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Asbest: ein gefährlicher Stoff mit Langzeitfolgen

Asbest ist heute schon die häufigste Ursache von tödlichen Berufskrankheiten. Experten schätzen, dass die Zahl der Asbesterkrankungen in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Deshalb will die Weltgesundheitsorganisation ein weltweites Verbot von Asbest.

Von Anna Florenske | 07.06.2011

Asbest ist ein Naturstoff. Ein Mineral, das in der Erdkruste steckt. Fest gebunden ist es dort völlig ungefährlich. Das ändert sich, wenn Asbest bearbeitet wird, sagt Rolf Packroff von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

"In dem Moment, wo Sie etwas mit Asbest machen, werden sehr, sehr große Mengen für sie nicht sichtbarer Faserstäube freigesetzt, die sie mit dem Auge nicht sehen. Die dann die Eigenschaft haben, eingeatmet zu werden bis in die Lungen, bis in die Lungenbläschen vorzudringen. Und: Diese Fasern, einmal eingeatmet, bleiben dort, ein Leben lang."

Der Asbest ist eine heimtückische Gefahr, warnt Rolf Packroff.

"Man sieht ihn nicht, man riecht ihn nicht, man atmet ihn ein, merkt nichts dabei, man fühlt sich wohl, man fühlt sich gesund. Man arbeitet."
Allein in Deutschland haben mindestens eine Million Menschen mit Asbest gearbeitet. Die Folgen des sorglosen Umgangs zeigen sich in der Regel erst viel später, sagt Thomas Kraus, Arbeitsmediziner von der Uniklinik in Aachen.

"Das ist ein ganz typischer Befund bei asbestbedingten Erkrankungen. Die treten nicht sofort auf, sondern sie treten sehr viel später nach der Belastung auf. Im Schnitt sind es sogar 30 bis 40 Jahre später. Das heißt auch, wenn jetzt in Deutschland fast niemand mehr asbestbelastet tätig ist, steigen nach wie vor die Erkrankungszahlen."

Schon heute sind die Zahlen hoch: 3000 Menschen erkranken im Jahr an den Folgen ihres Asbestkontaktes. Und jährlich sterben 1000 Menschen daran. Asbesttypische Erkrankungen, das sind verschiedene Krebsarten wie Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs und Rippenfellkrebs. Die häufigste Krankheit, die durch die Fasern entstehen kann, ist die Asbestose. Hier ist das Lungengewebe durch die eingeatmeten Fasern versteift, sodass Betroffene unter Atemnot, Husten und generell einer geringen Belastbarkeit leiden. Doch es ist durchaus schwer, den Asbest als Übeltäter für diese Krankheiten zu überführen: Andere Ursachen müssen ausgeschlossen werden, denn dem Asbest eigene Symptome gibt es nicht, erklärt Professor Kraus.

"So ist es. Es ist eine Kunst der Befragung, der Anamnese, der genauen Analyse der früheren Beschäftigungsverhältnisse, um daraus dann zu schließen: Ja, hier war eine Asbestbelastung. Und dann das in Verbindung zu bringen mit der jetzigen Erkrankung."

Bildgebende Verfahren wie die Computertomografie erleichtern zwar die Diagnose – durch sie ist eine Asbesteinwirkung heute meist eindeutig nachzuweisen. Trotzdem ist die Dunkelziffer - also die Zahl der asbestbedingten Krankheiten, die nicht erkannt werden – immer noch recht groß, vermutet der Arbeitsmediziner. Vielleicht, weil viele Mediziner gar nicht mehr an Asbest denken.

"Da müssen wir auch ganz viel Fortbildungsarbeit leisten, bei anderen Ärzten, die keine Fachärzte für Arbeitsmedizin sind. Denn die kommen zuerst zum Hausarzt oder zum Facharzt für Lungenheilkunde. Und der muss das dann eben wissen, dass die Erkrankung auch durch Asbest verursacht sein kann."

Wichtig sind auch die neuen ärztlichen Leitlinien zur "Diagnostik und Begutachtung asbestbedingter Berufskrankheiten".

""Die Diagnostik und Begutachtung erfolgen bisher uneinheitlich und häufig nicht nach dem klinisch-wissenschaftlichen Kenntnisstand", "

... erklärt dazu der Arbeitsmediziner Xaver Baur von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, der an den Leitlinien mitgearbeitet hat.

Denn: Auch wenn sich keine der asbestbedingten Krankheiten heilen lässt – für die Betroffenen ist der Beweis trotzdem sehr wichtig, wenn es um die Anerkennung als Berufskrankheit geht. Nur damit bekommen Asbestgeschädigte wenigstens eine finanzielle Entschädigung von der Deutschen Unfallversicherung - für die Leiden, die ihnen die angebliche "Wunderfaser" beschert hat.

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