, es gibt keine Industrie, wir sind ne Enklave, wir sind Inland, wir haben keine Rohstoffe, aber es soll hier irgendwas aufgebaut werden, aber kein Mensch kann uns sagen, was."

Die politische Lage ist unsicher, ein unblutiger Putsch, schwierige Friedensverhandlungen und verschiedene Übergangsregierungen lösten einander ab bis 2005.

"Dann waren die Wahlen, es wurde dann der Präsident gewählt, der sich ja auf seine Fahne die Bekämpfung der Korruption geschrieben hatte, und nun wartete man mit großer Spannung, wie wird das durchgesetzt. Gut, man muss noch warten, er ist jetzt 2 Jahre da, aber es macht sich schon eine gewisse Enttäuschung breit, die Korruption steigt mehr und mehr an, und da fragt man sich, wie man das lösen kann."

Marianne Kühn findet keine Antwort. Die jetzige Regierungspartei hat sich gespalten und keine Mehrheit mehr im Parlament. Seit Monaten kann der Präsident keine Entscheidung fällen. Noch immer sorgt eine kleine Gruppe von Rebellen für Unruhe. Francois Ndarugirire, der traditionelle Schlichter, ist schon von Berufswegen kein Pessimist. Aber auch er blickt besorgt in die Zukunft.

"Die jetzige Situation ist gefährlich. Die Politiker registrieren nicht die Probleme an der Basis, sondern beschäftigen sich viel zu sehr mit den eigenen Angelegenheiten, und die Bevölkerung versteht das nicht. Da kann was schief gehen."

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