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StartseiteStreitkultur"Ist Zuversicht gefährlich?"31.08.2019

Arnold Retzer vs. Ulrich Schnabel "Ist Zuversicht gefährlich?"

Wie wichtig ist Zuversicht im Leben? Zuversicht und Hoffnung haben ein sehr gutes Image, aber brauchen wir sie wirklich? Oder stehen uns solche traditionell positiv besetzten Werte oft im Weg und machen uns ganz miese Stimmung?

Moderation: Susanne Fritz

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Mann auf dem Seil balancierend während der Hochseildarbietung im Rahmen der Kulturellen Landpartie.  (imago / anemel)
Manche Menschen brauchen Zuversicht (imago / anemel)

Viele Menschen versprechen sich positive Effekte von der Zuversicht für ihr Leben. Dasselbe gilt übrigens auch für Optimismus und für positives Denken: hochgelobte Tugenden, die oftmals im selben Atemzug genannt werden. In den Buchhandlungen füllen Ratgeber zum positiven Denken ganze Regale. Zudem ist gerade erst wieder eine neue Studie von amerikanischen Medizinern erschienen, die optimistischen Menschen eine längere Lebenserwartung bescheinigt. Doch wie wichtig sind solche Tugenden für unser Leben wirklich? Brauchen wir die Zuversicht für ein gelungenes Leben? Oder setzen wir uns durch solche Tugenden, wie der Zuversicht nur unter enormen Druck, sorgt sie dadurch vor allem für miese Stimmung? Und ist Zuversicht vielleicht bisweilen sogar gefährlich?

Pro: Arnold Retzer, Mediziner, Psychotherapeut und Buchautor. Er verfasste eine Streitschrift gegen das positive Denken mit dem Titel "Miese Stimmung".

"Ja, sie ist nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Zwar ist Zuversicht nicht so wichtig und bedeutungsvoll, dass man sie schon als gefährlich bezeichnen könnte. Als Arzt kann ich Ihnen sagen, es gibt Gefährlicheres. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und das Alter sind weitaus gefährlicher. Nämlich oftmals tödlich! Das Alter sogar immer tödlich! Dennoch scheint mir die Zuversicht oder genauer, die uneingeschränkte positive Wertschätzung der Zuversicht nicht ohne zu sein, weil dadurch die möglichen negativen Seiten der Zuversicht verdeckt werden. Das gilt auch für andere zurzeit hochgejubelten Lebensmaximen wie Hoffnung, positives Denken, gute Laune, Spaß und Glück.

Der gegenwärtige Hype all dieser positiven Gestimmtheiten macht beispielsweise die Zuversicht zu einem zentralen Bestandteil des gegenwärtigen gesellschaftlichen Anforderungsprofils, dem man genügen sollte, will man nicht unangenehm auffallen. Dadurch erscheint mir, dass sich ein weites Feld falscher Lebensstile eröffnet, neuer Pathologien. Man könnte zum Beispiel an neue psychische Störungen denken - "ein Zuversichts-Mangel-Syndrom" -  so will ich das mal nennen, das man aber mit der entsprechend angebotenen Zuversichts-Therapie oder einem Zuversichts-Coaching und den entsprechenden Drogen aus der Apotheke oder einem Dealer des Vertrauens behandeln kann, ja behandeln sollte, will man nicht unangenehm auffallen."

Kontra: Ulrich Schnabel, Wissenschaftsredakteur der "ZEIT" und Buchautor. Er hat das Buch geschrieben mit dem Titel: "Zuversicht – die Kraft der inneren Freiheit – und warum sie heute wichtiger ist denn je".

"Nein, man darf Optimismus und Hoffnung nicht in eins setzen. Ich würde sagen, wenn mit Zuversicht ein naiver Optimismus gemeint ist, also im Sinne von "Alles wird gut – wir brauchen uns nicht zu sorgen", dann ist das sicher wenig hilfreich und vielleicht sogar schädlich, weil man dazu tendiert, Probleme dann eher kleinzureden, zu ignorieren, zu sehr durch die rosa Brille zu sehen und dadurch natürlich erst recht in die Krise zu kommen. Wenn Sie aber mit Zuversicht eine Haltung meinen, die Ihnen gerade in schwierigen Situationen hilft, handlungsfähig zu bleiben, dann ist das natürlich nicht gefährlich, sondern geradezu lebensrettend. Und für mich ist Zuversicht deshalb eine Haltung, die uns in Krisen aufrecht hält, die uns erlaubt, einerseits den Ernst der Lage klar zu sehen und trotzdem den Lebensmut nicht zu verlieren. Selbst wenn die Dinge schwierig oder aussichtlos sind. Man könnte auch sagen, Zuversicht ist eine Art von grundlegender Lebensenergie, die uns das Gefühl gibt, dass es sich lohnt, morgens aufzustehen und sich für die Dinge einzusetzen, die uns sinnvoll erscheinen. Egal wie es am Ende ausgeht."

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